Teslas Probleme mit Model 3-Fertigung Dieser Deutsche geht durch Elon Musks "Produktionshölle"

Mitten in der "Produktionshölle": Peter Hochholdinger, Teslas Vice President Production, muss die Model-3-Produktion rasch steigern, um Elon Musk und die Anleger bei Laune zu halten

Mitten in der "Produktionshölle": Peter Hochholdinger, Teslas Vice President Production, muss die Model-3-Produktion rasch steigern, um Elon Musk und die Anleger bei Laune zu halten

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Die Warnung seines Chefs war ebenso eindeutig wie schmerzlich: "In den kommenden sechs Monaten werden wir durch die Produktionshölle gehen", erklärte Tesla-Chef Elon Musk Ende Juli. Da übergab Musk gerade die ersten 30 Exemplare seines neuen Elektroauto-Modells Model 3, mit denen der kalifornische Autohersteller den Massenmarkt erobern will.

Autoproduktionsprofi Peter Hochholdinger, den Tesla Mitte 2016 von Audi  abgeworben hatte, dürfte Musks Höllen-Satz genau im Gedächtnis geblieben sein. Trotz aller Vorbereitungen, trotz der jahrzehntelangen Erfahrung Hochholdingers im Großserienbau musste Tesla jüngst beunruhigende Zahlen veröffentlichen: Gerade mal 260 Exemplare von Teslas Model 3 wurden im dritten Quartal ausgeliefert - das sind nicht einmal 4 Autos pro Werktag. Wer wie Musk den Weltmarkt aufrollen will, sollte da schon ein paar mehr Autos auf die Straße bringen. 1500 sollten es nach Teslas Ankündigungen eigentlich sein.

Damit verfehlte Tesla  sein Produktionsziel deutlich. Zwar erklärt Tesla in einer Pressemeldung zu den jüngsten Quartalszahlen, dass es keine "fundamentalen Fehler" in der Model 3-Produktion oder der Lieferkette gebe. Tesla verstehe, was dabei korrigiert werden müsse und sei zuversichtlich, die Engpässe in naher Zukunft zu beheben.

Auf Nachfrage von manager-magazin.de heißt es bei Tesla auch, dass Elon Musk bereits bei der Vorstellung der Zahlen für das zweite Quartal darauf hingewiesen habe, dem zeitlichen Rahmen eines Quartals nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Bei einem exponentiell ansteigenden Produktionsverlauf scheinen "leichte Veränderungen von ein paar Wochen hier oder da zwar dramatische Auswirkungen zu haben", erklärte Musk damals. Doch das sei einfach der "Willkürlichkeit geschuldet, mit der ein Quartal eben ende".

"Ich hatte nie einen Job, der entspannt war"

Doch bis Ende des Jahres soll die Model 3-Produktion eigentlich auf 5000 Stück pro Woche steigen - und an diesem Ziel hält Tesla weiterhin fest. Der Druck auf Hochholdinger dürfte damit wohl zunehmen. Doch das ist nichts, was der Audi-Veteran nicht schon kennt. Ganze 22 Jahre lang war der gelernte Werkzeugprüfer und diplomierte Werkstoffwissenschaftler in Ingolstadt tätig, zuletzt war er dort für die Produktion von rund 400.000 Fahrzeugen der Audi-Modelle A4, A5 und Q5 zuständig. Seit Juni 2016 ist er Vice President Production bei Tesla . Zuvor feuerte Musk noch seine bisherigen Top-Manager für die Fahrzeugproduktion, Greg Reichow und Josh Ensign.

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"Ich hatte nie einen Job, der entspannt war", erklärte Hochholdinger im Oktober 2016 in einem Interview mit der US-Fachzeitschrift Manufacturing Leadership Journal . Bei jeder seiner Aufgaben seien die Ziele "aggressiv" gewesen, so Hochholdinger - und streute damals seinem neuen Arbeitgeber Tesla Rosen. Die Autos, die Tesla herstelle, seien "sieben Jahre weiter als alles, was ich bisher gesehen habe", erklärte Hochholdinger damals.

