Montag, 30. März 2020

Autoindustrie Deutschland braucht die Autobahn - ohne Tempolimit

Tempo 130
Soeren Stache/DPA
Tempo 130

Kein anderer Wirtschaftszweig ist für den deutschen Wohlstand so wichtig wie die Automobilindustrie. Weltweit fertigten die hiesigen Autohersteller 2019 rund 17 Millionen Fahrzeuge. Davon 5 Millionen Stück hierzulande. Die Industrie beschäftigt allein in Deutschland 830.000 Menschen. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 450 Milliarden Euro ist es mit Abstand die größte Branche in Deutschland. Selbst Immobilienverkäufe erlösten 2019 hierzulande nur 270 Milliarden Euro.

75 Prozent dieser 17 Millionen Fahrzeuge sind Premiummodelle. Sie stehen für 35 Prozent (40 Milliarden Euro) des globalen Gewinns aller Automobilhersteller (110 Mrd. Euro) oder für 85 Prozent des Profits mit Premiumfahrzeugen. So ist es auch ein Automobilhersteller, der über alle Branchen hinweg in den vergangenen 50 Jahren den größten Beitrag zum Wohlstand unseres Landes als Einzelunternehmen leistete: die Audi AG.

Audi stieg nach der Übernahme 1965 durch Volkswagen Börsen-Chart zeigen zur Technologie-Ikone auf, Audi demokratisierte Premium und machte es für viele Bevölkerungsschichten erschwinglich. Und Audi zwang Mercedes und BMW Börsen-Chart zeigen dazu, ihre Marken zu spreizen, auch kleinere Modelle anzubieten - und letztlich: stärker zu wachsen. Auch deshalb sind Facharbeiter in deutschen Autofabriken heute Spitzensteuerzahler und bilden das Fundament für den Wohlstand in Deutschland.

Christian Malorny
  • Copyright:
    Christian Malorny ist Weltautochef der Unternehmensberatung Kearney.

Die meisten ausländischen Automobilhersteller wurden ab den siebziger Jahren in Europa schleichend schwächer. Fast keine größere europäische Automarke außerhalb Deutschlands ist noch unabhängig, lediglich Renault und PSA Peugeot Citroen sind geblieben. Sie wurden übernommen, teils mehrfach wie Volvo, Jaguar, Mini oder Fiat. Oder sie verschwanden wie Saab ganz vom Markt.

Womit wir Geld verdienen

Die Welt weiß, dass die Deutschen "Premium" können, die Menschen bezahlen deshalb höhere Preise für unsere Autos. Das ist auch zwingend notwendig. Deutschland hat eine vergleichsweise hohe Kostenstruktur, die höchsten Strompreise weltweit, eine gute, aber teure soziale Absicherung, eine aufwendige Verwaltung und eine Rechtssicherheit, die noch immer vorbildlich ist. Produktivitätsweltmeister sind wir nicht - ganz im Gegenteil. Das alles können wir uns nur leisten, weil die Menschen überall in der Welt deutsche Premiumprodukte kaufen.

Aber genau das gefährden einige Politiker gerade, wenn sie sich mit einer Idee durchsetzen, die gefährlich viele Anhänger findet: sie wollen die Autobahn in ihrer heutigen Form abschaffen, sie durch zwingende Tempolimits grundlegend verändern. Eine aktuelle Studie von Kearney zeigt, was die Menschen weltweit mit Autos deutscher Herstellern assoziieren: Wegweisendes Design, hochwertige Optik und Haptik, beste Verarbeitungsqualität, begehrenswerte Marken, innovative Technik, höchste Sicherheitsstandards und vorbildlicher Klimaschutz. Und schließlich hohe Fahrdynamik.

Wir haben weltweit Menschen befragt, welche nationalen Identitätsbegriffe sie mit Autos deutscher Hersteller verbinden. Die höchste Korrelation zum Begriff "Auto aus Deutschland" haben "Kein Tempolimit" und "Autobahn". Der Tenor in den Interviews ist deutlich: "Ein Land, wo man so schnell fahren kann wie man möchte und das auch noch niedrige Unfallzahlen pro gefahrene Kilometer aufweist, muss die besten Autos bauen".

