Dienstag, 16. Juli 2019

Abgas-Skandal Audi manipulierte Dieselmotoren stärker als bekannt

Noch bis 2018 hat Audi offenbar Autos ausgeliefert, deren Abgasreinigung manipuliert worden war

Audi hat im Abgasskandal Dieselmotoren offenbar umfassender manipuliert als bislang bekannt. Der Hersteller habe vier statt einer Abschaltvorrichtung genutzt, heißt es. Das Kraftfahrtbundesamt gerät erneut ins Zwielicht. Es habe einen Großteil der Autos gar nicht geprüft, sondern sich auf Angaben des Herstellers verlassen.

Audi hat offenbar beim Schadstoffausstoß von Dieselautos umfassender getrickst als bislang bekannt. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks und vom Handelsblatt hat der Premiumhersteller nicht nur eine, sondern vier Abschalteinrichtungen genutzt. Das von der CSU geführte Bundesverkehrsministerium hat die Öffentlichkeit darüber nicht informiert.

Der Sender stützt sich auf Bescheide des Kraftfahrtbundesamtes, die bis ins Jahr 2018 hinein ausgestellt wurden. Dem Bericht zufolge geht es um insgesamt rund 200.000 größere Dieselmotoren mit der Abgasnorm Euro 6, die auch bei VW und Porsche zum Einsatz kamen.

Die nicht öffentlichen Bescheide zeigten, dass Audi nicht nur eine, sondern vier Abschalteinrichtungen verbaut habe. Mit diesen Softwaretricks waren Fahrzeuge auf dem Prüfstand deutlich sauberer als im realen Verkehr.

Den Bescheiden zufolge habe das KBA allerdings nur eine dieser Software-Einrichtungen, nämlich die sogenannte "Aufwärmfunktion", als unzulässige Abschalteinrichtung eingestuft. Die anderen drei "Strategien" habe Audi freiwillig entfernen können, berichtet der Sender unter Berufung auf die Bescheide.

Kraftfahrtbundesamt prüfte viele Modelle offenbar nicht

Besonders bemerkenswert: Die Behörde habe die meisten Modelle gar nicht geprüft, sondern sich auf Angaben des Herstellers verlassen. Der Verkehrsexperte der Grünen, Krischer, kritisierte, jeder Mensch würde erwarten, dass sich eine Behörde bei einem Betrugsverdacht selbst ein Bild verschaffe. "Dazu sei das Kraftfahrtbundesamt aber nicht willens und in der Lage."

Der Jurist Martin Führ von der Hochschule Darmstadt, der auch Gutachter im Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags war, geht nach Sichtung mehrerer Bescheide davon aus, dass das KBA alle vier Strategien als Abschalteinrichtung qualifizierte und diese auch "nicht nötig waren für den Motorschutz, denn dann hätte man sie nicht herausnehmen können."

Schließlich kritisiert auch die Münchner Staatsanwaltschaft, die im Zuge des Diesel-Skandals bei Audi gegen 27 Beschuldigte ermittelt, die Arbeit des Kraftfahrtbundesamtes. Laut BR ginge aus vertraulichen Unterlagen hervor, dass das Kraftfahrtbundesamt Audi mehrfach über Maßnahmen wie Rückrufe informiert habe, ohne zuvor die Staatsanwaltschaft davon in Kenntnis zu setzen.

Das KBA hatte auf Fragen des Senders nicht reagiert.

Audi gilt im Abgas-Skandal des Volkswagen-Konzerns als Hauptbeteiligter. Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Autobauer in Deutschland ein von der Staatsanwaltschaft München verhängtes Bußgeld von 800 Millionen Euro akzeptiert, worauf die Ermittler das Verfahren einstellten.

In den USA wiederum wurden mehrere Manager von Audi angeklagt, die bei dem Hersteller mit für die Motoren- und Dieselentwicklung zuständig waren. Die rechtliche Aufarbeitung des Abgas-Skandals in den USA hat den Volkswagen-Konzern nach teuren Kompromissen mit Behörden und privaten Sammelklägern bereits mehr als 25 Milliarden Euro gekostet.

rei

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