Mittwoch, 24. April 2019

Deutsche Autoindustrie im Umbruch "Disruption dauert" 

2. Teil: Erst mal anderen die teuren Anfangsfehler überlassen?

BMW-Studie "Next 100": Erst mal andere die teuren Anfangsfehler überlassen?

mm: Die eigentliche Disruption ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Trends wie Elektromobilität, autonomem Fahren und neuen Mobilitätsdiensten. Und bislang machen die Autohersteller die Erfahrung, dass es sich nicht lohnt, zu den ersten am Markt zu gehören. Daimler Börsen-Chart zeigen hat viel in die Brennstoffzelle und die gemeinsam mit Evonik hergestellten und entwickelten Batterien investiert, Renault und BMW Börsen-Chart zeigen waren mit ihren Elektromodellen Vorreiter. Gelernt haben sie einiges dabei; aber sie zahlten auch massiv drauf. Gilt da nicht eher die Vorgabe: erst mal abwarten und anderen die teuren Anfangsfehler überlassen?

Zu den Personen
  • Wolfgang Bernhart ist Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. Elektromobilität gehört ebenso wie die Vernetzung von Automobilen zu seinen Spezialgebieten. Gemeinsam mit Norbert Dressler, ebenfalls Partner bei Roland Berger, gibt er den "Disruption Radar" heraus - vierteljährlich.

Bernhart: Das kann man nicht verallgemeinern. Beim Thema Elektro haben skeptische Konzernvorstände jahrelang gewarnt und keine Autos auf den Markt gebracht. Sie haben dem Thema gar keine Zukunft eingeräumt. Mittlerweile sagt so ziemlich jeder, dass sich die Batterietechnik durchsetzen wird. Zu Beginn des nächsten Jahrzehnts gibt es in Europa vielleicht ein, zwei oder drei Städte, in denen Robotaxis wirklich geschäftlich genutzt werden - und nicht nur in Pilotversuchen. Das wird noch in sehr kleinen Kinderschuhen stecken. Aber wir werden deutlich mehr Elektroautos sehen.

mm: Das klingt noch sehr unbestimmt.

Bernhart: Da ist auch noch vieles offen. Den genauen Zeitplan für einzelne Technologien und Geschäftsmodelle gibt es einfach nicht.

mm: Und deshalb wissen die Konzernchefs momentan nicht, wann sie am Markt sein müssen, ohne Milliarden Euro zu versenken. Das gilt sogar für Elektroautos. Da hilft dann auch Ihr Disruption Radar nicht viel weiter.

Bernhart: Wirklich nicht? Wir sehen klare Systemveränderungen. Gerade beim Thema Elektromobilität ist der Point of no return überschritten.

Dressler: Stellen Sie sich nur mal vor, dass Stuttgart im nächsten Jahr tatsächlich alle Dieselfahrzeuge aus der Innenstadt verbannt. Das hätte große Auswirkungen. Dann dürfen auch etliche Mercedes- und Porsche-Fahrer plötzlich nicht mehr in die Innenstadt. Und viele von denen werden nicht mehr auf Benzin-Modelle umsteigen. Die wollen Elektroalternativen,...

mm: ...und dann kaufen Sie einen Tesla Börsen-Chart zeigen .

Dressler: Nicht unbedingt. Porsche, Audi und Mercedes sind auch bald am Markt. Aber das Beispiel zeigt, welchen Einfluss die großen Städte haben werden. Wenn Peking, London, Paris oder auch Singapur plötzlich nur noch Elektroautos zulassen, dann erhöht das den Druck auf die Hersteller ungemein. Ähnliches gilt für das autonome Fahren: lassen die Metropolen weiter Individualverkehr zu, oder gestatten sie nur noch oder fast nur noch Modelle wie autonom fahrende Sammeltaxis?

mm: Die Verunsicherung der Hersteller bleibt. Schauen Sie nur auf Holland, ...

Dressler: ..., die Menschen dort zeigen sich in unseren Umfrage als besonders aufgeschlossen zum Beispiel für autonomes Fahren.

mm: Aber 76 Prozent der Niederländer wollen Ihren Daten zufolge keinesfalls ein Elektromobil als nächstes Auto. Und das ausgerechnet in dem Land, in dem der Anteil der E-Mobile in Europa nach Norwegen am höchsten ist.

Grafik: E-Fahrzeuge als Alternative
Roland Berger
Grafik: E-Fahrzeuge als Alternative

Dressler: Ja, und die Dichte der Ladestationen sogar am höchsten. Aber vielleicht zeigt das auch wieder nur, dass die Reichweite der meisten Elektroautos bislang zu klein ist, dass das Laden zu lange dauert, dass die meisten batteriebetriebenen Fahrzeuge schlicht unbequemer sind. Das wissen die Niederländer besser als die Menschen in Deutschland, Frankreich oder China. Entweder sie haben es selber erfahren, oder Nachbarn und Kollegen erzählen es. Aber auch das zeigt nur: Disruption dauert.

mm: Und Abwarten wäre für die Hersteller trotzdem falsch?

Bernhart: Wenn sie die vor allem in Europa und China künftig sehr strengen CO2-Regeln erfüllen wollen, dann warten sie besser nicht. Da können Sie als Vorstand noch überlegen, ob Sie eher auf rein batterieelektrische Antriebe setzen wollen oder auf Plugin-Hybride. Aber eins ist klar: ohne massive Elektrifizierung haben Sie spätestens ab 2020 keine Chance mehr.

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