Donnerstag, 12. Dezember 2019

Kommentar Patriarch Piëch entmachtet sich selbst

Branchenlegende Piëch: Unwürdiger Abgang

Ferdinand Piëch hat sein Mandat als VW-Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Für dieses Ende einer beispiellosen Kariere in der Automobilindustrie ist vor allem ein Mann verantwortlich: Ferdinand Piëch selbst.

Der Aufsichtsratsboss hatte durchaus gute sachliche Gründe für seine Attacke auf VW-Chef Martin Winterkorn. Falsche Modellpolitik für den US-Markt, keine Kleinwagen-Strategie, Minimal-Rendite bei Volkswagen. Doch Piëch hatte sich diesmal keine Verbündeten gesucht, bevor er seinen Angriff startete.

Die Arbeitnehmer nicht, die ihn jahrzehntelang unterstützten, weil er nicht 30.000 Mitarbeiter entließ, als er an die Spitze des Volkswagen-Konzerns kam, sondern mit der Vier-Tage-Woche ihre Jobs rettete. Sie stehen hinter Winterkorn. In der eigenen Familie hatte Piëch ebenfalls niemanden auf seiner Seite. In dieser Situation hätte er auf Überzeugungsarbeit setzen müssen. Doch das ist seine Sache nicht.

Die fünf Kollegen im Präsidium des Aufsichtsrats, dem innersten Machtzirkel von VW, hatten ihm eine Brücke gebaut, als sie sich in einer Erklärung hinter Winterkorn stellten, Piëch aber versicherten, sie wollten weiter mit ihm an der Spitze des Kontrollgremiums arbeiten. Er hätte Ruhe geben müssen, ein paar Wochen, ein paar Monate vielleicht, in denen er den anderen Aufsichtsräten seine sachliche Kritik am Kurs des VW-Chefs hätte erklären können.

Doch ein Piëch gibt keine Ruhe, wenn er ein Ziel einmal im Visier hat. So wie er vor einem Jahr einmal sagte, "guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war". Damals hatte jemand aus dem Konzern die Nachricht verbreitet, Winterkorn werde Aufsichtsratschef Piëch in Kürze ablösen, weil dieser erkrankt sei.

Nun hat er sich gewissermaßen selbst guillotiniert. Schon wenige Tage nach dem Beschluss des Aufsichtsratspräsidiums, Winterkorn zu unterstützen, fragte er Porsche-Chef Matthias Müller, ob dieser bereit wäre, Winterkorn zu ersetzen. So kann vielleicht der Besitzer einer Mottoradwerkstatt mit seinen Angestellten umspringen, aber nicht der Vorsitzende des Aufsichtsrats eines Weltkonzerns mit rund 600.000 Beschäftigten. Damit hatte Piëch die rote Linie überschritten.

Die Aufsichtsräte des VW-Konzerns konnten keine Rücksicht mehr nehmen auf das Lebenswerk des Mannes, der zuerst Audi zu einem Konkurrenten für Mercedes-Benz und BMW aufgebaut, dann den Volkswagen-Konzern mit Bentley, Scania und MAN in eine neue Größenordnung geführt hatte und in der Branche auf einer Stufe mit Henry Ford, Eiji Toyoda und auch mit seinem eigenen Großvater Ferdinand Porsche gesehen wird.

Dieses Lebenswerk wird ihm bleiben. Doch an seinem Ende steht nun ein äußerst unwürdiger Abgang.

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