Angela Merkel und der Abgasskandal Die Anti-Auto-Kanzlerin

Merkel, Vertreter der Autoindustrie: Der Branche langfristig keinen Dienst erwiesen

Merkel, Vertreter der Autoindustrie: Der Branche langfristig keinen Dienst erwiesen

Foto: REUTERS
Fotostrecke

Subvention für Batteriefahrzeuge: Diese Elektroautos macht die Kaufprämie am billigsten

Foto: YOSHIKAZU TSUNO/ AFP

Es ist das vertraute, verstaubte Ritual: Wieder einmal marschieren heute die wichtigsten Männer der deutschen Autoindustrie bei Angela Merkel (CDU) auf. Mal wieder tragen sie der Bundeskanzlerin ihre Sorgen und Nöte vor, aktuell zu den Themen Abgasskandal und Elektroautos.

Für Merkel wäre das Treffen die große Chance, den Managern endlich das Offensichtliche ins Gesicht zu sagen: Ihr habt versagt, ihr habt betrogen und geschummelt. Und vor allem habt Ihr Euch von der Konkurrenz abhängen lassen.

Denn das Auto der Zukunft entsteht womöglich nicht in Deutschland. In den Vereinigten Staaten ist ein Hype um die Elektroautos von Tesla entstanden. Apple und Google konzipieren eigene Fahrzeuge. In Japan baut Toyota die saubere Hybridtechnik aus und darf sich zusammen mit Hyundai (Korea) als Vorreiter bei Wasserstoffautos bezeichnen.

Nach dem Mund geredet statt Konzernpolitik zu hinterfragen

Fotostrecke

Elektroautos für den Massenmarkt: Tesla-Fighter: So rüstet die Autobranche gegen das Model 3

Foto: Justin Prichard/ AP

Merkel könnte also fragen: Was habt Ihr, die Chefs von Volkswagen, BMW, Daimler und Co. in den vergangenen Jahren eigentlich gemacht? Und die Antwort selbst geben: Nach allen Regeln der Ingenieurs-Kunst zum Beispiel die Software Eurer Diesel-Autos manipuliert, um zu verschleiern, dass die Wagen schmutzig sind. Was für eine Enttäuschung!

Doch Merkel kann das alles nicht sagen. Denn die Kanzlerin persönlich trägt einen erheblichen Teil der Verantwortung für das deutsche Auto-Desaster.

In all den Jahren ihrer Regentschaft hat sie den Managern nach dem Mund geredet anstatt die Konzernpolitik wirksam zu hinterfragen. So unterstützte Merkel bestenfalls den Status quo und die Bonuszahlungen der Konzernlenker, anstatt von der Branche hartnäckig zukunftsfähige Fahrzeuge einzufordern und den Auto-Standort Deutschland auf diese Weise langfristig zu stärken.

Deshalb ist Merkel nicht die Auto-Kanzlerin. Sie ist die Anti-Auto-Kanzlerin. Sie trägt eine erhebliche Mitschuld an der aktuellen Krise.

Die desaströsen Folgen des Kuschelkurses

Fotostrecke

Greenpeace-Schwarzbuch: Diese sechs Top-Autolobbyisten ziehen in der Politik die Strippen

Foto: Gregor Fischer/ picture alliance / dpa

Ob Abwrackprämie, CO2-Ausstoß oder Abgasregeln- stets brachte die Mauschelei Ergebnisse, die der Industrie gefielen. Die Konzernlenker oder ihre geschmeidigen Emissäre (oft Ex-Merkel-Mitarbeiter) umgarnten die Regierungschefin so lange, bis sie mehr oder weniger auf ihre Linie einschwenkte. Mit dem Ergebnis, dass die milliardenschwere Verschrottungssubvention kam, EU-Klimaschutzregeln verwässert wurden und Ingenieure unbehelligt Betrugs-Motorsoftware einsetzen durften.

