Wieviel Libor-Skandal steckt im Diesel-Debakel?  Der Bankster-Moment der Auto-Manager

So weit muss es nicht kommen: Der damalige Vorstandschef von Lehman Brothers, Dick Fuld, Anfang Oktober 2008 bei einer Anhörung in Washington.

So weit muss es nicht kommen: Der damalige Vorstandschef von Lehman Brothers, Dick Fuld, Anfang Oktober 2008 bei einer Anhörung in Washington.

Foto: JONATHAN ERNST/ Reuters

Die staubfreien Anzüge, blütenweißen Hemden mit den feinen Krawatten und Manschettenknöpfen. Die akuraten Frisuren, die kultivierte Sprache. Jahrzehntelang wussten sich die Banker als leibhaftige Seriösität zu inszenieren, die der Menschheit Globalisierung und damit allgemeinen Wohlstandszuwachs bescheren.

Dann kamen die Subprime-, Libor- und andere Skandale mitsamt den vor Narzissmus triefenden Mail- und Telefonprotokollen ans Tageslicht - und die Welt fühlte sich betrogen. Die Investmentbanker, die als die hochentwickelste Form der Banker galten, entlarvten sich als asoziale Selbstoptimierer, denen Gesetze egal sind. Banker, auch unbescholtene, wurden zu Bankstern.

In der Automobilwirtschaft sind die Besten unter den ganzen Guten die Ingenieure. Sie sorgen dafür, dass die Autos immer komfortabler werden, immer sicherer, immer umweltfreundlicher. Und dass die Jobs sicher sind.

Der König unter ihnen war Martin Winterkorn. Auch bei seiner Video-Botschaft am Dienstagnachmittag nahm er diese Rolle ein. Bis an den Rand der Verbortheit kümmert er sich persönlich um Spaltmaße, Fahrgeräusche, Knautschzonen, Verbrauchswerte. "Da scheppert nichts",  raunzte er seine Untergebenen an, als er sich auf der IAA 2011 die Lenkradverstellung des koreanischen Konkurrenten Hyundai anschaute. Dutzende dieser Anekdoten vom Auto-Nerd in Nadelstreifen haben seine PR-Strategen auf Lager. Ein Leben für "Das Auto".

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Martin Winterkorn: "Qualität ist bei Volkswagen Chefsache"

Foto: Jochen Lübke/ dpa

Dieser Anspruch, als Konzern für eines der populärsten Kulturgüter zu stehen, schien bei Volkswagen auch deswegen gut aufgehoben, weil Wolfsburg sich ganz gut machte als Hort von Industrieromantik: Die Sportwagenikonen-Familie Porsche als Großaktionär, die enge Kooperation mit den Arbeitnehmern sowie das Land Niedersachsen als weiteren Ankeraktionär mit Sonderrechten, der - tatkräftig unterstützt von Kanzlerin Merkel - diese geweihte Stätte der Automobilwirtschaft vor Angriffen etwa der Wettbewerb-Fetischisten aus Brüssel schützt.

Alles vielleicht ein wenig verschroben, aber immerhin authentisch. Und damit ungeheuer wertvoll.

Der Abgas-Skandal hat diese Inszenierung implodieren lassen. VW hat millionenfach betrogen. Und es waren nicht Controller oder irgendwelche Kaufleute, die in der Bilanz getrickst haben. Es waren Ingenieure, die vorsätzlich und hartnäckig "Das Auto" frisiert und damit die Luft verpestet haben.

Mit einer Borniertheit, die an Investmentbanker in Vor-Finanzkrisenzeiten erinnert, haben sie dabei Gesetze gebrochen. Das ist besonders perfide, weil es den Konzern in seiner aktuellen Form nur wegen der Politik überhaupt noch gibt: Die niedersächsische und Bundesregierung setzen sich bei Aktionärs-Sonderrechten und EU-Abgas-Normen seit Jahrzehnten für die Volkswagen AG ein. Und da macht es, wie man an der Empörung von Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies leicht merken kann , keinen Unterschied, dass VW US-Gesetze gebrochen hat. Vorsatz und Planmäßigkeit der Aktion sind asozial.

Eine Attitüde wie einst Goldman Sachs

Bei den Bankern ist die Reaktion der Öffentlichkeit bis heute brutal: Scharfe Regulierung und Verbot ganzer Geschäftsaktivitäten. Zu viele Menschen hat die rücksichtslose und zum Teil illegale Selbst-Optimierung vieler Banker in großes persönliches Leid gestürzt.

Ob ein solch harter regulatorischer Gegenschlag auch der Automobilwirtschaft blüht, hängt davon ab, wie weit die Kreise sind, die der Skandal zieht. Der echte wirtschaftliche Schaden bei den Kunden ist überschaubar, der gesundheitliche Schaden emotional natürlich einerseits extrem bedrohlich, dafür aber andererseits de facto nicht messbar.

Das Gefährlichste ist die Attitüde. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein sprach einst von "Gottes Werk", das er als Investmentbanker verrichte. Auch die teilstaatliche Volkswagen, welch irrsinnige Pointe, meinte, sich über das Gesetz stellen zu müssen, indem es für sich selbst festlegte, welche Schadstoff-Oberwerte erlaubt sind.

Die Banker haben lange Zeit nicht wirklich eingesehen, wie borniert sie waren und dass sie umsteuern müssen. VW-Chef Martin Winterkorn verfolgt gerade die Taktik, dass für den Abgas-Skandal, also den Einbau von elf Millionen betrügerischer Motoren, "schlimme Fehler einiger weniger" verantwortlich gewesen seien, Winterkorn selbst dagegen auf jeden Fall nicht.

Eine überschaubare Ansammlung bedauerlicher Einzelfälle? Ist das glaubwürdig? Wenn die VW-Führung ihre Selbstüberschätzung nicht schleunigst ablegt, werden wohl leider wieder andere den Konzern disziplinieren müssen. Das Instrumentarium der Politik jedenfalls liegt bereit: als Aktionär, als Regulierer, als Gesetzgeber.

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