Allerdings legt Musk die Latte für den Produktionsanlauf extrem hoch: Bereits im Dezember soll Tesla pro Monat 20.000 Model 3-Fahrzeuge bauen, postulierte Musk vor wenigen Monaten. Im Jahr 2018 soll Tesla bereits eine halbe Million Model 3 bauen, ein Jahr später dann eine ganze Million.

Eine solche Hochlaufkurve hat es bei traditionellen Autoherstellern so noch nie gegeben. Musk legt seinem Team ein wahres Höllentempo vor: Den ersten Model 3-Prototypen stellte Musk Ende März 2016 vor, bereits 15 Monate später startete die Serienproduktion. Zum Vergleich: Audi präsentierte den Prototypen seines Tesla-Fighter e-tron quattro im September 2015 auf der IAA, vom Band rollen wird der Elektro-SUV aber erst Mitte 2018.

Ist das Model 3 schon Massenproduktion - oder noch Vorserienfertigung?

Wie hoch die Belastung für Hochholdingers Team sind, lässt sich aus einem Bericht des britischen "Guardian" erahnen. Im vergangenen Jahr soll in Teslas Werk in Fremont mehr als hundert Mal ein Krankenwagen vorgefahren sein. Tesla selbst spricht von Einzelfällen und erklärt, an einer möglichst sicheren Fabrik zu arbeiten.

Wie so oft bei Tesla bezweifeln zahlreiche Branchenkenner, ob Musk seine vollmundigen Ankündigungen auch einhalten kann. In der Vergangenheit musste Musk den Produktionsstart seines Model X mehrfach nach hinten verschieben, weil es zahlreiche Probleme mit der Fertigung der komplizierten Flügeltüren gab. Ein ähnliches Schicksal könnte nun auch dem Model 3 drohen, mahnen Experten.

So berichtet etwa der Fachblog Daily Kanban  unter Berufung auf Insider-Quellen, dass eine Pilotanlage für die Fertigung von Model 3-Chassisteilen noch nicht einmal im Tesla-Werk in Fremont montiert sei - sondern noch nahe von Detroit entwickelt werde.

Die aktuellen Model 3-Serienmodelle dürften noch von Hand gefertigt werden, vermutet Daily Kanban - und sind damit noch weit von jener Produktion für den Massenmarkt entfernt, die Musk immer wieder in Aussicht stellt. Bertel Schmitt, Meinungsmacher bei manager magazin.de und einer der Betreiber von Daily Kanban, berichtete bereits Ende Juli, dass die "angebliche Serienfertigung" des Model 3 wohl eher einer Vorserienfertigung entspreche.

Tesla baute vom 7. bis zum 31. Juli gerade mal 50 Model 3-Fahrzeuge zusammen, erläuterte Schmitt in seinem Artikel auf manager-magazin.de Bei einer autobranchenüblichen Serienfertigung liefen jedoch 50 Autos pro Stunde vom Band.

Hochholdinger gibt sich siegessicher

Musk hatte vor wenigen Monaten angedeutet, dass er die bei traditionellen Autoherstellern übliche und teure Vorserienfertigung, also Probeläufe mit Testwerkzeugen, überspringen und gleich von Anfang an Fahrzeuge für Endkunden bauen wolle.

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Für Hochholdinger dürfte das ein Drahtseilakt werden, auch wenn er für ein solches Wagnis durchaus Erfahrung mitbringt. Denn in Mexiko hat Audi unter Führung von Hochholdinger eine hochmoderne Autofabrik quasi am Computer entworfen. Das Q5-Werk setzt auf Fertigungsinseln mit Robotern statt der bislang üblichen Fertigungsstraße. Die Fabrik entstand in nur dreieinhalb Jahren - und das komplett mit Computersimulationen statt Probe-Fertigungsstraßen.

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"Glaubt mir, wir werden abrocken", soll Hochholdinger Ende April über die Fortschritte bei Tesla gesagt haben. Doch aktuell sieht es so aus, als müsse er noch ein wenig in der Produktionshölle schmoren.

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