China wird zum Leitmarkt für Elektromobilität Elektroauto-Boom in China läuft an deutschen Herstellern vorbei

BYD Qin: Dieser Plugin-Hybrid mit 70 Kilometern Elektro-Reichweite ist derzeit Chinas bestverkauftes Elektroauto

BYD Qin: Dieser Plugin-Hybrid mit 70 Kilometern Elektro-Reichweite ist derzeit Chinas bestverkauftes Elektroauto

Foto: REUTERS

Von wegen USA, Japan oder gar Europa: Nirgendwo werden derzeit mehr Elektroautos verkauft als in China. Seit Jahresanfang stieg der Absatz von E-Autos im Reich der Mitte um 135 Prozent auf rund 100.000 Stück, zeigt eine Studie des Autoexperten Stefan Bratzel vom Branchen-Institut CAM in Bergisch-Gladbach.

Damit werden in China in diesem Jahr mehr Elektroautos zugelassen als in den USA. China ist so zum Leitmarkt für Elektromobilität aufgestiegen, stellt Bratzel fest. Zwar ist auch in China die Elektroauto-Zahl gemessen am gesamten chinesischen Automarkt noch klein: In China werden in diesem Jahr 19 Millionen Fahrzeuge verkauft, die Stromer liegen damit wohl noch unter einem Prozent Marktanteil.

Doch zuletzt waren die Wachstumsraten bei den Elektroauto-Zulassungen beachtlich - auch, weil die chinesische Regierung den Verkauf der Autos gezielter als bislang ankurbelt. Dafür hatten sich Daimler und BMW eigentlich rechtzeitig in Stellung gebracht. Seit knapp einem Jahr verkaufen beide Hersteller in China Elektroautos, die sie gemeinsam mit chinesischen Herstellern entwickelt haben und in China fertigen lassen. Dumm nur, dass die Strategie bisher nicht zündet.

Daimler hat sich mit dem chinesischen Auto- und Batteriehersteller BYD zusammengetan und verkauft eine deutlich modifizierte elektrische B-Klasse unter der Marke Denza. BMW hat mit seinem Partner Brilliance die Elektroauto-Marke Zinoro aus der Taufe gehoben. Das bislang einzige Zinoro-Modell ist ein umgemodelter X1-Geländewagen mit chinesischer Batterietechnik an Bord, der allerdings zum Start nur verleast wurde.

BYD überholt Partner Daimler mit hauseigenen E-Modellen

So sieht Chinas Nummer zwei bei Elektroautos aus: BAICs E-Serie EVs kommen in diesem Jahr auf 28.365 Verkäufe

So sieht Chinas Nummer zwei bei Elektroautos aus: BAICs E-Serie EVs kommen in diesem Jahr auf 28.365 Verkäufe

Foto: BAIC

Mit den Jointventures erfüllen die deutschen Hersteller nicht nur eine ziemlich deutlich vorgetragene Bitte der chinesischen Regierung - sie können so auch die chinesischen Elektroauto-Förderungen voll nutzen. Denn in dem Land werden nur jene Elektroautos staatlich gefördert, die vor Ort entwickelt und gebaut werden. Durchgestartet sind die beiden deutschen Premiumhersteller aber damit bisher nicht, wie die Absatzstatistik des Elektroauto-Fachblogs EV Sales für China zeigt.

Chinas bestverkauftes Elektroauto in den ersten zehn Monaten dieses Jahres war der Plugin-Hybrid Qin von BYD, von dem bisher 28.365 Fahrzeuge verkauft wurden. Gut im Rennen sind in diesem Jahr auch die Elektrofahrzeuge der E-Serie von BAIC mit 12.688 Verkäufen, an dritter Stelle folgt das Modell Kandi Panda EV mit 11.536 Neuzulassungen.

