Elektroauto-Start-up startet Community-Funding Warum Sono Motors Finanzinvestoren den Laufpass gibt

Sono Motors-Gründer Jona Christians (li.), Laurin Hahn (re.): Community-Funding statt Finanzinvestoren für den Start ihres Solar-Elektroautos Sion

Sono Motors-Gründer Jona Christians (li.), Laurin Hahn (re.): Community-Funding statt Finanzinvestoren für den Start ihres Solar-Elektroautos Sion

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Sono Motors Solar-Elektroauto Sion: Dieses Billig-Elektroauto tankt beim Stehen

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Moos als Luftfilter im Inneren, Solarzellen statt Blech außen - und das Versprechen, bei der Produktion ihres ersten Modells Sion komplett CO2-neutral zu bleiben: Das Münchener Elektroauto-Start-up Sono Motors fiel schon bisher durch ungewöhnliche Ideen für den Automobilbau auf.

Mit einer Crowdfunding-Kampagne gelang dem 2016 gegründeten Unternehmen der Start, es holte Privatinvestoren an Bord, sicherte sich Verträge zur Auftragsfertigung im ehemaligen Saab-Werk in Trollhättan. Doch nun macht Sono bei der Finanzierung der Serienfertigung einen aufsehenerregenden Rückzieher: Die laut Eigenangaben weit gediehenen Verhandlungen mit Finanzinvestoren für eine weitere Finanzierungsrunde hat Sono abgebrochen.

Den daraus resultierenden finanziellen Engpass will Sono Motors nun mit einem ungewöhnlichen Schritt beseitigen: Mit einer 50 Millionen Euro schweren öffentlichen Community-Funding-Kampagne. Das Start-up will das Geld nun vorrangig bei seiner laut Eigenangaben 10.000 Unterstützer starken Gemeinschaft auftreiben, die Sonos E-Auto Sion bereits vorreserviert und dafür mindestens 500 Euro angezahlt haben. Und dabei wollen die Gründer auch mit maximaler, bei Start-ups eher unüblicher finanzieller Offenheit punkten.

"Bei den Verhandlungen mit großen, finanzstarken Investoren hat sich immer wieder gezeigt, dass sie nicht unsere Werte und Ziele verfolgen," begründet Sono Motors-Mitgründer Laurin Hahn den Schritt. Zwar habe man sich in den vergangenen Monaten bewusst an Finanzinvestoren gewendet. Denn der Kapitalbedarf für den Start einer Autoproduktion sei groß, die Beschaffung von Wagniskapital in Deutschland für Start-ups aber schwierig. Deshalb, so erklären Hahn und sein Mitgründer Jona Christians, blieb Sono Motors keine andere Wahl als auch mit internationalen Großinvestoren zu sprechen.

Dabei habe man sich aber teils "verbogen", zwischen den Versprechen an die Reservierer und den Anforderungen der Investoren "zerrieben", gibt Hahn zu. Sono ist mit diesen Problemen nicht alleine: Denn Risikokapitalgeber versuchen oft, Jungunternehmen Knebelverträge aufzudrücken.

Finanzinvestoren wollten laut Sono Technologie aus Deutschland abziehen

Das Sono-Elektroauto Sion soll nachhaltig und sozial verträglich sein und in Europa produziert werden. Der eigene Nachhaltigkeitsanspruch habe schlicht nicht zum Fokus der Finanzinvestoren auf schnelle Profite und aggressives Wachstum gepasst. Mit dem Geld und den Forderungen der Finanzinvestoren wäre der Sion "so, wie wir ihn geplant haben, für 10.000 Menschen schlicht nicht auf die Straße gekommen," erklärt Hahn. Zudem wäre es "im Großen und Ganzen ein Technologie-Ausverkauf gewesen".

Schwierig war es in den Verhandlungen mit Finanzinvestoren offenbar auch wegen einer von Sono entwickelten Technologie. Die beim Sono Sion gelungene nahtlose Integration von Solarzellen in die gesamte Karosserie habe man patentieren lassen, sagt Hahns Mitstreiter und Sono-Mitgründer Jona Christians. An dem Verfahren zeigen laut Sono auch bereits europäische Nutzfahrzeughersteller Interesse. Doch das Patent wäre wohl bei einem Deal mit Finanzinvestoren ebenso wie andere Technologien ins Ausland abgewandert, gibt Sono zu verstehen.

Deshalb probierte es Sono Motors nun mit einem Finanzierungsmodell, das das Jungunternehmen als Rückbesinnung auf die Wurzeln darstellt. Im Jahr 2016 sorgte das Jungunternehmen mit einer Crowdfunding-Kampagne für ein mit Solarzellen beplanktes E-Auto für Aufsehen. Damals nahm Sono Motors so knapp über 800.000 Euro ein, die darauf folgenden klassischen Finanzierungsrunden mit professionellen Investoren brachten mehrere Millionen Euro.

Nun wendet sich das Start-up erneut an seine Gemeinschaft - allerdings um einige Dimensionen größer. Bis 30. Dezember 2019 läuft nun eine neue Community-Funding-Kampagne, mit der das Elektroauto-Start-up 50 Millionen Euro Kapital aufstellen will. Beteiligen können sich daran alle Interessierten - und zwar über die Sono Motors-Website . Sono hofft aber auf breiten finanziellen Rückhalt durch seine bisherigen 10.000 Unterstützer, die bereits ein Sion-Fahrzeug mit mindestens 500 Euro angezahlt haben.

