Drohender Rückruf von 600.000 Daimler-Dieseln Wie sich Daimler gegen Trickserei-Vorwürfe wehrt

Mercedes-Stern auf einer Kühlerhaube

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Zuerst ging es nur um eine kleine vierstellige Zahl an Rückrufen, jetzt geht es möglicherweise in den sechsstelligen Bereich: Im Diesel-Skandal steht nach dem VW-Konzern jetzt auch Daimler am Pranger. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) könnte nach einem Bericht des "Spiegel" den Stuttgarter Autobauer zum Rückruf von mehr als 600.000 Dieselfahrzeugen verdonnern.

Das KBA gehe dem Verdacht nach, dass bei diesen Modellen unzulässige Abschalteinrichtungen die Wirkung der Abgasreinigung manipulierten, berichtete "Spiegel Online" am Freitag ohne Angabe von Quellen. Prüfungen an den betreffenden Autos, unter anderem von Modellen der C-Klasse und SUVs der G-Baureihe, fänden bereits statt. Sie hätten einen vergleichbaren Motor wie der gerade zurückgerufene Transporter Mercedes Vito.

Schon beim Vito-Rückruf zeigte sich der Stuttgarter Konzern - wie schon bei früheren Vorwürfen zu Manipulationen bei der Abgasreinigung - kampfbereit. Daimler erklärt zwar , "vollumfänglich" mit dem KBA zusammenzuarbeiten und in einem "kontinuierlichen Austausch" zu stehen. Doch gegen den Vito-Rückruf des KBA will Daimler Widerspruch einlegen - und falls notwendig die strittige Rechtsauslegung auch vor Gericht klären lassen.

Die "Spiegel"-Meldung über mögliche Rückrufe , die in die Hunderttausenden gehen könnten, parierte der Konzern so: Daimler liege keine amtliche Anhörung des KBA zu den genannten Fahrzeugen vor. Diese wäre aber die Vorstufe zu einem Rückrufbescheid. Im übrigen äußere man sich zu Spekulationen des Spiegel nicht, heißt es in einem Statement, das manager-magazin.de vorliegt.

Die Spuren führen nach Frankreich

Eines erstaunt aber bei den Vito-Rückrufen: Ihre vergleichsweise geringe Zahl. Deutschlandweit ruft das KBA 1372 Vitos mit 1.6 Liter Euro-6-Dieselmotoren zurück, weltweit sind es 4930 - also insgesamt 6300. Jährlich baut Mercedes-Benz rund 110.000 seiner Vito-Transporter mit unterschiedlichen Motorisierungen - es ist also nur ein verschwindend kleiner Teil von den Rückrufen betroffen.

Die Erklärung dafür führt nach Frankreich: Denn für die betroffenen Vitos hat Daimler-Kooperationspartner Renault die Motoren geliefert - wie Konzernkreise in Deutschland und Frankreich bestätigen. In den Renault-Motoren hat das KBA unzulässige Abschalteinrichtungen festgestellt - und zwar beim Einsatz des Abgasreinigungssystems. Dadurch kann es zu erhöhten Stickoxid-Emissionen kommen, warnt die Behörde.

Daimler sieht das etwas anders: Nach Rechtsauslegung des KBA entspreche die Programmierung von zwei Motorsteuerungs-Funktionen nicht den geltenden Vorschriften, heißt es in einer Erklärung. Diese Funktionen seien Teil eines "komplexen Abgasreinigungssystems" und für das Bestehen von Emissionstests auf Prüfständen gar nicht erforderlich. Deshalb will Daimler gegen den KBA-Bescheid Widerspruch einlegen.

Und zumindest für den Transporter dürfte Renault nicht allzu viele Motoren geliefert haben: Die vom KBA nun beanstandete Vito-Variante mit 1.6-Liter-Dieselmotor und Frontantrieb sei die einzige, für die sich Daimler Aggregate aus Frankreich liefern lässt, heißt es im Konzern. In allen anderen Vito-Dieselvarianten stecken demnach von Mercedes entwickelte und gebaute Motoren.

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In Summe, so heißt es unter der Hand im Konzern, liefere Renault keine großen Motoren-Stückzahlen an Daimler. Dass Daimler hunderttausende Motoren von den Franzosen beziehe, sei schlicht nicht der Fall.

