Montag, 14. Oktober 2019

Ex-BMWler-Start-up Canoo stellt Prototypen vor Ein Elektro-Van für die "Post-SUV-Ära" - zur Flatrate

Elektro-Van von Canoo in Bildern: Dieses Auto soll uns in die "Post-SUV-Ära" bringen
Jack Schroeder/Canoo

Ihr Erstling sieht ein wenig so aus, als hätte ein VW Bulli Krafttraining betrieben und dabei auch den rundlichen Zierrat der 50er-Jahre abgelegt. Ein "erfrischendes Überdenken" des VW-Mikrobusses attestiert das US-Onlinemedium "The Verge" dem Start-Up Canoo, das bis vor kurzem noch Evelozcity hieß. Eine "ziemlich radikale Abkehr von den bei anderen Elektroauto-Herstellern beliebten traditionellen Designs" ortet der einflussreiche Tech-Blog "Tech Crunch". Die "Los Angeles Times" beschreibt Canoos Wagen gar gleich als "Van in Form einer Brotdose".

Aufsehen erregt hat Canoo-CEO Ulrich Kranz jedenfalls am Dienstagabend, als er in Los Angeles das erste Modell des Start-Ups präsentierte. Im Dezember 2017 gründete Kranz, der jahrzehntelang bei BMW Börsen-Chart zeigen arbeitete und dort deren Elektrooffensive Project i leitete, das Elektroauto-Start-up in Los Angeles - zusammen mit zwei weiteren Topmanagern der deutschen Autobranche. Mit an Bord ist BMWs Ex-Finanzchef Stefan Krause, mit dem Kranz zuvor das kriselnde Elektroauto-Start-up Faraday Future wieder auf Spur bringen sollte. Und noch ein dritter bekannter deutscher Manager gehörte zum Gründer-Trio: Karl-Thomas Neumann, der ehemalige Opel-Chef.

Neumann hat sich Mitte Juli 2019 aus seiner operativen Rolle bei Canoo zurückgezogen, Krause Mitte August seinen CEO-Posten aus privaten Gründen vorerst ruhend gestellt. Die Unruhe im vormaligen Spitzentrio hat aber dem ungewöhnlichen Ansatz des Elektroauto-Start-ups offenbar nichts anhaben können. In nur 21 Monaten hat Canoo einen ersten Prototypen auf vier Räder gestellt - und will dabei bewusst vieles anders machen als die wachsende Schar an Elektroauto-Start-ups in China und den USA.

Das fängt schon bei der grundlegenden Positionierung an: Canoo konzentriert sich auf vergleichsweise günstige Elektroautos, die im Innenraum eher nüchtern gehalten sind und sich für Miet- und Sharingdienst eignen. Konkurrenten wie Nio oder Byton setzen dagegen auf wuchtige SUVs mit großen Bildschirmen und ausgefeiltem Infotainment im Inneren.

Verzicht auf mechanische Lenksäule bringt Raumgewinn

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Canoos erstes Modell, das etwas verwirrend ebenfalls Canoo heißt, sei ein Fahrzeug für die "Post-SUV-Ära", erklärt Kranz im Telefoninterview. Es sei ein "Loft auf Rädern", das viel Raum auf einer kleinen Verkehrsfläche zur Verfügung stellen werde. Auf nur 4,40 Metern Länge bietet der Wagen sieben Sitzgelegenheiten. Das Start-up hat eine eigene Plattform für das Fahrzeug entwickelt, ein sogenanntes "Skateboard", auf der Akkus samt Elektromotoren Platz finden. Das Lenkrad ist nicht mehr per Lenkstange direkt mit den Achsen verbunden, sondern übermittelt die Lenksignale rein elektronisch, wie es bislang auch schon in einigen Oberklasse-Autos der Fall ist.

Eine mechanische Lenksäule fällt damit weg, die Antriebs-Elektromotoren sitzen nahe an den Achsen. Canoo gewinnt so Raum, den das Start-up lieber den Mitfahrern zur Verfügung stellt statt besonders große Kofferräume anzubieten. Das Konzept mache den Aufbau sehr flexibel, sagt Kranz. "Es ist sehr einfach, nahezu jede Kabine auf unser Skateboard zu setzen, egal in welcher Dimension".

Auf eine Motorhaube hat Canoo verzichtet, dennoch sollen die Fahrzeuge auch bei Unfällen sehr sicher sein. In den vergangenen Monaten habe man sämtliche in den USA und Europa angewendeten Crash-Tests simuliert, bekräftigt Kranz. "Unser Ziel ist es, ein Fünf-Sterne-Ergebnis zu erzielen. Das ist heute Standard", sagt der Canoo-Chef im Gespräch. In dem nun gezeigten Fahrzeug habe man Fahrer und Beifahrer so weit nach vorne geschoben, wie es sicherheitstechnisch noch möglich war. Zwei Drittel der Crash-Energie werden von der "Skateboard"-Plattform absorbiert, ein Drittel von der Kabinenstruktur.

Die nun gezeigten Prototypen entsprechen laut Kranz zu 90 Prozent dem künftigen Serienprodukt. Etwas mehr als 270 PS soll der E-Motor leisten, verspricht Canoo, 200 km/h Höchstgeschwindigkeit sind damit drin. Und die Reichweite ist mit rund 400 Kilometer je Akkuladung auch in Ordnung. Ab 2021 soll Canoos Neuinterpetation des Minivans dann an Endkunden ausgeliefert werden.

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