Samstag, 7. Dezember 2019

Ablenkung des Fahrers Schweizer bekritteln Teslas Touchscreen

Tesla Model S: Ein Schweizer Staatsanwalt lässt nun untersuchen, ob der Riesen-Touchscreen des Elektroautos in der Schweiz zulässig ist

Für den Elektroauto-Hersteller Tesla bahnt sich eine unangenehme Auseinandersetzung an: Ein Schweizer Staatsanwalt lässt laut einem Medienbericht untersuchen, ob der riesige Touchscreen in Teslas Model S Fahrer zu stark vom Verkehrsgeschehen ablenkt.

Hamburg - Bescheidenheit ist eine seltene Zier in der Welt der Automobilhersteller. Der Elektroauto-Pionier Tesla Motors bildet da keine Ausnahme - und schwelgt gerne in Superlativen.

Ihrem Model S haben die Kalifornier den leistungsstärksten Akku in den Unterboden geschraubt, der derzeit am Markt erhältlich ist. Die fünf Meter lange Luxuslimousine bietet so viel Stauraum wie kein ein anderes Auto dieser Größe. Und in die Mittelkonsole hat Tesla den bislang größten in einem Auto verwendeten Touchscreen eingebaut: 17 Zoll, also 43 Zentimeter, misst er in der Diagonale. Das ist so groß wie zwei nebeneinander gelegte iPads, wie Tesla früher gerne betonte.

Der Bildschirm ist aber weit mehr als ein optisches Gimmick, sondern für Fahrer des Autos ein zentrales Arbeitsgerät. Denn über ihn lassen sich viele wichtige Funktionen des Autos steuern, etwa die Klimaanlage, das Schiebedach oder die Nebelscheinwerfer. Auch die Bedienung des Radios ist ohne Fingerdruck auf den Touchscreen schwierig. Fachleute lobten zwar mehrfach das neuartige Bedienkonzept. Doch nun regt sich in Europa Kritik an dem ungewohnten Ansatz.

Die Schweizer Handelszeitung hatte die Idee, einen hochrangigen Polizeibeamten in das Auto zu setzen. Der war zwar zunächst beeindruckt von der Bedienhilfe, äußerte aber bald Bedenken. Die Ablenkung durch den Bildschirm hielt Marco Cortesi, Chef des Mediendienstes der Stadtpolizei Zürich, für "nicht tolerierbar". Bild und Ton würden während der Fahrt so stark ablenken, dass Unfälle "markant zunehmen würden", prophezeite Cortesi der Schweizer Zeitung.

Laut dem eidgenössischen Straßenverkehrsgesetz müssen Fahrer dafür sorgen, dass ihre Aufmerksamkeit durch Kommunikationssysteme im Auto nicht abgelenkt wird. Das sei bei dem 17-Zoll-Display schwierig, so Marchesi.

Staatsanwalt leitet Untersuchungen ein

Doch es kommt noch dicker für Tesla: Ein Schweizer Staatsanwalt, der sich einen Namen als Raserjäger gemacht hat, hat nun Untersuchungen beim Züricher Straßenverkehrsamt eingeleitet. Sie sollen klären, ob der Tesla-Touchscreen nach Schweizer Recht überhaupt zulässig ist. Die rechtliche Beantwortung der Frage dürfte nicht ganz einfach werden, schreibt die Handelszeitung. Denn laut einem Schweizer Urteil ist etwa Zeitunglesen im Stau oder im Stopp-and-Go-Verkehr erlaubt.

Eine Tesla-Sprecherin sagte dazu gegenüber manager magazin online: "Das Auto ist in der Schweiz zu hundert Prozent [von der Zulassungsbehörde] abgenommen worden, auch der Touchscreen". Bislang habe es in der Schweiz noch keine Unfälle mit dem Elektroauto gegeben. Von Ermittlungen der Schweizer Staatsanwaltschaft habe Tesla bisher keine Kenntnis.

Doch auch in Deutschland gibt es teils Kritik an dem neuartigen Bedienkonzept. So urteilte der ADAC in einem Testbericht, dass der Touchscreen eine "gigantische Eingewöhnungszeit" erfordere und auch "extrem" vom Verkehr ablenke. Zwar gebe es im Tesla eine Fahrlichtautomatik, weshalb man nicht zwingend einen Lichtschalter benötige. Doch um etwa Fahrlicht und Standlicht manuell einzuschalten, müsse man die Funktion erst in Untermenüs suchen.

Die Einstellungen für Heizung und Klimaanlage werden dauerhaft im unteren Bereich des Displays angezeigt, doch dieser liege nicht mehr im direkten Blickfeld des Fahrers, monierten die ADAC-Tester. Zudem spiegle das Display bei kräftiger Sonneneinstrahlung stark und sei dann kaum ablesbar.

Ablenkungs-Problem trifft auch andere Autohersteller

Den Eindruck der langen Eingewöhnungszeit teilt manager magazin online nach zwei ausführlichen Testfahrten quer durch Deutschland und von München nach Amsterdam nicht. Allerdings verbergen sich manche wichtige Funktionen tatsächlich in Untermenüpunkten - wie etwa das Öffnen des Schiebedaches oder die Einstellung der Luftfederung.

Doch nicht nur Tesla hat das Problem, dass Fahrer möglicherweise von der Technik im Fahrzeug abgelenkt werden. Wie das deutsche Portal Golem schreibt, hat der ADAC im ersten Quartal 2013 das Problem mit Hilfe mehrere Kameras zur Blickverfolgung untersucht. In dem Test mussten Fahrer in sechs Mittelklassefahrzeugen etwa eine Radiofrequenz suchen und speichern. Das dauerte laut dem Test besonders lange.

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