Montag, 9. Dezember 2019

Nach Piëch-Rücktritt bei Volkswagen Jahrhundertchance für Gewerkschaften und Betriebsräte

Von seinen Gnaden: VW-Chef Martin Winterkorn (links) und der langjährige IG-Metall-Chef Berthold Huber

Natürlich waren der Einfluss von IG Metall und Betriebsrat bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen schon immer größer als anderswo - allein schon wegen der schieren Zahl der Facharbeiter und der Bedeutung derselben für den Autokonzern.

Mit dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch aber haben die Arbeitnehmer nicht mehr nur sehr viel Einfluss - sie haben die Macht übernommen. Das AG bei Volkswagen steht jetzt für Arbeitnehmer-Gesellschaft. Das kann, wenn Gewerkschaft und Betriebsrat damit in den kommenden Wochen klug umgehen, eine Blaupause bei ähnlichen Konstellationen in anderen Unternehmen werden und für die Arbeitnehmervertreter den Beginn einer neuen Ära markieren. Im Fall des Gegenteils kann Deutschlands wichtigster Automobilkonzern schweren Schaden nehmen.

Betriebsratschef Bernd Osterloh und der ehemalige IG-Metall-Chef Berthold Huber haben den Widerstand gegen die Attacken Piëchs auf Vorstandschef Martin Winterkorn organisiert. Dafür zogen sie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) auf ihre Seite. Formal ist der als Vertreter des 20prozentigen Aktienanteils des Landes im Aufsichtsrat zwar Mitglied der Kapitalseite, praktisch aber natürlich von Wählerstimmen abhängig, die von VW-Arbeitnehmern kommen - oder eben auch nicht. So sicherten sich die Arbeitnehmervertreter die Mehrheit im Kontrollgremium - gegen Ferdinand Piëch, den Aufsichtsratschef und Vertreter des Mehrheitsaktionärs.

Am Samstagabend, nach dem Rücktritts Piëchs und seiner Frau Ursula, traten Weil und Huber auf einer Pressekonferenz schon recht selbstverständlich mit der Attitüde von Konzernführern auf. "Die letzten zwei Wochen haben zu einer Verunsicherung bei den Beschäftigten von VW geführt, diese Verunsicherung musste heute beendet werden", sagte Huber. Und Weil ergänzte kühl: Es war "zwingend geboten, die Personalspekulationen zu beenden und für Klarheit in der Führungsspitze von VW zu sorgen."

Winterkorn ein VW-Chef von Arbeitnehmers Gnaden

Die Analyse ist zutreffend. Das von Piëch durch dessen Satz von der "Distanz", die er zu Winterkorn habe, heraufbeschworene Chaos musste schleunigst beendet werden. Bisher hatte der erfahrene Gewerkschafter Huber aber in derlei Situationen immer die Kapitalseite, also die Vertreter der Aktionäre, die Entscheidungen zum Spitzenpersonal überlassen. Das ist auch klug: Schließlich bleibt der Arbeitnehmerseite so immer genügend Spielraum, das Topmanagement zu kritisieren. Sie waren schließlich nicht für deren Berufung oder Verbleib im Amt zuständig. So hielt es Huber zuletzt etwa bei Siemens, beim Wechsel von Peter Löscher zu Joe Kaeser. Die logische VW-Variante wäre also gewesen: Aufsichtsratschef Piëch bleibt, Winterkorn geht, Piëch bestimmt einen Nachfolger.

Nun aber haben die Arbeitnehmer Vorstandschef Winterkorn gegen den Willen des Mehrheitsaktionärs im Amt gehalten. Winterkorn ist ein VW-Chef von Arbeitnehmers Gnaden. Und weil die Mehrheitsaktionäre, die Familien Piëch und Porsche, keinen Ersatz für ihren langjährigen Anführer haben, fällt die Rolle des Aufsichtsratschefs erst einmal auch noch an Huber. Wie die Dinge liegen, wird er sogar die kommende Hauptversammlung am 5. Mai leiten.

Die entscheidende Frage ist nun, was die neuen Konzernherren mit ihrer Macht anfangen. Es gibt sehr viel zu tun bei Volkswagen. Die Kritik, die Piëch an Winterkorn festmachte, ist absolut berechtigt: Es fehlt dem Konzern eine US-Strategie, ein Budget-Car, mehr Rendite-Ehrgeiz bei der Kernmarke Volkswagen und, wie der kommende VW-Markenchef Herbert Diess bei seiner Erkundungstour durch die deutschen Werke feststellte, auch Kostendisziplin. Das sind zum Teil Punkte, die Konflikte mit dem Arbeitnehmerlager bergen.

Piëch wusste in den vergangenen Jahrzehnten immer, welche Antworten es auf die großen Linien in seiner Branche brauchte. Die Arbeitnehmervertreter glauben dieses Mal, es besser zu wissen. Sie sind nun in der Verantwortung. Wenn sie die richtigen Entscheidungen treffen und Volkswagen dadurch seine Probleme löst, könnte das die jahrzehntealte bewährte Macht-Architektur in deutschen Unternehmen verschieben. Falls nicht, wird nicht nur VW Schaden nehmen. Auch dem Anspruch der IG Metall, über die großen strategischen Linien mitzubestimmen, fehlen dann die überzeugenden inhaltlichen Argumente. Bei Siemens etwa schauen sie ganz gespannt, wie die Arbeitnehmer in den kommenden Wochen Volkswagen regieren.

Folgen Sie Sven Clausen auf Twitter

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung