Daimler-Tochter Moovel "Wir wollen das Amazon der Mobilität werden"

Der Streit um Uber vermittelt den Eindruck, neue Mobilitätskonzepte seien eine Sache aggressiver kalifornischer Startups. Weit gefehlt: Mit der Daimler-Tochter Moovel hat sich längst ein deutsches Schwergewicht in Position gebracht - mit ehrgeizigen Zielen.
Clever von A nach B: Daimler-Tochter Moovel will die Verkehrsmittel bündeln

Clever von A nach B: Daimler-Tochter Moovel will die Verkehrsmittel bündeln

Foto: Daimler

Hamburg - Der Name Moovel ist in Deutschland bislang nur wenigen ein Begriff. Als Marke bekannter ist der über Moovel buchbare Mietwagenbetreiber Car2go, mit dessen Smarts mittlerweile hunderttausende Kunden weltweit unterwegs sind. Oder die vor kurzem von Moovel komplett übernommende App Mytaxi.

Die Daimler  -Tochter hat es mit Hilfe von hohen Investitionen zu einem der führenden Spieler auf dem boomenden Mobilitätsmarkt gebracht. manager magazin sprach mit Moovel-Chef Robert Henrich über die Zukunftsfähigkeit des Uber-Geschäftsmodells, den Milliardenmarkt Mobilität und der Rolle der traditionellen Autoindustrie.

mm: Herr Henrich, in Deutschland tobt eine Auseinandersetzung zwischen dem Taxigewerbe auf der einen und dem US-Fahrdienst Uber auf der anderen Seite. Als möglichen Konkurrenten für die von Ihnen vermittelten Dienste beobachten sie das US-Start-up und seine Geschäftspraktiken doch sicher intensiv. Ist Uber das schwarze Schaf der Branche?

Henrich: Ich bin kein Jurist. Über die Zulässigkeit von Fahrdiensten zu entscheiden, ist Sache der Gerichte. Aber die juristischen Meinungen, die ich gelesen habe, sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass das Geschäftsmodell so wie es heute ist, fortgesetzt werden kann. Aber ich würde das nicht so schwarz-weiß sehen.

mm: Die Taxifahrer sehen es aber so.

Henrich: Mobilität ist ein boomender Markt. Viele neue Unternehmen treten auf den Plan, viele Start-ups gründen sich - teils mit brillanten Ideen, wie Mobilität intelligenter und flexibler organisiert werden kann. Wir sehen riesige Wachstumsraten beispielsweise im Carsharing. Und Uber ist einer von diesen Playern. Ich sehe da auch viel Positives. Denn die Urbanisierung wird sich als Trend fortsetzen. Und die Herausforderungen für die städtischen Verkehrssysteme sind gewaltig. Jeder, der einen Beitrag leisten kann, diese Herausforderungen zu lösen, ist uns willkommen.

mm: Welche Rolle haben Sie hier für sich ausgemacht? Zum einen haben Sie mit Mytaxi kürzlich einen der Mobilitätsanbieter auf Ihrer Plattform komplett übernommen. Mit Europcar betreiben Sie das Joint Venture Car2Go. Sie sind bei Blacklane, Flixbus, carpooling.com und den Lieferdienstleister Tiramizoo investiert - und betreiben außerdem die Mobilitätsplattform Moovel, auf die neben den eigenen Unternehmen auch von ihnen unabhängige Anbieter vertreten sind. Wollen Sie so eine Art Amazon  der Mobilität werden?

Henrich: Absolut. Wir bauen mit Moovel eine offene Mobilitätsplattform, die es sich zur Aufgabe macht, insbesondere für Stadtbewohner jede Mobilitätsoption so bereit zu stellen, dass man, wenn man von A nach B möchte, in jeder einzelnen Situation die beste Wegekette für sich findet. Vom ÖPNV über Taxi, Limo, Mietwagen, Leihfahrrad, Carsharing, Fernbahn, Fernbus bis hin zum Flugzeug. Und wir wollen jeden einladen, dabei mitzumachen, der etwas dazu beitragen kann. Wir sind völlig neutral den Anbietern gegenüber.

