Elektrischer Isetta-Klon Der Microlino kämpft weiter mit Start-Schwierigkeiten

Nach jahrelangem Warten will Micro Mobility Systems sein E-Kleinstfahrzeug Microlino 2022 an den Start bringen. Beim virtuellen Launch-Event konnte der Isetta-Klon der Schweizer aber nicht alle Fragezeichen beseitigen.
Knutschkugel im Wartestand: Wim, Merlin, Janine und Oliver Ouboter (v.l.n.r.) glauben an den Microlino

Knutschkugel im Wartestand: Wim, Merlin, Janine und Oliver Ouboter (v.l.n.r.) glauben an den Microlino

Foto: PR

Der erste Auftritt saß: Mit einem Elektro-Kleinstfahrzeug schob sich die Micro Mobility Systems AG 2016 auf dem Genfer Automobilsalon ins Rampenlicht. Das Konzept des Schweizer Unternehmens stach bei der Messe heraus, damals noch vor allem ein Treffpunkt für Liebhaber von Benzin- und Diesel-PS. Ein 2,50 Meter kurzer, 1,50 Meter schmaler Elektrowinzling; das Design ähnlich dem des 50er-Jahre-Mobils BMW Isetta - das passte zu den lauter werdenden Rufen nach nachhaltigeren Autos. Schnell wuchs eine Fangemeinde heran, schon 2018 sollten die Micro-Mobile verkauft werden. Über 30.000 Kunden hätten vorbestellt, sagen die Schweizer.

Es folgten sechs Jahre Warten. Doch nun soll der Microlino tatsächlich auf die Straße kommen. Vor einigen Tagen verkündete das Unternehmen, dass die Produktion der ersten Serienmodelle laufe; und für Dienstagabend luden Merlin und Oliver Ouboter, die Söhne des Firmengründers Wim Ouboter, zum virtuellen Launch. Die beiden jungen Männer wollen das Unternehmen ihres Vaters, das seit dem Start 1999 vor allem mit Kick-Scootern groß geworden ist, zur führenden Adresse für sogenannte L7e-Fahrzeuge machen. Dank einer selbsttragenden Stahlkarosse, einer bis zu 14 Kilowattstunden starken Batterie, bis zu 230 Kilometer Reichweite und einer Höchstgeschwindigkeit von 90 Kilometer pro Stunde soll der gut 500 Kilogramm leichte Zweisitzer sicherer, sportlicher und gleichzeitig ausdauernder sein als die noch ein Stück kleineren L6e-Fahrzeuge wie der Citroën Ami oder der Opel Rocks-e.

Das wollen sich die Ouboters aber auch ordentlich bezahlen lassen: Der Microlino soll 12.500 Euro kosten. Die Konkurrenzmodelle sind deutlich günstiger. In Frankreich gibt es den Citroën Ami ab 6.990 Euro, der baugleiche Opel Rocks-e startet hierzulande ab 7.990 Euro. "Ami und Rocks-e sind bis zum Anschlag herunteroptimiert. Beim Microlino ist das nicht so", sagt Peter Fintl, Director Technology & Innovation bei Capgemini Engineering. Dort gibt es beispielsweise Extras wie veganes Leder. Die Preise setzen die Schweizer auch deswegen hoch an, um direkt die Tragfähigkeit ihres Geschäftsmodells nachweisen zu können. "Wir wollen bei keinem Modell draufzahlen", sagt Merlin Ouboter im Gespräch mit manager magazin.

Doch während Ami und Rocks-e längst verfügbar sind, ist der Microlino bisher nur ein Versprechen. Micro Mobility Systems hat von den Vorbestellern keine Reservierungsgebühr verlangt. Mit ihrer Ankündigung vom Dienstag, die auf 999 Einheiten limitierte "Pioneer"-Edition noch in diesem Jahr ausliefern zu können, sorgten die Ouboters nicht aller Orten für Beruhigung. Im Gegenteil.

Denn die Chance auf ein Modell der ersten Serie sollen sich die Kunden mit einer "Mitgliedschaft" erkaufen. Für einmalig 1.999 Euro gibt es einen der ersten Microlinos, Zugang zu exklusiven Firmenevents, einen kostenlosen E-Scooter und einige weitere Annehmlichkeiten. Sollten sich 999 Interessenten dafür finden, brächte das den Schweizern knapp zwei Millionen Euro.

1.500 Einheiten in diesem Jahr - vielleicht

Geld, dass die Ouboters gebrauchen können. In der Produktion hakt es. Noch fehlt beispielsweise eine Lackieranlage, auch Testmöglichkeiten sind nicht ausreichend vorhanden. Giuseppe Livani, der den Bau des Autos beim italienischen Auftragsfertiger Cecomp in Turin leitet, kündigte an, dass in diesem Jahr 1.500 Microlinos gebaut werden sollen. Die Einschränkung lieferte er gleich dazu: sofern sich die Liefersituation nicht weiter verschlechtert. Denn das ist momentan das wohl größte Problem der Schweizer. Viele Teile kommen verzögert und sind nur zu erhöhten Preisen zu haben. "Das ist eher unser Bottleneck als die Produktion an sich", sagt Merlin Ouboter. Integrierte Lackieranlage und Co. brauche man vor allem für die Zeit, wenn man größere Stückzahlen herstellen will. 10.000 bis 12.000 Einheiten im Jahr stellt sich der Co-Gründer perspektivisch vor.

