Freitag, 21. Juni 2019

Systematik unternehmerischer Schludereien Der Fall Audi - Vier Gründe, warum Unternehmen tricksen und manipulieren

5. Teil: Sozialisation oder: Wir sind damit groß geworden

Häufig sind es nicht Führungskräfte und Mitarbeiter, die von anderen Unternehmen zum Konzern gekommen sind, sondern sehr loyale, langjährig zugehörige Insider, die zum Nutzen des Unternehmens hohe persönliche Risiken in Kauf nehmen. Sie realisieren damit in der Regel keine illegale persönliche Bereicherung jenseits der Anreizsysteme des Unternehmens, sondern ernten Anerkennung und verstärken ihre Zugehörigkeit zum "inner circle" des Konzerns.

Dabei haben sie die ungeschriebenen Regeln des Konzerns nicht nur gelernt, sondern über die Jahre verinnerlicht. Darunter eben gerade auch solche, die von Vorschriften oder gar Gesetzen abweichen. Wenn wir im Falle von Volkswagen und Audi die Konzernzugehörigkeiten der Chef-Ingenieure und Chefs der Motorenentwicklung ansehen, erkennen wir, dass diese langjährig dem Konzern verbunden waren: Neußer im VW-Konzern 29 Jahre, Hackenberg bei Audi 31 Jahre Konzernzugehörigkeit.

Der inzwischen nach Presseinformationen beurlaubte Nachfolger von Hackenberg bei Audi, Stefan Knirsch, hatte ebenfalls bereits als junger Ingenieur 1990 bei Audi angefangen und, abgesehen von einem kurzen Intermezzo, fast durchgängig bei Porsche Börsen-Chart zeigen und Audi gearbeitet. Auch die in der Anklageschrift benannten Top-Ingenieure weisen überwiegend lange Betriebs- und Konzernzugehörigkeiten auf. Wir wissen derzeit jedoch nicht, ob das in der Anklageschrift benannte Personal tatsächlich selbst beteiligt oder informiert war.

Belastbare Erkenntnisse aus den Ermittlungen und Verfahren liegen noch nicht vor. Das Muster dahinter wäre aber für den Fall, dass sich die bisherigen Verdachtsmomente bewahrheiten sollten, typisch für organisationale Devianz: Häufig gibt es einen "inner circle" von langjährig zugehörigen Insidern, die mit den ungeschriebenen Regeln des Konzerns groß geworden und für welche die Regelabweichungen selbstverständlich geworden sind.

Auch die deutsche Politik hat sicherlich das Ihre dazu getan und den Unternehmen oft "missverständliche" Signale gegeben. Aber die Signale aus den USA waren unmissverständlich. Audi und Volkswagen haben sich durch die Manipulationen selbst ausgebremst. Die Klageschrift weist darauf hin, dass VW und Audi auch dann weitergemacht haben, als die Prüfungen bereits begonnen hatten (Klageschrift Supreme Court of the State New York vom 19.7.2016: 8). Mitgefangen, mitgehangen. Es bleibt jetzt nur noch abzuwarten, welche Strafzahlungen auf Audi Börsen-Chart zeigen und Volkswagen Börsen-Chart zeigen noch zukommen. Manchmal muss auch bei großen Konzernen Compliance erst in mühsamen und teuren Verfahren gelernt werden.

Markus Pohlmann ist Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Analyse von Management und Arbeitsorganisation in Industrieunternehmen.

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