Freitag, 6. Dezember 2019

Massiver Stellenabbau Erst Audi, jetzt Daimler - Autobauer streichen Tausende Jobs

Mercedes-Produktion in Sindelfingen: Mindestens 10.000 Jobs weg bis Ende 2022

Der Umbruch in der erfolgsverwöhnten deutschen Autoindustrie kostet zehntausende Arbeitsplätze: Nach Audi kündigte am Freitag auch Daimler einen massiven Stellenabbau an. Um die Personalkosten binnen drei Jahren um 1,4 Milliarden Euro zu senken, sollen weltweit mindestens 10.000 Mitarbeiter aus der Verwaltung und produktionsnahen Bereichen das Unternehmen freiwillig verlassen.

Der neue Konzernchef Ola Källenius will auf diese Weise mehr Geld freischaufeln für die enormen Investitionen in saubere Antriebe und die Elektromobilität. Allein bei Audi Börsen-Chart zeigen und Daimler Börsen-Chart zeigen fallen damit zusammen rund 20.000 Arbeitsplätze weg. Aber auch BMW setzt den Rotstift an.

"Die Automobilindustrie steckt in der größten Transformation ihrer Geschichte", erklärte Daimler. Die Entwicklung hin zu einer CO2-neutralen Mobilität verschlingt Milliarden. Die deutschen Autobauer stehen dabei besonders unter Druck, weil sie jahrelang fast ausschließlich auf den Verbrenner gesetzt haben, obwohl längst absehbar war, dass in Europa die CO2-Vorgaben für die Fahrzeugflotten verschärft werden. Zugleich greifen neue Anbieter wie der US-Elektroauto-Pionier Tesla an.

Auch Audi spart knapp 10.000 Stellen in Deutschland

Erst vor wenigen Tagen hatte die vom Dieselskandal erschütterte Volkswagen-Tochter Audi den Abbau von 9500 Stellen in Deutschland angekündigt - jeden sechsten Arbeitsplatz. Wie die Ingolstädter will auch Daimler das Personal vor allem durch Angebote zum Vorruhestand und die Nichtbesetzung frei werdender Stellen verringern. In Deutschland legen die Schwaben zudem ein Abfindungsprogramm auf. Die Eckpunkte, auf die sich das Management mit dem Betriebsrat geeinigt hat, sollen in den nächsten Wochen detaillierter ausgearbeitet werden.

Der Erfolg des Sparplans hängt davon ab, dass möglichst viele Mitarbeiter Angebote annehmen und freiwillig ausscheiden. Denn betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2029 ausgeschlossen. Deswegen steht auch noch nicht fest, wieviele Arbeitsplätze genau wegfallen werden. "Die Zahl wird weltweit fünfstellig", sagte Personalvorstand Wilfried Porth in einer kurzfristig angesetzten Telefonkonferenz. Später fügte er hinzu, es handele sich um eine Zahl im niedrigen fünfstelligen Bereich. Daimler beschäftigt weltweit rund 300.000 Mitarbeiter.

"Brauchen klare Vorwärtsstrategie"

Der Stuttgarter Autokonzern galt lange als Inbegriff von Stabilität. Der Betriebsrat mahnte, Daimler dürfe die Zukunft nicht aus den Augen verlieren. "Die Transformation zieht neue und zusätzliche Aufgaben für die Beschäftigten nach sich", sagte Betriebsratschef Michael Brecht. Gleichzeitig verlange die Unternehmensleitung, dass dies mit weniger Personal gemeistert werde. "Die Belegschaft braucht eine klare und nachvollziehbare Vorwärtsstrategie."

Der Abbau von Kapazitäten dürfe nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. "Wir wollen keine reine Debatte über Köpfe führen - der Fokus der Personalkostenreduzierung muss auf der Verbesserung von Prozessen und Abläufen liegen", fügte Betriebsratsvize Erun Lümali hinzu.

Källenius gibt den Sanierer

Der Vorstand sprach von einer nötigen Verschlankung, um die Effizienz und Flexibilität zu steigern. Källenius hatte schon Mitte November ein Programm angekündigt, um die Wettbewerbsfähigkeit von Daimler zu stärken. Die Produktion müsse billiger werden, forderte er vor Investoren in London. Das Unternehmen müsse unter dem Kostendruck des Klimaschutzes gesund geschrumpft werden, um seine Finanzkraft zu bewahren.

Zugleich stellte der Schwede im Kerngeschäft mit Pkw und Vans für 2020 eine Rendite von nur drei Prozent und ab 2022 von fünf Prozent in Aussicht. Damit würde der Hersteller der S-Klasse und anderer Luxuswagen weniger als einige Massenhersteller mit Kompaktwagen verdienen. "Wir sind nicht zufrieden damit, aber wir haben jetzt fair und offen erklärt, was wir in den nächsten drei Jahren machen können", sagte Källenius damals. Die bisherige mittelfristige Zielrendite von acht bis zehn Prozent tauchte gar nicht mehr auf.

Auch BMW spart beim Personal

Auch BMW spart beim Personal, kommt allerdings ohne tiefe Einschnitte aus. Jedenfalls sprechen die Bayern nicht öffentlich darüber. Der Autobauer einigte sich mit dem Betriebsrat diese Woche unter anderem auf eine niedrigere Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter soll unter dem Strich stabil bleiben. Allerdings werden auch bei BMW viele Leiharbeiter gehen müssen. Das ist meist ein Weg, mit dem Autobauer beim Personal "atmen". Daimler erklärte dazu, man werde auslaufende Arbeitsverträge von Zeitarbeitskräften nur noch "sehr restriktiv verlängern" - sprich, viele Verträge werden auslaufen.

von Jan Schwartz, Reuters

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