E-Auto-Infrastruktur Deutschland droht ein Lade-Debakel - während Tesla erneut vorprescht

Während Tesla in den USA eine Riesen-Schnellladestation einweiht, streitet Deutschland um drohende Lade-Engpässe für Elektroautos. Nach dem Autogipfel hätte die Industrie gern noch einen "Lade-Gipfel".
Supercharger-Schnellladestation von Tesla: In Kalifornien können nun an einer Station 56 Elektroautos gleichzeitig Strom ziehen

Supercharger-Schnellladestation von Tesla: In Kalifornien können nun an einer Station 56 Elektroautos gleichzeitig Strom ziehen

Foto: LUCY NICHOLSON / REUTERS

Ob Auto- und Batteriewerke namens "Gigafactory" oder "Supercharger"-Schnelladesäulen - der US-Elektroauto-Hersteller Tesla hat ein Faible für vergleichsweise unbescheidene Bezeichnungen. Nun hat Tesla bei seinen weltweit 2.181 Supercharger-Stationen einen draufgesattelt: Im kalifornischen Firebaugh, gelegen zwischen der Bay Area und Los Angeles, hat Tesla die – bislang – größte Schnellladestation der Welt aufgebaut.

Gleich 56 Ladepunkte bietet die neue Station. Jede davon pumpt mit flüssigkeitsgekühlten Kabeln je bis zu 250 Kilowatt in Tesla-Fahrzeuge. Mit dieser Leistung lassen sich bis zu 120 Kilometer Reichweite in nur fünf Minuten nachladen, und das an mehr als vier Dutzend Fahrzeugen zur gleichen Zeit. Die neue Station wird auch noch einen Lebensmittelladen und ein Restaurant bieten, zumindest ein Teil des Ladestroms stammt von Solarzellen auf dem Dach.

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Deutschland dürfte mit etwas Neid auf den kalifornischen Riesen-Supercharger blicken, an dem ausschließlich Tesla-Fahrzeuge laden können. Denn hierzulande nimmt gerade eine Diskussion über Ladesäulen-Engpässe an Fahrt auf.

Ende vergangener Woche etwa schlug der Volkswagen-Konzern Alarm, dass der erhoffte Boom bei E-Autos ausbleiben könnte. Denn deutschen Elektroauto-Fahrern steht nach Volkswagen-Meinung bald ein größerer Infrastrukturmangel bevor. Laut VW kommen aktuell etwa 14 Elektroautos und Plugin-Hybride auf eine öffentliche Lademöglichkeit. Daimlers Konzernchef Ola Källenius (51) hatte zuvor bereits im Interview mit dem dem manager magazin  gefordert, dass sich der Staat bei der Ladeinfrastruktur engagieren müsse: "Auch der Staat muss helfen", sagte er.

Gerade mal 19 Prozent mehr Ladesäulen seit April

Das Verhältnis von E-Autos zu E-Säulen werde sich binnen weniger Monate deutlich verschlechtern, schätzt man bei Volkswagen: Bereits zu Ostern 2021 dürften auf einen Ladepunkt (Ladestationen können aus mehreren Ladepunkten bestehen, Anm. d. Red) schon 20 E-Autos kommen. Während sich die Zahl der E-Autos seit Jahresanfang nahezu verdoppelt hat, stieg die Zahl der deutschen Lademöglichkeiten nur um 50 Prozent.

Seit April war der Zuwachs sogar noch deutlich geringer, wie heute bekannt wurde: Die Zahl der öffentlichen Ladepunkte für Elektroautos nahm in den vergangenen sechs Monaten um mehr als 5300 Ladepunkte zu. Das entspricht einem Zuwachs von 19 Prozent – und liegt damit weit unter den Neuzulassungs-Wachstumszahlen für E-Autos.

Insgesamt sind aktuell 33.107 deutsche Ladepunkte im Ladesäulenregister des Energieverbands BDEW gemeldet. Nur jeder zehnte davon ist ein schneller Gleichstrom-Lader, mit dem sich auch größere Elektroauto-Akkus in wenigen Stunden vollladen lassen.

Dass bei der Ladeinfrastruktur schnell und dringend etwas geschehen muss, hat auch die Politik erkannt. Wie das Bundesverkehrsministerium mitteilte, plant es gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und der Branche ein eigenes Spitzentreffen zum Thema Ladesäulen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur wird aber nun auch Thema auf dem am Dienstag stattfindenden "Auto-Gipfel", bei dem auch über weitere Förderungen für Elektroautos diskutiert werden soll.

