Dienstag, 19. November 2019

Electromobility Report 2019 Niederlande unter Strom - 122 Prozent mehr E-Autos

Längst Alltag in niederländischen Städten: E-Fahrzeuge laden auf

Weltweit greifen Käufer immer öfter zu einem Elektroauto. In Norwegen war im ersten Halbjahr jeder zweite Neuwagen ein E-Fahrzeug. Ein irres Tempo legen die Niederländer hin und hängen Deutschland im relativen Vergleich ab, zeigt eine Studie. In Summe kauften Deutsche im ersten Halbjahr aber mehr E-Autos als die Bürger in jedem anderen Land Europas.

Norwegen bleibt das Maß der Dinge, wenn es um Elektroautos geht. Im ersten Halbjahr dieses Jahres war mehr als jeder zweite zugelassene Neuwagen (56 Prozent) ein rein batteriebetriebenes Auto (BEV) oder ein Plug-in-Hybrid (PHEVs). Das sind nicht nur 10 Prozentpunkte mehr gegenüber dem ersten Halbjahr 2018. Das skandinavische Land, in dem E-Autofahrer hohe Steuervorteile genießen, hängt damit auch viele Schlüsselmärkte wie China (Anteil 5,1 %), die USA (1,8 %) und insbesondere Deutschland ab.

In Deutschland kletterte der Marktanteil der Stromer zwar von 1,8 Prozent auf 2,6 Prozent. Gleichwohl sind E-Autos trotz steuerlicher Förderung auch hierzulande noch deutlich unterrepräsentiert, wie aktuelle Zahlen des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach zeigen.

Absolut gesehen läuft Deutschland Norwegen den Rang ab

Absolut gesehen allerdings hat Deutschland mit 48.000 zugelassenen E-Autos in den ersten sechs Monaten dieses Jahres dem Königreich Norwegen (44.000) den ersten Rang in Europa als größter Markt für E-Autos abgelaufen. Auf globaler Ebene bleiben China (628.000) und die USA (149.000) die größten Absatzmärkte für Elektrofahrzeuge, mit ebenfalls beeindruckenden Wachstumsraten gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 52 Prozent (China) und 20 Prozent (USA).

"Trotz rückläufiger Zulassungszahlen in wichtigen Automobilmärkten gewinnt die Elektromobilität im Jahr 2019 weiter an Fahrt", sagt Studienautor Stefan Bratzel. Halte dieser Trend an, stehe die Elektromobilität in den automobilen Kernmärkten im Jahr 2020 vor dem Durchbruch. Für das Jahr 2019 rechnet das Automobilforschungsinstitut mit einem weltweiten Absatz von 2,7 Millionen verkauften E-Autos, was einem Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr wäre.

Eine enorme Dynamik haben die Niederlande im ersten Halbjahr erlebt. Dort stieg der Absatz von Elektrofahrzeugen mit 122 Prozent auf 20.000 Einheiten, während der gesamte Automarkt um mehr als 10 Prozent einbrach. Der Anteil der Stromer (BEV und PHEV) an den Neuzulassungen schnellte damit von 3,6 auf 8,9 Prozent hoch. Reine Elektroautos machen in den Niederlanden 86 Prozent der elektrisch betriebenen Neufahrzeuge aus. Das Tesla Model 3 ist der CAM-Studie zufolge wie in den USA das meistverkaufte Elektroauto.

Niederlande: Anteil der E-Autos an Neuwagen steigt rasant auf 9 Prozent

Der Anteil der Elektroautos an den Neuzulassungen in den Niederlanden steigt schon länger überproportional stark. Dabei bieten Steueranreize nach Einschätzung von Experten keine hinreichende Erklärung, weil sie im Vergleich zu anderen Ländern niedriger sind. Vielmehr treibe die mit einem ansteigenden CO2-Ausstoß überproportional stark ansteigende Besteuerung von Verbrennungsmotoren die Verbraucher vermehrt zum Kauf eines Elektroautos. Der starke Anstieg im ersten Halbjahr könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass Niederländer wegen teils auslaufender Steuervorteile zum 1. Januar 2019 den Kauf eines E-Autos noch Ende 2018 vorgezogen haben, die Fahrzeuge aber erst Anfang 2019 zugelassen wurden.

CAM / Electromobility Report 2019

Bemerkenswert ist, dass die Käufer sich weltweit immer öfter für ein rein batteriebetriebenes Elektroauto (BEV) entscheiden. In China betrug der Anteil der BEVs im ersten Halbjahr laut Bratzel 80 Prozent an den zugelassenen E-Autos. In Deutschland wiederum waren es gut 65 Prozent oder 31.000 reine Elektroautos - was einer Steigerung von 80 Prozentpunkten entspricht.

Für Norwegen liegen vergleichbare Zahlen nicht vor. Der Anteil der BEV dürfte aber schon allein deshalb höher liegen, weil mittlerweile jedes zweite aller in dem Land zugelassenen Fahrzeuge ein reines Elektroauto ist, wie Bratzel betont.

"Plug-in-Hybrid liefert keinen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz"

Plug-in-Hybride, die nur kurze Strecken rein elektrisch fahren können und ansonsten über einen Verbrennungsmotor angetrieben werden, hält der Wissenschaftler ohnehin für zweite Wahl. "Ein Plug-in-Hybrid kann keinen nachhaltigen Beitrag zur Lösung des Klimaproblems leisten", sagt Bratzel im Gespräch mit manager-magazin.de. Der Experte vermutet, dass viele Fahrer eines Plug-in-Hybrid die Batterie nicht an der Steckdose, sondern durch den Verbrennungsmotor aufladen lassen - also dabei die Umwelt belasten. "Nicht selten trifft man auf Plug-In-Fahrer, da liegt das Ladekabel noch nach Jahren unbenutzt verpackt im Kofferraum."

Tatsächlich belegen ließe sich diese These nur mit Daten über Betankungs- und Ladevorgänge sowie Kilometerleistung. Neuere, vernetzte Fahrzeuge speichern diese Daten, Hersteller verfügten darüber, auch Manager großer Flotten müssten sie kennen. Ob sie diese herausgeben, zweifelt der Experte allerdings an. Denn dann könnte das Image von Plug-In-Hybriden als die saubere Alternative zum Verbrennungsmotor schnell verblassen.

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