Freitag, 22. November 2019

VW widerspricht Manipulationsvorwurf bei neueren Motoren Hat Volkswagen auch bei Euro-6-Motoren geschummelt?

Das Bild zeigt einen vom Abgasskandal betroffenen Dieselmotor vom Typ EA 189. Auch in dem Nachfolgemodell EA 288 soll Volkswagen eine Software verbaut haben, die möglicherweise eine illegale Abschaltvorrichtung darstellt.

Volkswagen hat auch in neuen Diesel-Motoren mit der Abgasnorm Euro 6 eine Software verbaut, die erkennt, ob sich das Auto auf einem Prüfstand befindet, berichtet der SWR. Ob es sich dabei um eine illegale Abschaltvorrichtung handelt, die Abgastests automatisch erkennt, ist allerdings strittig.

Konkret geht es um die VW-Motorreihe EA 288, den Nachfolger des Motors EA 189, der im Zentrum des ersten Diesel-Skandals stand. Der EA 288 wurde seit dem Jahr 2012 in hunderttausenden Diesel-Fahrzeugen des Konzerns eingebaut - so unter anderem in den Modellen Golf, Tiguan oder Passat.

Volkswagen trat den Vorwürfen am Donnerstag entgegen. Ein VW-Sprecher erklärte, kein Fahrzeug mit dem Dieselmotor EA 288 nach Abgasstandard Euro 6 - dem Nachfolgemodell des im Zentrum des Diesel-Skandals stehenden Motors EA189 - enthalte eine sogenannte Zykluserkennung. Damit ist gemeint, dass ein Fahrzeug das Abgas nur auf dem Prüfstand vorschriftsgemäß reinigt, auf der Straße aber nicht. Laut Verkehrsministerium habe das Kraftfahrt-Bundesamt keine unzulässigen Abschalteinrichtungen festgestellt.

Dies steht im Gegensatz zu den Informationen des SWR. In den dem Sender vorliegenden internen Unterlagen der Abteilung technische Entwicklung von Ende 2015 werde dagegen detailliert beschrieben, wie die sogenannte "Zykluserkennung" bei diesem Motor funktioniert. Der SWR ist davon überzeugt, es handele sich um die gleiche Abgasmanipulation, die VW im September 2015 zugab.

Volkswagen: Keine illegale Abschaltvorrichtung in EA 288-Motoren

Volkswagen allerdings bestreitet, eine unzulässige Abschalteinrichtung verbaut zu haben. Der VW-Sprecher erklärte vielmehr, Prüfstands- oder Zykluserkennung seien nicht automatisch eine Manipulation. Es sei notwendig, dass das Fahrzeug erkenne, wenn es auf einem Prüfstand betrieben werde, damit etwa kein Schleuderschutz irrtümlich ausgelöst wird.

Axel Friedrich, jener Abgasexperte, der den ersten Diesel-Skandal mit aufgedeckt hatte und Experte im Diesel-Untersuchungsausschuss des Bundestages war, kommt dem Bericht zufolge nach Durchsicht der VW-Unterlagen allerdings zum Ergebnis, dass auch beim Motor EA 288 eine Abschalteinrichtung vorliegt. "Das Fahrzeug erkennt, ob es auf einem Prüfstand steht - nur dann wird ausreichend AdBlue eingespritzt. Dagegen wird im normalen Fahrbetrieb auf der Straße viel weniger AdBlue verwendet", sagte Friedrich dem Sender.

Dem Bericht zufolge befinde sich in den internen VW-Dokumenten auch eine "Beschreibung der SCR-Dosierstrategie im Zyklus und außerhalb des Zyklus." SCR steht für Katalysatoren, bei denen Harnstoff (AdBlue) zur Abgasreinigung eingespritzt wird.

Derzeit ermittelt die EU-Kommission wegen möglicher Verstöße bei der AdBlue-Einspritzung noch gegen VW, Daimler und BMW. Im April dieses Jahres erklärte die Kommission nach vorläufigen Ermittlungsergebnissen, dass die Hersteller illegale Absprachen zu Technologien der Abgasreinigung insbesondere bei Einspritzung von AdBlue zur Verringerung der Stickoxidemission getroffen hätten.

Klagen gegen EA 288-Motoren vor Gericht

Vor mehreren Gerichten klagen derzeit noch VW-Besitzer wegen des inkriminierten Motors EA 288. Ein in dem Bericht zitierter Anwalt bewertet die neuen internen VW-Dokumente als Beweis dafür, dass Volkswagen auch beim Nachfolgemodell die Kunden getäuscht habe.

Ein unabhängiges technisches Gutachten, dass das Landgericht Wuppertal zur Bewertung der Frage in Auftrag gegeben hat, ob bei EA 288-Motoren eben jene verdächtige Software mit der beschriebenen Funktion verbaut ist, steht dem Bericht zufolge noch aus. Frühestens in einigen Monate werde das Ergebnis vorliegen.

rei

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