Noch sind die Schweizer davon weit entfernt. Und die Kosten bei den ersten Serienmodellen hoch. "Die ersten 200 Modelle werden uns deutlich mehr kosten als die letzten 200 der Pioneer-Edition", sagt Ouboter. Einnahmen aus dem Mitgliedschafts-Modell würden da helfen, "das hat bei der Entscheidung dazu schon eine Rolle gespielt". Pläne, größere externe Investoren zu suchen oder an die Börse zu gehen, habe man diskutiert, bislang aber nicht weiter konkretisiert. Perspektivisch wollte Merlin Ouboter einen Börsengang aber nicht kategorisch ausschließen. "Im Moment hilft es uns, dass wir 100 Prozent der Anteile haben, wir können so schnell entscheiden und sind extrem flexibel. Bei einem Börsengang würde es für uns dann auch nicht wie bei anderen darum gehen, die Produktion aufzubauen, sondern rein um Wachstum."

Nun dreht sich aber alles erst einmal um den Start. Die ersten Pioneer-Modelle wollen die Schweizer in ihrer Heimat noch im Sommer ausliefern, Deutschland soll später im Jahr folgen. Für die Gründer ist der deutsche Mark wichtig, knapp die Hälfte der Reservierungen stammt von dort. Wie viel die ersten Microlinos genau kosten werden, ist noch unklar. In etwa zwei Wochen will das Unternehmen seinen Konfigurator online stellen. Dort wird es auch weitere Versionen des Microlino namens Urban, Dolce und Competizione und die jeweiligen Preise zu sehen geben. Die beiden letztgenannten Premium-Versionen werden allerdings nicht vor Ende 2022 oder Anfang 2023 marktreif sein, kündigten die Gründer an. Und das Einsteiger-Modell Urban gibt es voraussichtlich frühestens ab dem zweiten Quartal 2023.

Für die meisten Fans des elektrischen Zweisitzers wird das lange Warten andauern. Begonnen hatten die Probleme damit, dass sich die Ouboters im November 2018 mit ihrem Auftragsfertiger Artega überwarfen. Man stritt um die Rechte am Microlino, einigte sich schließlich Ende 2019 außergerichtlich. Micro brauchte einen neuen Auftragsfertiger und fand diesen in Cecomp. Die Italiener waren einst in den Bau legendärer Autos wie dem Lancia Delta Integrale oder dem VW Golf 1 involviert, der Microlino würde sich nur zu Gerne in diese Riege einreihen. Doch der Zeitdruck steigt für die Schweizer. Artega wurde vor wenigen Wochen von ElectricBrands geschluckt, Anfang 2023 will der neue Eigentümer seine Version eines elektrischen Isetta-Nachfolgers auf den Markt bringen.

Ob der Microlino und die Konkurrenzmodelle letztlich erfolgreich sein werden, bleibt eh offen. Capgemini-Berater Fintl sieht gute Chancen: "Wenn wir es mit der Dekarbonisierung ernst meinen, spielen Mikro- und Mini-Cars sicher eine Rolle", prognostiziert er. "Dann kann nicht jeder mit einem drei Tonnen schweren Elektro-SUV durch die Gegend fahren." Doch er warnt auch vor weiteren Herausforderungen. Gerade in Deutschland gibt es Hürden. Elektrische Leichtfahrzeuge der Klasse L7e profitieren nicht vom Umweltbonus. Vereinzelte Bundesländer fördern sie für Gewerbetreibende, in den großen politischen Subventionstopf haben es die Mini-Mobile aber bisher nicht geschafft. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (52, Grüne) hat immerhin angekündigt, die Richtlinien ab 2023 anpassen zu wollen.

"Das ist natürlich ein Problem. Mit 12.500 Euro Einstiegspreis ist der Microlino nicht günstig. Rechnet man den Faktor Umweltbonus mit ein, bekommen Kunden für das gleiche oder wenig mehr Geld ein 'echtes' Auto", gibt Fintl zu bedenken. Ouboter spricht darauf angesprochen von "Marktverzerrung". Man werde "weiter stark dafür lobbyieren", auch in den Genuss von Fördermitteln zu kommen.

Aber erst einmal müssen die Microlinos ja fertig werden. Im Frühjahr 2021 hatte Merlin Ouboter angekündigt, im folgenden Herbst solle es losgehen. "Die Neuentwicklung eines Fahrzeugs ist extrem schwierig und wir haben das auf die harte Tour gelernt", gelobte er damals Besserung. "Deshalb waren wir dieses Mal vorsichtig mit der Kommunikation eines Zeitplans." Offenbar nicht vorsichtig genug.

Jetzt soll es 2022 zumindest mit den ersten Einheiten klappen.

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Fintl sieht für Mini-Stromer aktuell ein "goldenes Zeitfenster". Die Akzeptanz für Elektromobilität ist zuletzt spürbar gestiegen. "Wäre der Microlino vor zwei Jahren gestartet, hätte er es wahrscheinlich noch schwerer gehabt. Von daher war es bislang vielleicht gar nicht so schlimm, dass sich der Launch mehrfach verzögert hat." Ewig bleibe das Fenster aber nicht geöffnet. Die Geduld ihrer Fans sollten die Schweizer besser nicht überstrapazieren.

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