Allerdings erklärte Daimler bereits im Jahr 2010 anlässlich der Kooperationsvereinbarung mit Renault , Dieselmotoren aus der Renault-Nissan-Allianz in künftigen Generation der Premium-Kompaktwagen einzusetzen. Einige Varianten der aktuellen A- und B-Klasse fahren heute mit französischen Selbstzündern unter der Haube. Seit September 2014 liefert Renault auch 1,6-Liter-Dieselmotoren für die C-Klasse. So steht es zumindest in einer Ankündigung über die Fortschritte der Kooperation der beiden Autohersteller aus diesem Jahr . Zur Anzahl der bislang von Renault bezogenen Motoren wollen die Stuttgarter auf Nachfrage von manager-magazin.de keine genauen Angaben machen.

In welchen Situationen die Abgasreinigung bei den paar Tausend Vito-Transportern mit Renault-Motoren abgeschaltet wird, will Daimler auf Nachfrage ebenso wenig erläutern. Und Renault weist Verdächtigungen, der Konzern könnte verbotene Abschalteinrichtungen einsetzen, ebenfalls weit von sich. "Bei Renault gibt es keine Trickserei. Punkt", erklärte Renault-Vizechef Thierry Bolloré im Frühjahr gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Damals war bekannt geworden, dass das KBA den Vito genauer unter die Lupe nehme.

Und noch etwas sagte Bolloré damals deutlich: "Für die Motorensteuerung ist immer der Autohersteller verantwortlich, in dessen Fahrzeug der Motor eingebaut ist." Das gelte nach wie vor, bekräftigt ein Renault-Pressesprecher auf Nachfrage. Daimler und Renault üben sich also in einem Schwarze-Peter-Spiel auf höherem Niveau.

Scheuer beordert Zetsche zum Rapport

Vielleicht schafft ja ein Treffen zwischen Verkehrsminister Scheuer und Daimler-Chef Dieter Zetsche da etwas mehr Klarheit. Scheuer hat Zetsche für kommenden Montag nach Berlin zum Rapport beordert, Zesche hat sein Kommen zugesagt. Die beiden dürften wohl länger darüber diskutieren, ob die vom KBA beanstandete Software nun eine illegale Abschalteinrichtung darstellt - oder etwa nur dem Schutz von Bauteilen dient und damit völlig legal ist.

Denn genau an diesem Punkt war die Grauzone in den vergangenen Jahren ziemlich groß. So haben mehrere Hersteller vor knapp einem Jahr angekündigt, ihre Dieselmotoren durch ein freiwilliges Software-Update sauberer zu machen - das unter anderem eine effektive Abgasreinigung auch bei etwas tieferen Temperaturen ermöglichen soll.

Bei Daimler sind drei Millionen Diesel-Fahrzeuge von dieser "freiwilligen Servicemaßnahme" betroffen, wie der Konzern die Software-Updates in Abgrenzung zu gesetzlich verpflichtenden Rückrufen nennt. Auch die nun vom KBA zurückgerufenen Vito-Transporter waren Teil des Update-Programms. Laut Daimler sind bei den drei Millionen Fahrzeugen rund 90 Prozent abgearbeitet.

Daimler hatte nach Ausbruch des Dieselskandals bei Volkswagen im September 2015 lange Zeit betont, die Abgasreinigung nicht durch eine Abschalteinrichtung manipuliert zu haben. Schon länger wiederholt der Konzern diese Aussage nicht, denn in Deutschland und den USA laufen noch Ermittlungen zu möglichen Gesetzesverstößen.

VW hatte zugegeben, konzernweit elf Millionen Autos so programmiert zu haben, dass die Abgasreinigung nur auf dem Prüfstand, nicht aber auf der Straße ordnungsgemäß funktioniert. Während in den USA dies als Rechtsverstoß bei VW mit Milliarden-Bußgeld geahndet wurde, ist in Deutschland die Frage noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaften in Braunschweig, Stuttgart und München ermitteln noch, ob sich Verantwortliche bei VW, Audi, Porsche, Daimler und seit kurzem auch bei BMW des Betruges schuldig machten.

mit Material von Reuters