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Elektro-Van von Canoo in Bildern: Dieses Auto soll uns in die "Post-SUV-Ära" bringen

Foto: Jack Schroeder/Canoo

Ex-BMWler-Start-up Canoo stellt Prototypen vor Ein Elektro-Van für die "Post-SUV-Ära" - zur Flatrate

Ihr Erstling sieht ein wenig so aus, als hätte ein VW Bulli Krafttraining betrieben und dabei auch den rundlichen Zierrat der 50er-Jahre abgelegt. Ein "erfrischendes Überdenken" des VW-Mikrobusses attestiert das US-Onlinemedium "The Verge" dem Start-Up Canoo, das bis vor kurzem noch Evelozcity hieß. Eine "ziemlich radikale Abkehr von den bei anderen Elektroauto-Herstellern beliebten traditionellen Designs" ortet der einflussreiche Tech-Blog "Tech Crunch". Die "Los Angeles Times" beschreibt Canoos Wagen gar gleich als "Van in Form einer Brotdose".

Aufsehen erregt hat Canoo-CEO Ulrich Kranz jedenfalls am Dienstagabend, als er in Los Angeles das erste Modell des Start-Ups präsentierte. Im Dezember 2017 gründete Kranz, der jahrzehntelang bei BMW  arbeitete und dort deren Elektrooffensive Project i leitete, das Elektroauto-Start-up in Los Angeles - zusammen mit zwei weiteren Topmanagern der deutschen Autobranche. Mit an Bord ist BMWs Ex-Finanzchef Stefan Krause, mit dem Kranz zuvor das kriselnde Elektroauto-Start-up Faraday Future wieder auf Spur bringen sollte. Und noch ein dritter bekannter deutscher Manager gehörte zum Gründer-Trio: Karl-Thomas Neumann, der ehemalige Opel-Chef.

Neumann hat sich Mitte Juli 2019 aus seiner operativen Rolle bei Canoo zurückgezogen, Krause Mitte August seinen CEO-Posten aus privaten Gründen vorerst ruhend gestellt. Die Unruhe im vormaligen Spitzentrio hat aber dem ungewöhnlichen Ansatz des Elektroauto-Start-ups offenbar nichts anhaben können. In nur 21 Monaten hat Canoo einen ersten Prototypen auf vier Räder gestellt - und will dabei bewusst vieles anders machen als die wachsende Schar an Elektroauto-Start-ups in China und den USA.

Das fängt schon bei der grundlegenden Positionierung an: Canoo konzentriert sich auf vergleichsweise günstige Elektroautos, die im Innenraum eher nüchtern gehalten sind und sich für Miet- und Sharingdienst eignen. Konkurrenten wie Nio oder Byton setzen dagegen auf wuchtige SUVs mit großen Bildschirmen und ausgefeiltem Infotainment im Inneren.

Verzicht auf mechanische Lenksäule bringt Raumgewinn

Canoos erstes Modell, das etwas verwirrend ebenfalls Canoo heißt, sei ein Fahrzeug für die "Post-SUV-Ära", erklärt Kranz im Telefoninterview. Es sei ein "Loft auf Rädern", das viel Raum auf einer kleinen Verkehrsfläche zur Verfügung stellen werde. Auf nur 4,40 Metern Länge bietet der Wagen sieben Sitzgelegenheiten. Das Start-up hat eine eigene Plattform für das Fahrzeug entwickelt, ein sogenanntes "Skateboard", auf der Akkus samt Elektromotoren Platz finden. Das Lenkrad ist nicht mehr per Lenkstange direkt mit den Achsen verbunden, sondern übermittelt die Lenksignale rein elektronisch, wie es bislang auch schon in einigen Oberklasse-Autos der Fall ist.

