Freitag, 21. Juni 2019

Wieviel Libor-Skandal steckt im Diesel-Debakel?  Der Bankster-Moment der Auto-Manager

So weit muss es nicht kommen: Der damalige Vorstandschef von Lehman Brothers, Dick Fuld, Anfang Oktober 2008 bei einer Anhörung in Washington.

Die staubfreien Anzüge, blütenweißen Hemden mit den feinen Krawatten und Manschettenknöpfen. Die akuraten Frisuren, die kultivierte Sprache. Jahrzehntelang wussten sich die Banker als leibhaftige Seriösität zu inszenieren, die der Menschheit Globalisierung und damit allgemeinen Wohlstandszuwachs bescheren.

Dann kamen die Subprime-, Libor- und andere Skandale mitsamt den vor Narzissmus triefenden Mail- und Telefonprotokollen ans Tageslicht - und die Welt fühlte sich betrogen. Die Investmentbanker, die als die hochentwickelste Form der Banker galten, entlarvten sich als asoziale Selbstoptimierer, denen Gesetze egal sind. Banker, auch unbescholtene, wurden zu Bankstern.

In der Automobilwirtschaft sind die Besten unter den ganzen Guten die Ingenieure. Sie sorgen dafür, dass die Autos immer komfortabler werden, immer sicherer, immer umweltfreundlicher. Und dass die Jobs sicher sind.

Der König unter ihnen war Martin Winterkorn. Auch bei seiner Video-Botschaft am Dienstagnachmittag nahm er diese Rolle ein. Bis an den Rand der Verbortheit kümmert er sich persönlich um Spaltmaße, Fahrgeräusche, Knautschzonen, Verbrauchswerte. "Da scheppert nichts", raunzte er seine Untergebenen an, als er sich auf der IAA 2011 die Lenkradverstellung des koreanischen Konkurrenten Hyundai anschaute. Dutzende dieser Anekdoten vom Auto-Nerd in Nadelstreifen haben seine PR-Strategen auf Lager. Ein Leben für "Das Auto".

Dieser Anspruch, als Konzern für eines der populärsten Kulturgüter zu stehen, schien bei Volkswagen auch deswegen gut aufgehoben, weil Wolfsburg sich ganz gut machte als Hort von Industrieromantik: Die Sportwagenikonen-Familie Porsche als Großaktionär, die enge Kooperation mit den Arbeitnehmern sowie das Land Niedersachsen als weiteren Ankeraktionär mit Sonderrechten, der - tatkräftig unterstützt von Kanzlerin Merkel - diese geweihte Stätte der Automobilwirtschaft vor Angriffen etwa der Wettbewerb-Fetischisten aus Brüssel schützt.

Alles vielleicht ein wenig verschroben, aber immerhin authentisch. Und damit ungeheuer wertvoll.

Der Abgas-Skandal hat diese Inszenierung implodieren lassen. VW hat millionenfach betrogen. Und es waren nicht Controller oder irgendwelche Kaufleute, die in der Bilanz getrickst haben. Es waren Ingenieure, die vorsätzlich und hartnäckig "Das Auto" frisiert und damit die Luft verpestet haben.

Mit einer Borniertheit, die an Investmentbanker in Vor-Finanzkrisenzeiten erinnert, haben sie dabei Gesetze gebrochen. Das ist besonders perfide, weil es den Konzern in seiner aktuellen Form nur wegen der Politik überhaupt noch gibt: Die niedersächsische und Bundesregierung setzen sich bei Aktionärs-Sonderrechten und EU-Abgas-Normen seit Jahrzehnten für die Volkswagen AG ein. Und da macht es, wie man an der Empörung von Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies leicht merken kann, keinen Unterschied, dass VW US-Gesetze gebrochen hat. Vorsatz und Planmäßigkeit der Aktion sind asozial.

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