Dienstag, 21. Mai 2019

Weiteren Werken droht Kurzarbeit Zoff mit Zulieferer - VW droht mit Beschlagnahme fehlender Teile

VW Golf-Fertigungslinie in Wolfsburg: Schickt VW in Kürze Lastwagen nach Sachsen, um die fehlenden Teile notfalls zu beschlagnahmen?

Wegen eines Streits mit zwei Zulieferern droht Volkswagen Kurzarbeit in vier weiteren Werken. Bis zu 20.000 VW-Werker könnten betroffen sein. Die Weigerung, Teile zu liefern, könnte für die Zulieferer aus Sachsen teuer werden.

Es ist die die heißeste Automobilstory in dieser sonst eher kühlen Sommerwoche: Zwei mittelständische Zulieferer aus Sachsen weigern sich, den Autoriesen Volkswagen weiter zu beliefern - und bringen damit die Arbeitsabläufe in gleich fünf VW-Werken (nach Emden droht Kurzarbeit in Wolfsburg, Kassel, Braunschweig und Zwickau) sowie die gesamte VW-Golf-Produktion ins Stocken. Die ganze Autobranche fragt sich: Was bringt den sächsischen Automobilzulieferer ES Guss aus Schönheide und den Sitzbezughersteller Car Trim aus dem sächsischen Plauen dazu, den Konflikt mit dem Autoriesen Volkswagen Börsen-Chart zeigen derart eskalieren zu lassen?

Hintergrund für den spektakulären Konflikt ist ein Rechtsstreit mit der Unternehmensgruppe Prevent, zu der ES Guss und Car Trim seit einigen Monaten gehören. Hauptsitz der ASA Prevent Group ist Bosnien Herzegowina, die deutsche Prevent-Niederlassung sitzt in Wolfsburg. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies, der das Land im VW-Aufsichtsrat vertritt, sagte, es sei nicht einfach, die Hintergründe der Auseinandersetzung zwischen VW und der Prevent-Gruppe vollständig zu durchschauen.

Offenbar ist ein Streit zwischen VW und der Prevent-Gruppe über ein künftiges Entwicklungs- und Lieferprojekt eskaliert. Beide Seiten halten sich mit Aussagen zu dem Thema zurück, da dies auch Gegenstand einer aktuellen gerichtlichen Auseinandersetzung vor dem Landgericht Braunschweig ist.

Nur so viel ist klar: Das Landgericht Braunschweig hat die beiden Zulieferer Car Trim und ES Guss per einstweiliger Verfügung dazu verdonnert, VW weiterhin mit den benötigten Sitzbezügen und Getriebeteilen zu beliefern - im Fall von ES Guss sogar bis zum Februar 2018. Die Firma ES Guss aus Schönheide hat dagegen Widerspruch eingelegt - und über diesen Widerspruch will nun erneut das Braunschweiger Landgericht am 31. August befinden.

Volkswagen will fehlende Teile notfalls beschlagnahmen lassen

Bis dahin sind noch rund zwei Wochen Zeit - Zeit, die Volkswagen nicht hat. Die Zulieferer seien in beiden Fällen zur Lieferung der fehlenden Teile verpflichtet, sagte ein VW-Sprecher am Abend gegenüber manager-magazin.de. Der Einspruch von ES Guss gegen die einstweilige Verfügung hat aus Sicht der VW-Juristen keine aufschiebende Wirkung.

Dies bedeutet: VW ist entschlossen, seine Ansprüche gegen die beiden Zulieferer notfalls mit Hilfe des Gerichtsvollziehers durchzusetzen. Das kann heißen, dass in Kürze eine von VW geschickte Lastwagenkolonne auf dem Hof der beiden Zulieferer in Sachsen vorfährt, um mit Hilfe eines Gerichtsvollziehers die benötigten Teile zu beschlagnahmen und in die VW-Werke transportieren zu lassen. Ein abenteuerliches Szenario - aber aktuell durchaus vorstellbar.

Wie kann es dazu kommen, dass ein Rechtsstreit derartig eskaliert? "Das ist eine neue Qualität", meint Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Er hält das Vorgehen des Zulieferers allerdings für gefährlich. Denn falls VW vor Gericht Recht behalte und der Widerspruch des Zulieferers abgeschmettert werde, könnten auf die Prevent-Gruppe wegen der Produktionsausfälle bei Volkswagen hohe Schadenersatzforderungen zukommen.

Warum die Situation derart eskaliert ist, darüber lässt sich aktuell nur spekulieren. Möglich, dass sich Volkswagen von der Prevent-Gruppe erpresst fühlt - und auch deshalb mit aller Härte gegen die beiden streikenden Zulieferer vorgeht. Möglich sei auch ein "ein Riesen-Frust" auf Seiten des Zulieferers, der das Klima vergiftet habe und zu irrationalen Entscheidungen führen könnte, meint Bratzel.

Das Klima zwischen Autoherstellern und Autozulieferern ist traditionell rau. Große Hersteller nutzen häufig ihre Marktmacht, um die Rendite auch auf Kosten der Zulieferer zu verbessern: Die Einigung auf Kostensenkungen, meint Bratzel, sei in den vergangenen Jahren einer der größten Reibepunkte zwischen Zulieferern und Herstellern. In der jüngsten Zuliefererumfrage seines Instituts vom Februar dieses Jahres erklärten 50 Prozent der mittelständischen Zulieferer, dass ein weiter steigender Kostendruck der Kunden ihre Existenz gefährde.

Und auch das Vertrauen zwischen den deutschen Zulieferern und den Herstellern ist nicht allzu groß: Gleich 42 Prozent der für die Studie befragten 117 Automanager gaben an, dass ihre Kunden kein echtes Interesse daran haben, dass sie als Zulieferer nachhaltig wirtschaften können. Und die Geschäftsbeziehungen zwischen beiden Seiten, so Bratzel, laufen nicht gerade partnerschaftlich ab.

Gerade bei Volkswagen dürfte der Druck auf die Lieferanten in nächster Zeit eher zunehmen. Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz gilt seit jeher als harter Verhandler und Preisdrücker. VWs Markenchef Herbert Diess ist mit der Vorgabe angetreten, die Rendite der Kernmarke kräftig nach oben zu bringen. Auch er hat den Ruf, bei Verhandlungen mit Zulieferern nicht gerade zimperlich zu sein.

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