"Ein funktionierender Marktplatz für Mobilität"

mm: Sie sagen, sie seien international einer der größten Plattformen für Mobilität. Wieviel Nutzer hat Moovel aktuell?

Henrich: Wir kommunizieren aktuell noch keine Zahlen über Moovel. Als erstes haben wir unser Car2go-Geschäftsmodell zu skalieren begonnen. Da sind wir aktuell bei 850.000 Kunden und wollen bis zum Jahresende die Millionengrenze überschreiten. Bei Moovel gehen wir davon aus, dass die Nutzerzahl noch sehr viel schneller wachsen wird, weil die Nutzer hier, wenn sie nicht selbst fahren, anders als bei Car2Go keinen Führerschein vorlegen müssen.

mm: Und die Car2Go-Nutzer wollen sie nun nutzen, um Moovel voranzubringen?

Henrich: Man kann Car2Go auch außerhalb von Moovel buchen. Aber wir glauben, dass das immer weniger passieren wird. Dafür muss das Nutzungserlebnis einfach und durchgängig sein. So dass Sie nicht mehr separat in verschiedene Apps reingehen müssen, um tatsächlich die Buchungen durchzuführen. Auch das ist, wenn sie so wollen, das Amazon Modell. Sie registrieren sich einmalig und haben Zugriff auf die volle Bandbreite von Dienstleistungen. Und bekommen eine zentrale Abrechnung über uns.

mm: Im Handel ist Amazon allerdings nicht überall beliebt. Auch bei Ihnen geben die Unternehmen damit ja den Erstkontakt mit dem Kunden ab. Und zahlen müssen sie dafür auch noch. Wieviel Provision nehmen Sie denn?

Henrich: Die Höhe kann ich nicht kommentieren. Es wird pro erfolgreicher Vermittlung ein Teil des Umsatzes fällig. Der richtet sich nach den Marktüblichkeiten.

mm: Aha. Bei Uber sind die ja nicht ganz unerheblich.

Henrich: Die Prozentsätze sind von Segment zu Segment teils sehr unterschiedlich. Aber ich bin davon überzeugt, dass Marktplätze sehr viel Wert für den Kunden schaffen. Ich glaube, es gibt ein riesengroßes Interesse an einem funktionierenden Marktplatz für Mobilität.

The Winner takes it all

mm: Sie sprechen von EINEM Marktplatz - wie viele davon werden Ihrer Ansicht nach überleben?

Henrich: Der Markt ist ganz am Anfang. Im Moment kann man nicht absehen, was in den nächsten Jahren passieren wird. Aber natürlich gibt es am Ende immer nur wenige Marktplätze. Ein Marktplatz ist dann attraktiv, wenn er viele Angebote aggregiert. Und es ist kein Zufall, dass es EIN Google, EIN Ebay und EIN Amazon gibt. Vielleicht gibt es am Ende noch einen zweiten und dritten. Aber es ist ein globaler Markt und am Ende gibt es eine begrenzte Anzahl von möglichen Gewinnern.

mm: Aktuell tobt in Deutschland ein regelrechter Krieg zwischen der Taxibranche und dem US-Fahrdienst Uber. Uber setzt gezielt darauf, dass Deutschland der Rechtsrahmen anpasst, beziehungsweise die Regeln für die Personenbeförderung lockert. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine ganze Reihe innovativer Anbieter, die innerhalb der legalen Möglichkeiten agieren. Wie sehen Sie das: Müssen Regeln beispielsweise bei der Personenbeförderung angepasst werden?

Henrich: Die Regulierung, die wir im deutschen Rechtsraum haben für den Taxi- und Mietwagenmarkt haben, ist für einen Zweck geschaffen worden, der nach meiner Wahrnehmung bis heute gesellschaftlicher Grundkonsens ist: Wir möchten, dass wir eine verlässliche Versorgung haben zu einem berechenbaren Preis. Und das funktioniert im internationalen Vergleich ganz gut.