Eine mechanische Lenksäule fällt damit weg, die Antriebs-Elektromotoren sitzen nahe an den Achsen. Canoo gewinnt so Raum, den das Start-up lieber den Mitfahrern zur Verfügung stellt statt besonders große Kofferräume anzubieten. Das Konzept mache den Aufbau sehr flexibel, sagt Kranz. "Es ist sehr einfach, nahezu jede Kabine auf unser Skateboard zu setzen, egal in welcher Dimension".

Auf eine Motorhaube hat Canoo verzichtet, dennoch sollen die Fahrzeuge auch bei Unfällen sehr sicher sein. In den vergangenen Monaten habe man sämtliche in den USA und Europa angewendeten Crash-Tests simuliert, bekräftigt Kranz. "Unser Ziel ist es, ein Fünf-Sterne-Ergebnis zu erzielen. Das ist heute Standard", sagt der Canoo-Chef im Gespräch. In dem nun gezeigten Fahrzeug habe man Fahrer und Beifahrer so weit nach vorne geschoben, wie es sicherheitstechnisch noch möglich war. Zwei Drittel der Crash-Energie werden von der "Skateboard"-Plattform absorbiert, ein Drittel von der Kabinenstruktur.

Die nun gezeigten Prototypen entsprechen laut Kranz zu 90 Prozent dem künftigen Serienprodukt. Etwas mehr als 270 PS soll der E-Motor leisten, verspricht Canoo, 200 km/h Höchstgeschwindigkeit sind damit drin. Und die Reichweite ist mit rund 400 Kilometer je Akkuladung auch in Ordnung. Ab 2021 soll Canoos Neuinterpetation des Minivans dann an Endkunden ausgeliefert werden.

"Wir wollten weg von dieser Las-Vegas-Atmosphäre"

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Der Innenraum bietet viel Platz, ein in der Branche aktuell sehr beliebtes Element fehlt jedoch: Große Touchscreens, wie sie Tesla, Audi, Porsche oder Mercedes in ihren Elektroautos verbauen. "Wir wollten weg von dieser Las-Vegas-Atmosphäre", sagt Kranz dazu. Geschwindigkeit, Fahrmodus und Navigationspfeile zeigt ein eher schmales Displayband unterhalb der Windschutzscheibe an. Klimaanlage und Audiosystem steuern Fahrer und Beifahrer über ihre eigenen Smartphones, die sich mit dem Fahrzeug via App verbinden lassen.

Beim Vertrieb beschreitet Canoo ebenfalls einen in der Autobranche eher untypischen Weg. Die Wagen soll es - vorerst zumindest - nicht zu kaufen, sondern nur zur Miete geben. Canoo will dafür eine monatliche Flatrate verlangen, die neben Wartung und Verschleiß auch Zugang zur Ladeinfrastruktur und wahrscheinlich auch die Versicherung beinhalten wird.

Mögliche Preise für dieses "Membership-Modell", wie es Kranz nennt, will er allerdings auch auf mehrfache Nachfrage nicht verraten. "Unser Fahrzeug ist ja eher im Bereich Mittelklasse Premium verortet. Im nächsten Jahr werden wir den Preis definiert haben, und der wird durchaus attraktiv sein", sagt Kranz. Anders als bei Leasingverträgen will Canoo aber keine jahrelange Laufzeit festschreiben. Die Mietverträge werden monatlich kündbar sein, verspricht Kranz.

Canoo setzt also auf ein Auto-Abo, bei dem sich Kunden nur sehr kurz binden müssen. "Unsere Fahrzeuge sind ideal für einen Fahrer von Lyft oder Uber", sagt Kranz. Denn in Canoo-Autos sitzen auch mehrere Mitfahrer bequem. Heute sei es hingegen so, dass die meisten Fahrer für Fahrdienstvermittler in Autos unterwegs seien, wo der Kunden den schlechtesten Sitz habe - nämlich die Rückbank eines konventionellen Autos.

