Motorenbauer baut um Deutz-Chef: Ende der Diesel-Ära "einmalige Chance"

Noch laufen viele Laster, Bagger oder Busse mit klimaschädlichen Dieselmotoren Marke Deutz. Bis 2031 will der Konzernchef die Hälfte des Umsatzes mit klimaschonenden Aggregaten erzielen – für den SDax-Konzern aus Köln bedeutet das eine kleine Revolution.
Neue Zeiten für den 157 Jahre alten Konzern: Deutz' Dieselantriebe sollen zunehmend durch Wasserstoff und Strom ergänzt werden

Neue Zeiten für den 157 Jahre alten Konzern: Deutz' Dieselantriebe sollen zunehmend durch Wasserstoff und Strom ergänzt werden

Foto: Nils Hendrik Mueller / Deutz

Der Kölner Motorenbauer Deutz  will den Anteil von "grünen" Antrieben bis zum Jahr 2031 mehr als verzehnfachen. Das bestätigte CEO Frank Hiller (55) dem manager magazin. In zehn Jahren sollen Antriebe, die statt mit Diesel mit Wasserstoff oder Strom arbeiten, mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes ausmachen. Bisher sind es nur 4 Prozent, also 60 Millionen Euro.

Erreichen will Hiller seine Ziele durch organisches Wachstum ebenso wie durch Zukäufe. Um das Geschäft mit neuartigen Motoren voranzubringen, strukturiert der CEO den SDax-Konzern zudem um und fasst die Aktivitäten rund um nachhaltige Mobilität in einem neuen Segment "Green" zusammen. Ab 2027 soll die neue Sparte profitabel sein.

"Die Welt der Motoren ändert sich rapide und radikal", sagte CEO Hiller dem manager magazin. "Wer, wenn nicht Deutz, weiß, wie man mit neuen Technologien Motoren immer besser, effizienter und sauberer macht." Mit seinem Konzern wolle er die Transformation zu grünen Motoren "aktiv gestalten und vorantreiben". Das sei eine "einmalige Chance" für Deutz.

Der massive Ausbau alternativer Antriebsarten bedeutet jedoch auch eine Revolution für die Unternehmenskultur bei Deutz. Wie viele seiner Wettbewerber machte der Motorenbauer bisher meist alles selber. Nun komme es zunehmend auch auf Kooperationen an, räumt Hiller ein. Denn Deutz benötigt künftig Know-how in mehreren, teilweise sehr verschiedenen Antriebsarten. Auch dabei soll die neue Konzernstruktur helfen.

Auch das Dieselgeschäft wird gestärkt

Seit seinem Amtsantritt 2017 kämpft Hiller darum, den jahrelang ertragsschwachen Motorenbauer fit zu machen und die Produktpalette um alternative Antriebe zu erweitern. Denn durch die Klimadebatte und den Druck auf den Treibstoff Diesel verlangen Kunden zunehmend "grünere" Aggregate. Dazu übernahm der CEO etwa den auf Bootsantriebe spezialisierten deutschen Elektromotorenbauer Torqeedo und den Batteriezellenhersteller Futavis. Im August stellte Deutz zudem den ersten serienreifen Wasserstoffmotor vor. Und auch beim dänischen Brennstoffzellenspezialisten Blue World Technologies, der nächste Jahr an die Börse kommen könnte, stieg Hiller kürzlich mit 10 Prozent ein – vor allem, um sich exklusive Vertriebs- und Servicerechte zu sichern.

Das klassische Geschäft mit Dieselmotoren stärkte Hiller durch eine neues Joint Venture in China sowie umfassende Partnerschaften mit Großkunden wie den US-Landmaschinenherstellern John Deere und Agco sowie dem Schweizer Baumaschinenspezialisten Liebherr. Sophie Albrecht, Tochter von Co-Eigner Willi Liebherr, zog 2018 sogar in den Deutz-Aufsichtsrat ein.