Man kann diese Regulierung natürlich ändern, wenn man in Zukunft einen anderen Zweck verfolgen möchte, beispielsweise den Markt differenzieren möchte in Richtung Luxus-Taxi versus besonders kosteneffektive Taxis. Aber man wird den Markt kaum verändern können, ohne dass man den heute bestehende Grundkonsens aufkündigt. Das ist ein grundlegende gesellschaftliche Frage, wie man mit Mobilität umgehen will.

mm: Ein Nebeneinander gibt es Ihrer Ansicht nach nicht?

Henrich: Ich muss zugeben, dass ich mir das heute schwer vorstellen kann, dass man alle Vorteile der heute bestehenden Regulierung erhält und gleichzeitig neue Marktsegmente etablieren kann. Wenn Sie sich Mobilität anschauen, egal in welchem Segment - ÖPNV, Taxi oder Privatfahrzeuge - dann haben sie extreme Auslastungsschwankungen im Tagesverlauf. Und wenn sie Mobilität rein marktwirtschaftlich organisieren, wäre die logische Konsequenz, dass auch die Preise extrem schwanken müssten.

Und genau das ist über Regulierung geglättet. Sie bezahlen nicht in Stoßzeiten weniger für die S-Bahn und dann Sonntagnachmittag, wenn die S-Bahn leer ist, plötzlich 20 statt 3 Euro. Wenn sie mehr Marktwirtschaft reinbringen wollen, steigern sie die Effizienz des Gesamtsystems. Aber das hat logischerweise zur Folge, dass es dabei nicht nur Gewinner gibt, sondern auch Verlierer.

"Wir wollen keine Rundungsdifferenz bei Daimler sein"

mm: Moovel ist eine 100-prozentige Daimler Tochter - bislang aber nur ein kleiner Teil des Konzerns. Welche Bedeutung wird Ihrer Ansicht nach das Geschäft mit Mobilitätsdienstleitungen gegenüber dem Autoproduktionsanteil bekommen?

Henrich: Ich denke, dass Mobilitätsdienstleistungen sehr starke Wachstumsraten sehen werden in den nächsten Jahren. Aber ich denke auch, dass die Automobilindustrie weiter florieren wird, wie sie das in den letzten Jahren getan hat. Die Zahl der Fahrzeuge auf dem Erdball wird weiter dramatisch zunehmen.

mm: Sie haben vor kurzem den App-betreiber Mytaxi vollständig übernommen, in den USA die Mobilitätsplattform Ridescout. Stehen weitere Zukäufe an oder steht jetzt erste einmal im Fokus, neue Anbieter für die Plattform anzuwerben.

Henrich: Interne Strategien zur Geschäftsentwicklung kann ich hier nicht kommentieren. Aber wir haben uns vorgenommen, mit Car2go in diesem Jahr erstmals hundert Millionen Euro Umsatz zu überscheiten. Wir wollen für Daimler ein signifikantes profitables Geschäftsfeld zu werden. Und um keine Rundungsdifferenz zu sein in einem Unternehmen, das Umsätze im dreistelligen Milliardenbereich macht, können sie davon ausgehen, dass wir sehr starke Steigerungen erzielen wollen in den nächsten Jahren

mm: Haben sie das etwas konkreter? Und wie sieht es bislang mit der Profitabilität aus? Sie kommunizieren ja - in echter Amazon-Manier - bislang nur auf Umsatz- und nicht auf Gewinnebene.

Henrich: Nein, wir kommunizieren dazu bislang noch nichts . Auch wenn wir bei Car2go der Startup-Phase mittlerweile entwachsen sind und bereits dabei sind zu skalieren. Dort haben wir in diversen Städten die Profitabilität bereits erreicht.

mm: Uber drängt - wie andere "Sharing"-Plattformen - immer mehr auch ins Geschäftskundensegment und bietet in den USA bereits besondere Abrechnungsmodalitäten und Services für Geschäftskunden an. Ist so etwas auch bei Ihnen geplant?

Henrich: Ja. Das Corporate Mobility Segment ist für uns sehr entscheidend. Wir sind in sehr engen Diskussionen mit großen Kunden. Und wir werden die Nutzung unserer Mobilitätsplattform sehr kurzfristig auch für Unternehmen ermöglichen.

Moovel: Car2go expandiert nach New York City