Deutsches Eichrecht vs Elektromobilität Eich-Alarm an deutschen Elektro-Ladesäulen

Deutsche Eiche, deutsches Eichrecht: Den Betreibern von Ladesäulen drohen hohe Nachrüstkosten

Deutsche Eiche, deutsches Eichrecht: Den Betreibern von Ladesäulen drohen hohe Nachrüstkosten

Foto: Kay Nietfeld/ dpa
Fotostrecke

Neuheiten auf dem Genfer Autosalon: Der Frühling kann kommen

Foto: Peugeot

Wer in Deutschland längere Strecken mit einem Elektroauto fährt, lernt die Problematik schnell kennen: An der einen Ladesäule kostet das Stromtanken einige Euro Pauschale - egal, welche Strommenge dabei in den Tank wandert. Andernorts stellen die Betreiber ein paar Cent pro Lademinute in Rechnung. Oder darf es doch eine Kombination von Kosten je Lademinute plus einem zweistelligen Centbetrag je gezapfter Kilowattstunde sein?

"Roaminganbieter" wie Plugsurfing, New Motion oder Hubject sorgen zwar dafür, dass E-Autofahrer deutschlandweit an den Ladesäulen unterschiedlicher Anbieter Strom zapfen können. Gegen den deutschen Wildwuchs bei den Abrechnungsmethoden helfen sie aber auch nichts: Denn oft ist einiges an Rechnerei nötig, um die Kosten einer Akkufüllung zumindest ungefähr zu ermitteln. In Nachbarländern ist das anders - da zahlen viele Kunden je Kilowattstunde.

Gegen das Tarifchaos soll nun eine neue Gesetzesregelung helfen - die Ladesäulen-Betreiber allerdings vor größere Probleme stellt und den Ausbau bei Schnelladesäulen erstmal verlangsamen dürfte.

Denn vom 1. April an müssen in Elektroauto-Ladesäulen Messgeräte eingebaut sein, die dem neuen Eichrecht entsprechen und kilowattstundengenau abrechnen. Damit sollen E-Autofahrer künftig genau erfahren, wieviel Strom sie gezapft haben und was dieser kostet. Es soll beim Stromzapfen ähnlich laufen wie beim Kraftstoff-Tanken: Elektroauto-Fahrer sollen vor dem Ladevorgang exakt wissen, was sie eine Kilowattstunde Strom kostet. Rein zeitbasierte Tarife, meinen Fachleute, dürften damit ab April unzulässig sein.

"Wir werden geduldet"

Das neue Eichgesetz gilt schon seit 2015, bisher gab es Ausnahmeregelungen und Übergangsfristen. Vergleichsweise leicht umrüsten lassen sich die etwas langsameren Wechselstromsäulen. Doch viele Betreiber kümmern sich wohl erst jetzt darum. Die Folge: Laut einem Bericht des Tagesspiegel  dürften zahlreiche größere Betreiber noch bis Ende des Jahres mit der Nachrüstung brauchen. Rund ein Drittel aller deutschen Wechselstrom-Ladepunkte ist möglicherweise gar nicht eichrechtskonform nachrüstbar - und müssten streng genommen wohl außer Betrieb genommen werden.

Fotostrecke

Die beliebtesten E-Autos in Deutschland: Diese Elektroautos wurden 2018 am häufigsten zugelassen

Foto: Volkswagen

Noch vertrackter ist die Lage bei Schnellladern, die mittlerweile 12 Prozent aller 16.100 Ende 2018 in Deutschland installierten Ladepunkte ausmachen. Für Gleichstrom-Schnelladesäulen existieren aktuell noch keine eichrechtskonformen Messgeräte - die sind noch in der Entwicklung. Sämtliche Schnellladesäulen-Betreiber können also die Auflage ab April also rein technisch nicht erfüllen.

Droht deshalb nun eine behördlich verordnete Implosion der Ladeinfrastruktur durch die zumindest vorübergehende Stilllegung von Ladesäulen? Das wohl nicht, da die Bundesregierung ja die Elektromobilität nach Kräften fördert. Den Landesbehörden ist dem Vernehmen nach klar, dass nicht alle Ladesäulen abgeschaltet werden können.

"Wir werden geduldet", sagte vor kurzem ein Sprecher des Netzwerks Ionity. Unter diesem Namen haben sich Volkswagen , BMW , Daimler und Ford zusammengeschlossen, um Schnellladestationen entlang der Autobahnen aufzubauen. "Keine Säule muss zurückgebaut oder abgerissen werden," betonte der Ionity-Manager.

Behörden wollen Nachrüstpläne für individuelle Bescheide sehen

Im Laufe des Frühjahrs sollten rechtskonforme Gleichstrom-Messgeräte zur Verfügung stehen, die Nachrüstung sei also gewährleistet. Das dürfte so wohl auch für die Ionity-Wettbewerber Fastned oder Allego gelten.

Um ihre Säulen in Betrieb zu halten, ist für die Gleichstrom-Ladesäulenanbieter aber einiger bürokratischer Aufwand notwendig. Laut dem Wirtschaftsministerium müssen die Betreiber für betroffene Gleichstrom-Säulen Nachrüstpläne vorlegen. Dann werde die Eichbehörde einen "individuellen Bescheid" erlassen, der eine Umrüstungsfrist setzt. Damit könnten die Ladesäulen bis zum Ende der Frist betrieben werden.

Zudem dürfte es in den kommenden Monaten schwierig werden, in Deutschland neue Schnellladesäulen in Betrieb zu nehmen - zumindest so lange, bis Elektronikspezialisten eichrechtskonforme Messgeräte anbieten können. Und ein Anbieter reicht nicht: Laut früheren Aussagen von Branchenkennern müsse es mindestens drei Anbieter am Markt geben, damit nicht ein Hersteller seine Monopolstellung ausnützen könnte.

Fotostrecke

Weltweit meistverkaufte Automodelle: Auto-Bestseller 2018 - Tesla erstmals bei E-Autos vorn

Foto: CHRIS HELGREN/ REUTERS

Billig wird wohl auch die Sanierung der bisher vorhandenen Schnelladesäulen nicht: Je nach Ladeleistung dürfte die Nachrüstung einer Schnellladestation zwischen 600 und 2500 Euro kosten. Da kommt laut Experten für die Betreiber wohl ein höherer Millionenbetrag zusammen.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur verlaufe völlig ungeplant, moniert der Autobranchen-Experte Ferdinand Dudenhöffer. "Es fehlt der Plan aus Berlin," meint er. Bis jetzt, und auch in den nächsten fünf Jahren, rechneten sich Ladesäulen nicht.

Dass sich in den kommenden Monaten viele deutsche Ladesäulen nur betreiben lassen, indem die Eichämter ein Auge zudrücken - das ist für das Autoland Deutschland schon eher peinlich. Immerhin dürften die eichrechtlichen Ladeprobleme aber im kommenden Jahr gelöst sein - wenn die deutschen Autohersteller dann zur großen Elektroauto-Offensive blasen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.