Ärger mit dem neuen Großaktionär

Auch große Hersteller von Bussen oder Lastwagen denken darüber nach, Bau und Entwicklung ihrer Motoren künftig in Kooperationen einzubringen. Der Deutz-Chef dürfte darauf spekulieren, hier weitere strategische Partnerschaften abzuschließen. Auf Anfrage wollte sich Hiller hierzu allerdings nicht äußern.

Ähnlich wie die heimischen Autokonzerne braucht Deutz die Gewinne aus dem Stammgeschäft mit Diesel noch jahrelang, um den Umbau zu alternativen Antrieben finanzieren zu können. Allerdings erwartet Hiller, dass der Verbrenner bei Bau- oder Erntemaschinen noch länger gebraucht wird als etwa bei Pkws, sodass seinem Konzern mehr Zeit für die Umstellung bleibt.

Bisher verdient das Unternehmen sein Geld vornehmlich mit Dieselmotoren für Baumaschinen, Schiffe, Busse oder Lastwagen. 2019, im Jahr vor dem Einbruch durch die Corona-Pandemie, verkaufte Deutz 211.000 Aggregate und schrieb gut 1,8 Milliarden Euro Umsatz. Im vergangenen Jahr waren es mehr als ein Viertel weniger, der Umsatz sank um fast 30 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Für dieses Jahr erwartet CEO Hiller, bis zu 170.000 Motoren abzusetzen und so den Umsatz wieder auf etwa 1,7 Milliarden Euro zu steigern.

Seit diesem Sommer muss sich Hiller, der vor seinem Amtsantritt in Köln Vorstand beim Autozulieferer Leoni (2014 bis 2016) und beim Nutzfahrzeughersteller MAN (2009 bis 2013) war, mit einem neuen Großaktionär auseinandersetzen. Die Investmentgesellschaft Ardan Livvey mit Sitz in Amsterdam stieg mit knapp 4 Prozent bei Deutz ein . Hinter Ardan Livvey soll die bosnische Unternehmerfamilie Hastor mit ihrem Mischkonzern Prevent stehen, der ein robustes Geschäftsgebaren nachgesagt wird. Der Deutz-Führung gegenüber soll sich die Firma allerdings weigern, ihre Kapitalgeber offenzulegen; auch eine entsprechende Anfrage des manager magazins beantwortete sie ausweichend. Der neue Aktionär hat der Deutz-Führung um Hiller zuletzt "Versagen" vorgeworfen, vor allem weil die Ergebnisse von Deutz hinter denen von Wettbewerbern wie Volvo herhinkten.

Hiller hat vor drei Jahren mit Prevent schlechte Erfahrungen gemacht. Die Gruppe hatte den Zulieferer Halberg Guss übernommen, dann aber durch überzogene Forderungen gegenüber Kunden wie Volkswagen und auch Deutz erst in einen längeren Streik provoziert und das Unternehmen schließlich in die Pleite manövriert. Wegen der Krise bei Halberg Guss musste Hiller teilweise die Produktion stoppen, Deutz verlor einen zweistelligen Millionenbetrag.

Rückzug auf Raten?

Allerdings hat Ardan Livvey sein Engagement bei Deutz bereits wieder zurückgefahren: Die Gesellschaft hat kürzlich eine Million ihrer knapp 5 Millionen Deutz-Aktien verkauft. Damit ist die Firma nicht mehr – wie sie selbst noch in dieser Woche behauptete – fünftgrößter Aktionär von Deutz, sondern nur noch der zehntgrößte.

Gegründet im Jahr 1864 ist Deutz einer der traditionsreichsten Industriekonzerne im Land. Hier entwickelte Nicolaus August Otto (1832 bis 1891) den Viertakter, hier holte sich Robert Bosch (1861 bis 1942) die Idee für seine Zündkerzen. Als Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) war der Konzern in den 1970er und 1980er Jahren ein Gigant. Den Aufsichtsrat kommandierte einst der kürzlich verstorbene Ex-Deutsche-Bank-Boss Hilmar Kopper.

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