Sonntag, 21. April 2019

Deutsche Autoindustrie im Umbruch "Disruption dauert" 

4. Teil: "Die Marke im Sinne eines Mobilitätsnetzes entwickeln"

mm: Dem Fluggast ist es eher egal, ob er in einem Airbus oder einer Boeing sitzt. Er wählt Lufthansa, Emirates oder British Airways. Hieße das nicht, übertragen auf das Autogeschäft: der Kunde bestellt das Robotertaxi über eine Computerplattform, und die Frage Mercedes, BMW oder Audi spielt keine Rolle mehr?

Dressler: Die Hersteller stünden natürlich weiter im Wettbewerb, das ist ja auch bei Boeing und Airbus so. Sie müssten die Autos weiter so gestalten, wie es die Kunden oder die Mobilitätsdienstleister wollen. Aber in der Tat: Wenn die Entwicklung sehr stark in diese Richtung geht, wird das den Markt gewaltig durcheinander wirbeln.

Bernhart: Dann muss ich meine Marke als Hersteller im Sinne eines Mobilitätsnetzes entwickeln. Aber diese Basismarke muss weiter einen positiven Imagetransfer bringen. Sonst kann ich meine Fahrzeuge irgendwann nicht mehr an Individualkunden verkaufen. Und deren Anteil wird noch lange ziemlich hoch bleiben. Selbst wenn die Menschen immer mehr Robotaxi fahren, werden viele weiter auch ihr eigenes Auto fahren wollen - oder sich davon fahren lassen.

mm: In Sachen Mobilitätsdienstleistungen steht die deutsche Autoindustrie eher am Anfang. BMW und Mercedes versuchen sich zwar mit Car-Sharing-Unternehmen wie DriveNow und Car2Go, wollen diese Marken jetzt möglichst auch fusionieren. Aber haben die deutschen Hersteller mit ihren Mobilitätsdienstleistern eigentlich global eine Chance gegen Neulinge, die sich komplett auf dieses Geschäft focussieren?

Bernhart: Vielleicht kann die Luftfahrt wieder als Vorbild dienen. Dort haben sich mehr oder weniger lose Bündnisse wie Star Alliance oder One World durchgesetzt. So könnten auch die Autohersteller die nötige Abdeckung des Markts schaffen. Sie könnten ihre Fahrzeuge gemeinsam in den Markt bringen und auch die Kosten gemeinsam tragen. So wäre es möglich, über eine gemeinsame Mobilitätsmarke zu punkten.

mm: Herr Bernhart, Herr Dressler, wirkliche Begeisterung für die neue Autowelt zeigen die von Ihnen befragten Menschen noch nicht.

Dressler: Weil viele die neuen Technologien und Dienstleistungen noch nicht kennen, weil es sie zum Teil noch gar nicht gibt. Dafür ist die Affinität erstaunlich hoch. Und die erste Ausgabe des Disruption Radars ist eine Momentaufnahme. Wir werden das jetzt regelmäßig machen, und ich bin fest überzeugt, dass der beobachtete Trend sich fortsetzen wird.

mm: Andererseits wird nicht jeder wirklich kaufen, der bei Ihnen die Bereitschaft dazu angibt.

Bernhart: Diese Art von Services wird nicht teurer sein als das eigene Auto. Sie wird mehr Value for Money bieten.

mm: Und wenn das nicht gelingt?

Bernhart: Dann ändert sich gar nichts.

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