Donnerstag, 19. September 2019

Zetsche über Protektionismus und die neue Führungskultur bei Daimler Keine Zäune, weniger Hierarchien, mehr Vertrauen, weniger Schlips

Hält wenig von Dresscodes und Protektionismus: Daimler-Chef Dieter Zetsche
Bongarts/Getty Images
Hält wenig von Dresscodes und Protektionismus: Daimler-Chef Dieter Zetsche

Daimler-Chef Dieter Zetsche ist gegen Versuche, chinesische Investitionen in Europa zu behindern. "Wer soll denn die Kriterien für einen unliebsamen Investor bestimmen?", fragt Zetsche in einem Interview (kostenpflichtig) des "Handelsblatt". Damit widerspricht er Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der Übernahmen deutscher Firmen durch Chinesen erschweren will.

"Die Stärke des Wirtschaftsstandortes Deutschland kommt doch daher, dass Wirtschaft und Staat weitgehend getrennt sind. Diese Trennung sollten wir auch erhalten", sagt der Daimler-Chef. Zetsche hält nichts von dem Versuch, mit Gesetzen die Chinesen vom deutschen Markt fernzuhalten. "Wenn ich Zäune hochziehe, dann werden die Unternehmen müde und träge", erklärt der Manager in dem Interview weiter.

Der Daimler-Chef verweist in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen mit dem Patentschutz. "Da hieß es vor einiger Zeit noch, die Chinesen klauen und kopieren. Das ist Unsinn. China bildet mehr Ingenieure aus als wir", sagte er. "Das Land hat daher ein hohes Eigeninteresse, Patente zu schützen."

Gleich zweimal hatte die Bundesregierung in der vergangenen Woche Übernahmedeals zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen blockiert. Zunächst hatte Berlin die Übernahme des deutschen Unternehmens Aixtron durch chinesische Investoren gestoppt, dann bremste sie den Verkauf der Lampensparte von Osram an chinesische Interessenten.

Mit Blick auf die Zukunft setzt Zetsche auf mehr Innovationsbereitschaft und kürzere Entscheidungswege, um das Unternehmen fitzumachen für den Wettbewerb mit Google, Uber und Tesla. "Heute können noch bis zu sechs Hierarchiestufen mit einer Entscheidung befasst sein", sagte Zetsche in dem Interview weiter. "Wir sagen jetzt: Egal wer wo involviert ist, mehr als zwei Stufen wollen wir nicht."

"Mit dem Schlips bin ich nie warm geworden"

Daimler werde in Zukunft mehr Vertrauen in die Mitarbeiter setzen und weniger in Hierarchien. "Dazu gehört Vertrauen, Teamfähigkeit und das Loslassen der Führungskräfte. Die waren es bisher gewohnt, mehr zu diktieren", sagt Zetsche.

Grundlage sei das Programm "Leadership 2020", mit dem Daimler auch mehr Risikofreude im Unternehmen wecken will. "Wir wollen Akzeptanz dafür schaffen, dass Projekte mit höherem Innovationsgrad angeschoben werden, die einen technologischen Durchbruch bringen können", sagte der 63-jährige. "Dazu gehört aber auch, zu akzeptieren, dass solche Projekte manchmal nicht gelingen können."

Der Daimler-Chef will die neue Kultur auch vorleben. Äußeres Zeichen ist ein legeres öffentliches Auftreten ohne Krawatte. "Mit dem Schlips bin ich nie warm geworden", sagte Zetsche. Das Thema Kleiderordnung sei im Daimler-Vorstand vor zwei Jahren kontrovers diskutiert worden.

"Letztlich sind wir zum Schluss gekommen, jeder soll sich so anziehen wie er mag. Bald hat im Vorstand niemand mehr einen Schlips getragen. Das ist natürlich entstanden, nicht mit einer Dienstanweisung", sagte Zetsche.

rei mit Nachrichtenagenturen

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