Autobranchen-Experte: "Eigentlich ist kein Ladesäulen-Gipfel nötig"

Die Autobranche erhöht den Druck für einen zügigen Ausbau der Ladeinfrastruktur. Erst vergangene Woche forderte die Chefin des Automobilverbands VDA, die ehemalige CDU-Staatsministerin Hildegard Müller (53), einen Ladenetz-"Gipfel". Das deutsche Netz der Ladesäulen für E-Autos müsse schleunigst ausgebaut werden. "Ich möchte einen Ladenetz-Gipfel mit allen Playern, und der sollte noch vor Weihnachten stattfinden", hatte Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am vergangenen Freitag gesagt.

Zu den wichtigen Themen gehörten beschleunigte Planungsverfahren und erleichterte Genehmigungen für Ladestationen an Tankstellen, der Ausbau des Ökostroms und eine Befreiung des Ladestroms von der EEG-Umlage.

Ob ein solcher Gipfel tatsächlich schnelle Ergebnisse bringt – das wiederum bezweifelt etwa der Branchenexperte Stefan Bratzel. "Eigentlich ist kein Gipfel nötig, wir kennen viele Themen schon", sagte Bratzel der Deutschen Presse-Agentur. "Wir haben weniger ein Erkenntnisproblem als ein Umsetzungsproblem." E-Mobilität und die notwendige Ladeinfrastruktur seien seit vielen Jahren ein Thema. Doch aufseiten der Bundesregierung und auch der Hersteller sei bisher zu wenig unternommen worden, und auch jetzt gehe es nur langsam voran, sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

"Ein Gipfel ist immer ein wenig eine Symbolveranstaltung," so Bratzel. Aber wenn ein solches Treffen dazu beitrage, das Thema stärker ins Bewusstsein zu bringen, "dann bin ich für einen Gipfel".

Energiewirtschaft will sich nicht hetzen lassen

Die Bundesregierung hält sieben bis zehn Millionen E-Autos auf deutschen Straßen bis 2030 für notwendig, um Klimaschutzziele zu erreichen. Von diesem Ziel ist der Autoverkehr allerdings noch weit entfernt: Anfang 2020 waren im gesamten Pkw-Bestand von 47,7 (2019: 47,1) Millionen lediglich 0,5 (0,3) Prozent reine E-Autos oder Plug-In-Hybride.

Wegen der im Februar erhöhten staatlichen Förderungen für ausschließlich batterieelektrisch angetriebene Fahrzeuge und Plug-in-Hybride sind zuletzt die Zulassungszahlen regelrecht in die Höhe geschossen: 48.017 reine Elektroautos und Plug-in-Hybride kamen im Oktober neu auf die Straße. Das sind 17,5 Prozent der Neuzulassungen - nach weniger als 7 Prozent zu Jahresbeginn.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur hielt damit nicht Schritt. Kein Wunder also, dass Experten vor allem beim Ladenetz Nachholbedarf sehen. Bloß will sich die Energiewirtschaft dabei nicht hetzen lassen. Wegen der immer noch vergleichsweise niedrigen Zahl von derzeit rund 440.000 E-Autos rechneten sich die nunmehr 33.100 Ladesäulen nach wie vor nicht, betonte am Montag der Branchenverband BDEW. 

Die Infrastruktur-Probleme seien seit Langem bekannt, schimpft dagegen Branchenexperte Bratzel. Zu klären sei etwa, wie sich Autofahrer an den Ladesäulen authentifizieren, wie der Ladevorgang abgerechnet wird und wie sichergestellt wird, dass Ladesäulen nicht durch vollgeladene Fahrzeuge blockiert werden. "Es geht nicht nur um Quantität, sondern auch darum, dass die Ladeinfrastruktur verlässlich betrieben wird und funktioniert."

Und dann wäre da noch die für viele Fahrer wohl nicht ganz unwichtige Frage zu klären, warum je nach Ladenetz-Abrechner höchst unterschiedliche Kilowatt-Strompreise verlangt werden können und dürfen.

Deutschland droht also ein veritables Debakel beim Elektroauto-Laden, sofern die Politik, Energieversorger und auch Autohersteller nicht entschlossen und schnell gegensteuern. Bloß eine Gruppe an E-Auto-Fahrern dürfte das weniger tangieren: Tesla-Fahrer nämlich. Die können in Deutschland an den von ihrem Autohersteller aufgestellten und betriebenen Ladesäulen zumindest ohne Abrechnungs-Wirrwarr Strom tanken. Aber auch sie müssen darauf hoffen, dass am Supercharger ihrer Wahl nicht gerade alle Ladepunkte belegt sind – oder Tesla auch die deutschen Supercharger-Stationen kräftig vergrößert.

wed/dpa/Reuters