Dienstag, 25. Februar 2020

Deutsche Autobauer setzen auf E-Mobilität Mit E-Motoren in die Sackgasse

VW ID.3 an einer Ladestation in Wolfsburg

Die deutsche Automobilindustrie steckt in der Zwickmühle. Um den Wandel von konventionell angetriebenen Fahrzeugen zu alternativen Antriebskonzepten erfolgreich zu vollziehen, sind Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich. In gleichen Dimensionen bewegen sich die drohenden Strafzahlungen der EU, wenn das Produktportfolio an emissionsarmen Elektro- und Hybridmodellen in den kommenden Jahren nicht drastisch steigt - trotz der derzeit immer noch geringen Nachfrage.

Stefan Randak
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    Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Sich nicht zu bewegen und im Benzinzeitalter zu verharren, gefährdet die Existenz der Autohersteller. Doch alles auf eine Karte zu setzen und bedingungslos in Elektromobilität zu investieren ist nicht minder risikoreich. Dass insbesondere die deutschen Hersteller in dieser Falle sitzen, hat die Politik maßgeblich mit zu verantworten.

Entscheidung über Erfolg oder Niedergang

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Emissionen im Verkehr bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 40 bis 42 Prozent zu verringern. Dazu fördert sie die Elektromobilität, päppelt die Deutsche Bahn und führt eine CO2-Bepreisung ein. Zeitgleich schlagen die Gewerkschaften Alarm, weil die Umstellung auf alternative Antriebe die Zahl der benötigten Arbeitskräfte in der Automobilbranche reduziert. Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) rechnet damit, dass bis 2030 etwa 410.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Lieferengpässe: Warum die deutsche Autoindustrie auf eine Batterie-Krise zusteuert

Und dann ist da auch noch der lästige Wettbewerb, allen voran der US-Elektroautobauer Tesla. Der muss zwar den Nachweis, nachhaltig profitabel zu sein, noch antreten, aber die Investoren schreckt das nicht: Erst kürzlich hat Tesla den Volkswagen-Konzern beim Börsenwert überholt - den größten Autohersteller der Welt.

Umso wichtiger ist es für die Entscheider in den Chefetagen der deutschen Autobauer, in dieser entscheidenden Phase kühlen Kopf zu behalten, zu den richtigen Einschätzungen zu kommen, sowie nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die für den wichtigsten Industriezweig unseres Landes eine erfolgreiche Zukunft oder aber den Niedergang bedeuten.

Gefährliche Weichenstellung

Die Bundesregierung hat sich - auch unter dem Druck der Öffentlichkeit, auf den Klimawandel zu reagieren - bereits festgelegt. Sie prophezeit, dass zum Ende dieser Dekade bis zu zehn Millionen E-Autos und rund 500.000 elektrisch angetriebene Nutzfahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein werden, die wiederum an einer Million Ladepunkten ihre Akkus füllen können.

In dieselbe Richtung ist, mehr oder weniger, auch die deutsche Autoindustrie unterwegs. Sie hat sich überwiegend für den Ausbau der batteriegetriebenen E-Mobilität entschieden - die derzeit einzig verfügbare Technologie, die eine schnelle Einhaltung der CO2-Vorgaben und damit die Vermeidung von EU-Strafzahlungen ermöglicht. Der Einsatz von Wasserstoff als Treibstoff ist der Industrie zufolge noch nicht ausgereift. Der Wirkungsgrad ist zu gering, die Erzeugung kostet zu viel Strom oder verursacht zu viel CO2 (über fossile Energieträger). Von der benötigten Menge an Wasser ganz zu schweigen.

Doch dass sich die Weichenstellung zugunsten des Batterieantriebs als langfristig richtig und nachhaltig erweist, ist keineswegs sicher. Sie könnte auch das Überleben der deutschen Automobilindustrie gefährden.

Alarmierende Zahlen

Die Erfahrung lehrt, dass man Einschätzungen der Bundesregierung zur Mobilität mit Misstrauen begegnen sollte. 2008 lautete die Prognose aus Berlin, dass bis 2020 circa eine Million Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen sein würden. Tatsächlich sind es nur rund 150.000 geworden, wenngleich mit steigender Tendenz. Noch dürftiger ist die Anzahl der Ladepunkte: Dem Energiewirtschaftsverband BDEW zufolge gab es im vergangen Jahr bundesweit nur 17.400 Stromzapfsäulen. Zahlen, die alarmieren - insbesondere in einem Land, das im Begriff ist, die Zukunft seiner wichtigsten Industrie auf diese eine Antriebsart zu verwetten.

Dabei ist für die global agierenden Automobilhersteller Deutschland allein schon längst kein Maßstab mehr. Die Zahl der Neuzulassungen 2019 betrug hierzulande rund 3,6 Millionen. Allein in China wurden im gleichen Zeitraum 21 Millionen Neuwagen zugelassen, gefolgt von den USA mit 17 Millionen. Alle westeuropäischen Staaten zusammen bringen es gerade mal auf 14,3 Millionen. Insofern ist für weitreichende Entscheidungen der Blick auf die großen Absatzmärkte und die dortigen Grundlagen für Kaufentscheidungen zu richten.

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