Schräges Aussehen, hoher Absatz: Das chinesische Elektroauto-Modell Kandi Panda EV von Geely

Schräges Aussehen, hoher Absatz: Das chinesische Elektroauto-Modell Kandi Panda EV von Geely

Foto: Kandi

In den Top 10 der Elektroauto-Verkäufe finden sich ausschließlich rein chinesische Hersteller, Daimlers Denza schafft es nur auf Platz 14 - mit 1301 verkauften Stück in diesem Jahr. Die BMW-Marke Zinoro wird in dem Ranking gar nicht erwähnt.

Bitter für Daimler: Selbst Tesla verkaufte in diesem Jahr von seinem Model S über 3000 Stück - und das, obwohl die Elektro-Limousine in China von staatlicher Seite kaum gefördert wird und als Importfahrzeug ziemlich teuer ist: Ein Model S ist in China ab rund 120.000 Euro zu haben, in Deutschland kostet das Auto ab 85.000 Euro.

Dabei sieht Daimlers E-Mobil durchaus schick aus, schafft auf dem Prüfstand eine Reichweite von 300 Kilometer mit einer Batterieladung - und bietet auch noch einen großzügigen Kofferraum. Der einzige Haken: Mit einem Preis von rund 43.000 Euro vor Förderungen liegt der Denza preislich über vielen Konkurrenten. Einige chinesische Anbieter bieten ähnlich große Elektroautos mit jedoch kleinerer Batterie um die Hälfte an.

Deutschland fehlt es an Elektroauto-Masse

Auch weltweit sind die deutschen Autohersteller bei der Elektromobilität längst nicht so weit vorne, wie es die deutsche Bundesregierung wohl gerne hätte. Denn sie will Deutschland bis 2020 zur führenden Elektroauto-Nation machen. Laut der Studie von Bratzel ist Deutschland aber derzeit weder Leitmarkt noch Leitanbieter von Elektromobilität.

Bis September wurden laut Bratzel in Deutschland gerade mal 15.000 Elektrofahrzeuge abgesetzt, was trotz einer Steigerung von 63 Prozent nur einem Marktanteil von 0,63 Prozent entspricht. Weltweit wurden rund 335.000 Elektrofahrzeuge verkauft, der globale Marktanteil liege aber bei nur 0,65 Prozent.

Auch das meistverkaufte Elektroauto kommt nicht aus Deutschland. Dies sind laut Untersuchung der Nissan Leaf und das Tesla Model S. Der japanische Autobauer Nissan führt demnach auch die Liste der absatzstärksten Elektroauto-Hersteller an, gefolgt vom chinesischen Konzern BYD, dem US-Hersteller Tesla und dem japanischen Autobauer Mitsubishi. Erst dann folgen die deutschen Autohersteller Volkswagen und BMW .

Die drei drängendsten E-Auto-Probleme sind noch ungelöst

Um die Elektromobilität weltweit, vor allem aber in Deutschland voranzubringen, fordert Branchenexperte Bratzel eine "Neufokussierung der Innovationsaktivitäten". Gelöst werden müssten vor allem drei Probleme: Reichweite, Infrastruktur und Preis. Die Reichweiten von Elektroautos sind bisher noch zu niedrig, es fehlt an einer Lade-Infrastruktur und E-Autos sind deutlich teurer als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Deutschland drohe außerdem bei der wichtigen Zellfertigung für Elektroauto-Batterien zurückzufallen, schrieb Bratzel. Die größten Produzenten von Batteriezellen stammen inzwischen aus Fernost. Erst vor kurzem hatte der VW -Markenvorstand Herbert Diess eine "konzertierte Aktion" der deutschen Autoindustrie für die Batteriezellenfertigung gefordert. BMW und Daimler aber hatten sehr zurückhaltend auf den Vorstoß von Volkswagen reagiert.

Volkswagen hatte als Reaktion auf den Skandal um manipulierte Abgastests für Dieselfahrzeuge angekündigt, die Elektromobilität vorantreiben zu wollen.

<br>mit Material von dpa