Den Zusammenhang zwischen "Kein Tempolimit", der Autobahn, Premiummodelle, Profitabilität und Wohlstand muss man Politkern, die überall eine Höchstgeschwindigkeit einführen wollen, wohl noch erklären. Premiumprodukte benötigen eine Premiumkultur, die durch tief im Unterbewusstsein der Menschen verankerte Kulturelemente geschaffen wurde. Ein Auto, das so entwickelt wird, dass es sicher mit Tempo 250 km/h gefahren werden kann und das dann mitunter auch so schnell gefahren wird, schafft Vertrauen. Das ist zentral für die Zukunft der deutschen Autoindustrie, auch in Zeiten von Elektromobilität und Digitalisierung.

In unserer Studie haben sich 65 Prozent der Käufer deutscher Autos als auch im Alltag als "digital führend" bezeichnet. Digitalität zählt trotzdem nicht zu den differenzierenden Elementen von Premiumautomobilen. Zeitgemäße digitale Lösungen im Fahrzeug sind für die Käufer selbstverständlich.

Und noch etwas scheint wichtig: Weil Premium so enorm wichtig für die nachhaltige Profitabilität von Autoherstellern ist, kamen vor allem amerikanische Autofirmen immer wieder nach Europa. Sie wollten sich Premium kaufen. Ford schuf 1998 mit Aston Martin, Jaguar und Volvo die Premier Automotive Group (PAG). GM übernahm 1931 die Marke Opel, die noch in den sechziger Jahren ihre Blütezeit erlebte. Am Ende scheiterten sie. Sie lernten, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen einem "Massen-" und einem "Premiumprodukt", zwischen der europäischen- und amerikanischen Autokultur. Eine Premiummarke lässt sich nicht einfach kaufen und kopieren.

Das deutsche Geschäftsmodell ist bedroht - wie lange zählt noch Premium?

Und jetzt, im Zeitalter der Digitalisierung und Dekarbonisierung? Da kündigt sich Tesla in Deutschland an. Ein weiteres amerikanisches Automobilunternehmen versucht es in Europa. Und Tesla übernimmt keine hiesige Marke. Tesla bringt das eigene Premiumverständnis in das Land, in dem mit Autos das meiste Geld verdient wird. Tesla-Chef Elon Musk will in Deutschland lernen, wie Premium im weltweiten Automobilmarkt funktioniert - und wie er mit seinen Autos auch Geld verdient. Nur über einen Premiumpreis kann Tesla nachhaltig in die Gewinnzone kommen. Teslas Technologie ist zukunftsweisend; aber sie ist noch teuer. Die Geschäftszahlen und unsere Analysen zeigen, dass der Premiumaufschlag bei Tesla noch zu gering ist. Teslas Design ist zu wenig differenzierend, die Oberflächen- und Verarbeitungsqualität kritisch, der Service unterdurchschnittlich. Musk kann einiges lernen, wenn er deutsche und europäische Topleute ins brandenburgische Grünheide holt.

Einfach wird es nicht für ihn. Eine Chance hat er dennoch, und darauf wetten die Investoren, die Tesla an der Börse auf immer neue Höchstkurse jagen. Das Auto könnte sich - auf der Digitalmesse CES in Las Vegas war es im Januar großes Thema - zu einer gesichtslosen, autonom fahrenden Plattform entwickeln, in der Marke, Design und Verarbeitungsqualität nicht mehr zählen, digitale Funktionalitäten aber alles sind. Willkommen in der neuen Plattformwelt! Tech- und Softwareunternehmen wie IBM und Amazon feiern diese Welt bereits in Hochglanzbroschüren zur Zukunft der Autoindustrie 2030. Mobilität würde zum reinen Werkzeug, ähnlich wie Laptop oder Tablet. Ein Modell wie das andere, nicht differenzierend, gesichtslos, preiswert.

In dieser Welt hätte Tesla eine Chance. Weil Tesla das digitale Fahrzeug beherrscht, etwa das Updaten der Software im Fahrzeug-Zentralrechner "over the air" und zum Teil auch die Anwendung von künstlicher Intelligenz. In der automobilen Plattformwelt würde fast alles, was Premiummodelle heute begehrenswert macht, abgeschaltet. Geld würde kaum noch verdient, Konsolidierung und immer höhere Stückzahlen trieben das Geschäft.

Können wir in Deutschland daran ein Interesse haben? Natürlich nicht! Wir würden unseren größten Wohlstandstreiber gefährden. Die Autobahn ohne Tempolimit garantiert nicht das Florieren der deutschen Autoindustrie. Sie trägt aber dazu bei. Und damit zum Wohlstand von uns allen. Und ihr Ende in der heutigen Form wäre fahrlässig.

Christian Malorny ist Weltautochef der Unternehmensberatung Kearney und schreibt als Gastkommentator für manager-magazin - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung