Dieselskandal paradox Wie Volkswagen und Co. ihre Abgase als Verkaufsargument ausschlachten

Fotostrecke

Volkswagen: Dirty Diesel - die Chronik der Ereignisse im VW-Abgasskandal

Foto: Frank Leonhardt/ dpa

Kaum zu glauben, aber wahr: Daimler hat seine Kunden kürzlich vor Gefahren durch Autoabgase gewarnt. "Wenn Sie nur eine Stunde täglich auf Hauptstraßen unterwegs sind", jagten der Hersteller Mercedes-Fahrern per Brief regelrecht Angst ein, ergebe das "aufs Jahr gerechnet 301,6 Gramm Feinstaub, den Sie einatmen".

Was war geschehen? Hatten die Anti-Diesel-Scharfmacher von der Deutschen Umwelthilfe Daimler  juristisch zum Bußgang in Sachen Abgasaffäre verdonnert?

Keinesfalls, Daimler warb lediglich für seine Innenraum-Luftfilter. Diese stellten sicher, dass zumindest "der Innenraum Ihres Mercedes-Benz" zu "100 Prozent feinstaubfrei ist". Gut vor allem für Fahrer in Daimlers Heimat Stuttgart, der Stadt mit der schlechtesten Luft in Deutschland. Alle Kunden könnten die Filter "zu Frühlingspreisen" einbauen lassen. So berichtete es die "Zeit" .

Volkswagen macht aus der Not eine Tugend

Von der Werbeaktion hat sich Daimler inzwischen distanziert - aufgrund mehrerer Faktenfehler im Text. Dennoch wirft sie ein Schlaglicht auf ein wachsendes Phänomen: Autohersteller entdecken die zum Großteil selbst verursachte schlechte Luft in deutschen Städten als Verkaufsargument für teure Innenluftfilter und anderes Zubehör in ihren Fahrzeugen.

"Nicht alle Bestandteile der Außenluft sind im Auto erwünscht", weiß zum Beispiel Volkswagen. Für die Klimaanlage "Air Care" mit Luftreinigungsfunktion wird ein Aufpreis von rund 500 Euro fällig. Zum selben Preis schützt im Touran das System "Pure Air" mit Luftgütesensor die Insassen gar vor den Abgasen des eigenen Autos: Sobald der Wagen rückwärts fährt, schaltet das Gerät auf Umluftbetrieb um - die Luftzufuhr von außen wird somit gedrosselt.

Versprechen die Hersteller bei Innenraum-Filtern zu viel?

Fotostrecke

Verbrenner mit Verfallsdatum: Diese Staaten wollen Diesel und Benziner abschaffen

Foto: DPA

Außen pfui, innen hui - die immer ausgefeilteren Systeme sollen alle möglichen Partikel und Gase aus dem Innenraum fernhalten: Pollenallergene, Feinstaub, Ozon und nicht zuletzt Stickoxide wie NO2, um die es im Dieselskandal vor allem geht. Motto: Was immer hinten rauskommt - im Auto bleibt die Luft sauber.

"Die Anlagen verbessern sich in graduellen Schritten", sagt ADAC-Techniker Arnulf Thiemel gegenüber manager-magazin.de. Vliese und Aktivkohleschichten seinen vielfach bereits Standard.

Hinzu kommen Luftgütesensoren, die die Arbeitsweise der Klimaanlage beeinflussen. "Wenn man in die Stadt fährt, macht die Anlage bei besonders hoher Schadstoffkonzentration dicht", nennt Thiemel ein Beispiel. Als führende Zulieferer für Filter und Sensoren gelten beispielsweise Mann und Hummel aus Ludwigsburg bei Stuttgart sowie Paragon aus Delbrück (Nordrhein-Westfalen).

Ionisator im Audi Q7 soll Partikel und Keime eliminieren

Öffentliche Feinstaubfilteranlagen von Mann und Hummel in Ludwigburg

Öffentliche Feinstaubfilteranlagen von Mann und Hummel in Ludwigburg

Foto: picture-alliance/ dpa

Auch Audi macht beim Thema Luftqualität Tempo, zumindest im Auto. Die Ingolstädter bieten ab Sommer auch bei kleineren Modellen einen neuen Klimafilter an. "Dieser holt nicht nur Feinstaub und schädliche Gase aus der Luft, sondern macht auch einen Großteil aller Allergene unschädlich", heißt es bei Audi. Für 59 bis 79 Euro lassen sich auch ältere Modelle nachrüsten.

Im Q7 bietet Audi für 200 Euro zusätzlich einen Ionisator, der schädliche Partikel und Keime in der Luft reduzieren soll. "Die so verbesserte Luftqualität im Fahrzeuginnenraum kann zur Steigerung des Wohlbefindens und der Aufmerksamkeit beitragen", befindet der Hersteller.

Klingt nett - doch ähnlich wie bei der Abgasreinigung zwischen Motor und Auspuffrohr ist fraglich, wie weit Autofahrer den Versprechungen der Industrie glauben können. Laut ADAC-Mann Thiemel gibt es kaum aussagekräftige Innenraumfilter-Tests. Mitglieder des Autofahrer-Clubs hätten dazu bisher selten Fragen gestellt.

Alarmierender Test: Innenluft bei Autobahnfahrten ist extrem belastet

Fotostrecke

Winterkorn, Pötsch, Stadler und Co.: Was die Volkswagen-Vorstände zuletzt verdienten

Foto: Bernd Weißbrod/ dpa

Das könnte sich allerdings ändern. Denn alarmiert hat den Autofahrer-Club zuletzt eine Testfahrt der Zeitschrift "Auto Bild". Die Redakteure fanden dabei heraus, dass die Stickoxid-Konzentration im Innenraum eines VW Golf während der Fahrt im Kölner Raum die amtlichen Grenzwerte für Atemluft deutlich überschritt.

In der Stadt befanden sich im Schnitt 91 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) in einem Kubikmeter Atemluft, auf der Autobahn sogar 156 Mikrogramm. Der Jahresgrenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Während der Fahrt hinter Kleinlastern wie Mercedes Sprinter oder Fiat Ducato explodierte der Wert auf bis zu 534 Mikrogramm. "Die Ergebnisse klingen recht dramatisch, so dass wir das Thema intensiv verfolgen", sagt Thiemel.

manager-magazin.de / Wochit

Audi betont, die "hohe Wirksamkeit" der Filter sei zumindest in den Autos der Ingolstädter erwiesen. Doch wie stark wirken die Filter tatsächlich? Auf eine Anfrage von manager-magazin.de reagierte der Hersteller zunächst nicht.

"Schwedische Luft" mitten im China-Smog verspricht Volvo

Tatsächlich spielt das Thema Innenraumluft in andere Ländern bereits eine viel größere Rolle als in Deutschland. So liefern sich Hersteller im von Smog geplagten China einen Wettstreit um die sauberste Luft im Fahrzeug. Volvo verkauft seine Autos mit dem Versprechen, man atme darin praktisch "schwedische Luft".

Elektroautobauer Tesla preschte zuletzt mit der Aussage vor, der "Biowaffen-Verteidigungsmodus" des Model X senke nicht nur die Belastung im Innenraum rasch auf Null, sondern verbessere zudem die Außenluft. Dies funktioniert natürlich nur, weil das Auto als Batteriefahrzeug lokal keine Emissionen ausstößt.

Was aber tun, so lange die meisten Autos Abgase ausstoßen und Innenraumfilter noch nicht in allen Fahrzeugen perfekt arbeiten? "Weil unsere Lunge ja NO2 aus der Luft filtert", zitiert "Auto Bild" Umweltphysiker Denis Pöhler mit einem sarkastischen Scherz, "empfehle ich, als Letzter zu atmen, falls mehrere Personen im Auto sitzen".