Dienstag, 12. November 2019

Automobilherstellung Grün vom Band - wie Autowerke CO2-Diät machen

Heizkraftwerk am VW-Stammsitz Wolfsburg: Gas statt Steinkohle soll Millionen Tonnen CO2 einsparen
Hauke-Christian Dittrich / DPA
Heizkraftwerk am VW-Stammsitz Wolfsburg: Gas statt Steinkohle soll Millionen Tonnen CO2 einsparen

Er hätte etwa die Elektroauto-Strategie für die kommenden Jahre durchdeklinieren können. Oder klare Ziele für den Ausbau der Mobilitätsdienste nennen. Solche Themen hätten wunderbar zum Amtsantritt als Daimler-Chef gepasst. Doch Ola Källenius entschied sich lieber für das große, weit in die Zukunft reichende Ganze. Zehn Tage vor der Daimler-Hauptversammlung am 22. Mai erklärte der Nachfolger von Dieter Zetsche, den Autokonzern künftig viel stärker auf Klimaschutz trimmen zu wollen.

Bis 2022 soll die Produktion von Mercedes-Pkw in Europa komplett CO2-neutral laufen, gab Källenius kurz vor seiner Amtsübernahme die neue Marschroute vor. Bis 2039, so kündigte es der neue Daimler-CEO an, soll die Flotte der Schwaben komplett CO2-neutral fahren - von der Produktion bis hin zum Betrieb. Zulieferer sollen künftig dazu verpflichtet werden, ihre Teile möglichst CO2-arm herzustellen. Damit diese Ziele von der Führungsetage mit Nachdruck verfolgt werden, wird künftig ein Teil der Vorstandsvergütung an die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele gekoppelt.

Ein Daimler-Boss als Klimaschützer? Diese Wandlung dürfte bei vielen grün-orientierten Deutschen auf eine gesunde Portion Skepsis stoßen. Bislang galt die Unternehmen der Autobranche nicht unbedingt als Vorkämpfer für Öko-Themen. Zwar müht sich die Branche seit Jahren, ihre Fabriken zumindest in Europa einigermaßen ressourcen- und gewässerschonend zu betreiben. Seit dem Diesel-Skandal muss sich die Autobranche dafür aber - nicht ganz unberechtigt - den Vorwurf des Greenwashing gefallen lassen.

Dabei sitzt der Branche aber die EU und ein Pariser Abkommen im Nacken: Bis 2030 müssen die CO2-Emissionen bei Neuwagen in der EU im Schnitt um 37,5 Prozent gegenüber 2020 sinken. Bis 2050 soll die deutsche Wirtschaft weitgehend CO2-neutral arbeiten - also keine zusätzlichen Tonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre blasen. So will es die deutsche Regierung in Übereinstimmung mit dem im Pariser Klimaschutzabkommen.

Grüne Themen werden für Autohersteller wichtiger

Schaffen die Autohersteller diese Ziele nicht, drohen empfindliche Geldstrafen - und obendrauf noch ein heftiger Ansehensverlust. All das müssen die Manager tunlichst vermeiden, wenn sie weiterhin gute Geschäfte machen wollen. Zwar sind andere Branchen noch schlimmere Klimasünder als die Autobauer: Die Energiewirtschaft mit ihren Kohlekraftwerken etwa steht in der Klimasünder-Liste weit oben, ebenso wie Stahlerzeuger, Baustoff-Produzenten oder die Luftfahrt. Doch die Automobilindustrie ist nun mal die wichtigste deutsche Industriebranche und steht damit auch besonders im Fokus der Öffentlichkeit.

Bei den Pkws soll die breitflächige Elektrifizierung via Hybrid- und reinem Batterieantrieb die CO2-Flottenbilanz in der Zukunft retten. Doch die deutschen Autobauer wissen auch, dass dies für Konsumenten künftig nicht genug sein wird. Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind keine Randthemen für Öko-Bewegte mehr, sie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Autokäufer wollen nicht mehr nur wissen, wie viel Gramm CO2 ihr Fahrzeug je gefahrenem Kilometer in die Luft bläst. Sie wollen auch Antworten auf die Frage haben, wie viel - oder besser noch wie wenig - CO2 bei der Produktion ihres Autos freigesetzt wurde.

Bislang haben Autohersteller zwar gerne über Wassereinsparungen und die Verwendung von Ökostrom in ihren Werken berichtet, die CO2-Frage aber lieber außen vorgelassen. Ein Grund dafür ist wohl, dass in großen Autofabriken auch Stahl verarbeitet wird. Dafür ist bislang fast überall Kohle notwendig, was die CO2-Gesamtbilanz eines Autowerks ordentlich belastet. Mit dem Schwenk Richtung E-Autos scheint dabei allerdings einiges in Bewegung zu kommen. Die großen deutschen Autohersteller geben sich sichtlich Mühe, ihre Autofabriken mit weniger CO2-Emissionen zu betreiben - und nehmen dafür auch einiges Geld in die Hand.

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