Start-up versucht es mit maximaler Transparenz

Die aufgerufene Summe sei zwar hoch, gibt auch Mitgründer Jona Christans zu. Es sei aber machbar. "Das sind 2000 Vollpreis-Äquivalente", meint er. Denn zur Auslieferung soll der Sion dann 25.500 Euro kosten. "Wir sagen jetzt: Zahlt das Fahrzeug weiter an, damit das Projekt weiter besteht". Den entsprechenden Aufruf hat Sono am gestrigen 1. Dezember auf seiner Website gestartet.

Zugleich macht Sono seine Kunden auch zu Investoren. Als zusätzlichen Anreiz bringen die Gründer ihre Gewinnbezugsrechte in einen Pool ein. Sollte Sono Motors zukünftig Gewinne schreiben, wird ein Teil davon an die Vorreservierer ausgeschüttet.

Dabei übt sich Sono in einer für Start-ups sehr ungewöhnlichen Transparenz: Auf der Website sind nun ziemlich detaillierte Informationen über die Lage des Unternehmens abrufbar. So legt Sono etwa offen, welche Anteile das Gründerteam am Unternehmen hält (aktuell sind es 74 Prozent) und wie viel Gewinnbezugsrechte es besitzt (64,1 Prozent). Bislang, so geht aus den Zahlen hervor, hat Sono 12,6 Millionen Euro als gezeichnetes Kapital und Fremdkapital erhalten. Und in der letzten Finanzierungsrunde wurde das Unternehmen mit 110 Millionen Euro bewertet.

Einen wichtigen Punkt sprechen die Sono-Gründer auch auf ihrer Website überraschend offen an: Für die Serienproduktion des Autos werden die Gründer deutlich mehr Geld benötigen als die 50 Millionen Euro aus der Community-Funding-Runde. Denn Sono Motors muss nun unter anderem die Werkzeuge für die Serienfertigung bei Zulieferern in Auftrag geben. Der gesamte Produktionsanlauf, also der komplette Prozess der Fahrzeugentwicklung plus Produktionsanlauf, soll in den kommenden Jahren insgesamt 255 Millionen Euro kosten. Den detaillierten Fahrplan bis zur Serienfertigung macht Sono auf seiner Website ebenfalls publik.

Der Sion-Produktionsstart verzögert sich

Die bisherigen Investoren, zu denen der Autozulieferer Böllinger und der Gründer des Energiedienstleisters Juvi zählen, bleiben aber an Bord, versichern die Sono Gründer. Sie haben den Beschluss zum Community-Funding einstimmig mitgetragen.

Allerdings verzögert sich durch den Finanzierungsengpass erneut auch der Produktionsstart des Sion: Den hat Sono Motors nun auf September 2021 verschoben. Ursprünglich wollte das Start-up bereits Ende 2019 die Serienproduktion starten, zuletzt war allerdings schon vom zweiten Halbjahr 2020 die Rede.

Am übrigen Fahrplan soll sich aber nichts ändern: Am bisher kommunizierten Preis von 25.500 Euro für den Fünfsitzer Sion will Sono nicht rütteln. Die 35 kWh-Batterie des Wagens soll eine Reichweite von 250 Kilometern ermöglichen. Die Entwicklungskosten drückt Sono unter anderem durch die Verwendung von Bauteilen, die bereits bei anderen Herstellern im Einsatz sind. Zudem wird der Wagen nur in einer Ausführung und einer Farbe gebaut. Teure Lackierarbeiten spart sich Sion durch die Verwendung seiner Solarzellen-Außenhaut. Die soll pro Tag Strom für bis zu 34 Kilometer zusätzliche Reichweite erzeugen und in den Akku speisen. Gebaut werden soll das Auto im ehemaligen Saab-Werk in schwedischen Trollhättan, dort sollen ab 2021 über acht Jahre insgesamt 225.000 Sions vom Band laufen.

Kritik äußert Sono nicht ganz überraschend an den Finanzierungsbedingungen in Deutschland. Die Bereitstellung von Wagniskapital für kapitalintensive Geschäftsmodelle funktioniere "weder in der Früh- noch in der Wachstumsphase", heißt es in einer Mitteilung. Hätte man sich nur auf deutsche Fördermaßnahmen oder das Marktumfeld verlassen, gäbe es Sono Motors in seiner heutigen Form "wahrscheinlich nicht".

Und auch an der von der Bundesregierung nun erhöhten Umweltprämie für den Kauf von Elektrofahrzeugen hat Sono aktuell zu knabbern. Denn das Fördermodell sieht vor, dass Autohersteller die Hälfte der Förderung finanzieren - also 3000 der nunmehr 6000 Euro Umweltprämie selbst tragen. Anders als traditionelle Autohersteller könne Sono das nicht über andere Modelle querfinanzieren. "Das können wir als Start-up nicht stemmen", sagt Hahn. Sono Motors hofft aber wie auch das Aachener Elektroauto-Start-up E.Go, dass die Bundesregierung hier eine Ausnahmeregelung für Jungunternehmen findet.

Sono steht also an einem kritischen Punkt und muss nun darauf zählen, dass die Sion-Fans einen großen Teil ihrer quasi öffentlichen Kapitalrunde mittragen . Dabei wollen die jungen Gründer aber - wenn der Produktionsanlauf klappt - auch auf einem anderen Zukunftsfeld punkten: Dem Carsharing. Denn eine Funktion, die das Teilen des Fahrzeugs mit anderen per Knopfdruck möglich macht, hat der Sion bereits ab Werk eingebaut. "Der Sion ist gemacht, um geteilt zu werden", beschreibt es Hahn. Dem Unternehmen will damit laut Eigenangaben erreichen, dass bereits produzierte Fahrzeuge gut ausgelastet werden und so der Straßenverkehr einen Schritt weit reduziert werden kann.

Zunächst geht es aber erstmal darum, dass die Community den Fortbestand des Unternehmens sichert.

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