Auch im Ausland gerierte Merkel sich als oberste Lobbyistin der Industrie. Legendär ist die Begegnung von Merkel mit der Chefin der kalifornischen Luftreinhaltungsbehörde Carb, Mary Nichols, die derzeit den VW-Skandal mit aufklärt. Nichols erregt sich noch heute darüber, dass Merkel zu Anfang des Gesprächs niedrigere Abgasgrenzwerte in den USA forderte. Dies sollte der deutschen Autoindustrie helfen. Schmutzige Luft? Nicht so wichtig.

Es ist offensichtlich, dass Merkel der deutschen Autoindustrie mit solchen Auftritten helfen wollte. Es ist aber auch offensichtlich, dass sie die Branche so gleichzeitig davor geschützt hat, innovativ zu sein und den Wettkampf um das Auto der Zukunft offensiv zu führen. Und ihr damit nachhaltig geschadet hat.

Nun tritt der Schaden ein

Nach und nach zeigen sich die desaströsen Folgen des Kuschelkurses. Beispiel Nummer eins ist natürlich der Abgasskandal. Je länger die Aufsichtsbehörden die Manipulationen trotz eindeutiger Hinweise nicht zur Kenntnis nehmen wollten, desto größer wurde der potenzielle Schaden.

Nun tritt er ein, Stück für Stück. Am Freitag vergangener Woche hat das Kraftfahrt-Bundesamt das Offensichtliche festgestellt: Praktisch alle Hersteller (auch aus anderen Ländern) tricksen auf juristisch fragwürdige Weise herum. Der Imageschaden für die Unternehmen ist erheblich, das Interesse an der deutschen Vorzeigetechnologie Diesel rückläufig . Unklar ist, ob es bei 630.000 Autos bleibt, die zurückgerufen werden sollen.

Warum Tesla kein deutsches Unternehmen ist

Fotostrecke

Verbrenner mit Verfallsdatum: Diese Staaten wollen Diesel und Benziner abschaffen

Foto: DPA

Ein weiteres Indiz für das politisch geduldete Versagen der Autoindustrie war vor gut drei Wochen rund um den Globus zu beobachten: Tausende standen Schlange für ein noch nicht existentes Auto des kalifornischen Startup-Unternehmens Tesla. Inzwischen sind 400.000 Reservierungen für das Model 3 eingegangen.

Der Wagen ist das ansprechend designte Versprechen auf eine saubere Zukunft - verkörpert also auch eine gesellschaftliche Vision. Dass kurzfristig denkende Manager für so etwas blind sein können, haben sie selbst immer wieder demonstriert. Doch als Kanzlerin hätte Angela Merkel alle Freiheiten gehabt, diese Vision mit Härte einzufordern.

manager-magazin.de/Wochit

Wie so etwas geht, zeigen Politiker in Kalifornien. Seit Jahrzehnten ringen sie mit der Industrie um schärfe Abgasgrenzwerte und schreiben den Bau von sauberen Autos vor. So sah Toyota sich genötigt, den hybridbetriebenen Prius auf den Markt zu drücken - und hatte mit ihm Erfolg.

Neue Unternehmen? Politik kümmert sich lieber um Platzhirsche

Zudem herrscht an der US-Westküste ein Wirtschaftsklima, in dem neue Firmen gute Chancen vorfinden. Sowohl risikofreudige Investoren, aber auch der politische Rahmen haben Teslas Aufstieg ermöglicht.

Kein Wunder, dass ein Unternehmen wie Tesla als deutsche Firma kaum denkbar ist. Hierzulande kümmert sich die Politik viel zu sehr um die Platzhirsche. Deren Absatz wird mit Dieselsubvention und Kaufprämien gestützt. Hilft alles nichts, erwägt die Politik Rettungspakete wie einst bei Opel.

"Wolfsburg darf nicht fallen", lautet aktuell die hilflos-defensive Parole in Berlin. Dabei sind es keinesfalls blutrünstige Feinde von außen, die die deutsche Autobastion belagern. Den Schaden haben die Manager selbst angerichtet - und die Kanzlerin hat es ihnen ermöglicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.