Ab 2021 soll es losgehen - Stadt für Stadt statt Land für Land

Gebaut werden die Canoo-Fahrzeuge von Auftragsfertigern aus der Automobilindustrie. Als mögliche Partner gelten dabei die europäischen Zulieferer Magna und Valmet, wie manager magazin bereits berichtete. Die Entscheidung dazu soll bis Ende des Jahres fallen, erklärt Kranz nun, er könne jetzt aber noch keine Namen bestätigen. Auch zu geplanten Stückzahlen hält er sich bedeckt. Es gebe "logischerweise" eine Volumenplanung, auch das Geschäftsmodell stütze sich auf größere Mengen. Man habe aber noch keine Zahlen dazu veröffentlicht und könne das aktuell auch nicht.

Allerdings wolle Canoo seine "Skateboard"-Plattform auch anderen anbieten, die Zahl der produzierten "Skateboards" könne deshalb auch höher liegen als jene der von Canoo produzierten Fahrzeuge. Für die Plattform gebe es bereits konkrete Anfragen - sowohl von traditionellen Automobilherstellern als auch von Start-Ups.

Loslegen will Canoo ab 2021 zunächst in den USA, dann in China - und später auch mal in Europa. Dabei will Canoo seine Autos aber nicht flächendeckend pro Land anbieten, sondern Stadt für Stadt vorgehen. Denn gedacht sind die Elektro-Minivans vor allem für den urbanen Raum.

Canoo will sich weiteren institutionellen Investoren öffnen

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Foto: Lucid Motors

Um seinen Zeitplan für die kommenden Monate zu halten, benötigt Canoo aber dringend Bares. Mittlerweile arbeiten 350 Mitarbeiter für das Unternehmen, seine selbst vorgegebene Zielgröße für die Beschäftigtenzahl hat Canoo damit erreicht. Getragen wird Canoo bisher von einer Gruppe finanziell orientierter Geldgeber aus China, Europa und den USA.

Zugesagt haben sie Canoo insgesamt eine Milliarde Dollar, zuletzt überwiesen die Investoren weitere 100 Millionen. Bei Erreichen von vereinbarten Meilensteinen im Businessplan fließt weiteres Geld, erläuterte Kranz. Bisher habe man alle Pläne eingehalten und deshalb keine Finanzprobleme.

Allerdings habe sich die Welt in den vergangenen zwei Jahren verändert, das Verhältnis zwischen China und den USA sei nun sehr angespannt. Deshalb sei Canoo offen für weitere institutionelle Investoren. Kranz rechnet damit, dass nach der absolvierten Präsentation des ersten Fahrzeugs einige Investoren auf Canoo zukommen werden.

Wo Canoo überall progressive Annahmen trifft

In den kommenden Monaten wird sich weisen, wie tragfähig die durchaus gewagte Vision des Canoo-Teams tatsächlich ist. Mangelnde Konsequenz kann man dem Start-Up jedenfalls nicht vorwerfen. Canoo nutzt die Bauraum-Vorteile des Elektroantriebs konsequenter als die meisten Konkurrenten.

Sie wagen eine Wiederbelebung der einst so beliebten Minivan-Bauform - als umweltverträglicher "People Mover", wie die Amerikaner Personentransporter gerne nennen, in Innenstädten. Und sie setzen darauf, dass die Canoo-Nutzer lieber mittlere dreistellige monatliche Benutzungsgebühren zahlen, statt einmalig eine mittlere fünfstellige Summe.

Die Canoo-Macher treffen also eine Menge eher progressiver Annahmen für ihr Geschäftsmodell. Vor einem in der Autobranche beliebten Mittel nehmen sie jedoch Abstand: Vor den Emotionen, die ein Fahrzeug mit kräftigen Beschleunigungswerten und windschlüpfriger Form bei Käufern hervorrufen soll. Dem setzen sie den Wohlfühl-Faktor einer "Lounge auf Rädern" entgegen. Ob das tatsächlich reicht, um tausende Fahrer zum Abschluss eines Canoo-Autoabos zu bewegen - das muss sich noch zeigen.