Die sieben wichtigsten Antworten zum Daimler-Rückruf Was Mercedes-Dieselfahrer jetzt wissen müssen

Der Mercedes-Stern glänzt aktuell nicht gerade hell - Daimler ruft 3 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt

Der Mercedes-Stern glänzt aktuell nicht gerade hell - Daimler ruft 3 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt

Foto: Jan-Philipp Strobel/ dpa

Der Autohersteller Daimler läutet die nächste Runde im Diesel-Drama ein. Europaweit drei Millionen Dieselfahrzeuge der Kernmarke Mercedes-Benz wollen die Stuttgarter nun so nachrüsten, dass sie weniger Stickoxide in die Luft blasen. Damit weitet Daimler seinen im Frühjahr 2016 begonnenen Rückruf für 250.000 Kompaktfahrzeuge und Vans der V-Klasse massiv aus. Der bisherige Rückruf, der auf Anweisung des Kraftfahrt-Bundesamtes erfolgte, umfasste bei der Kompaktklasse nur eine Motorvariante.

Nun will der Autohersteller freiwillig auch jene Diesel-Motorenfamilien nachbessern, die gut ein Jahrzehnt lang in fast allen Daimler-Baureihen eingebaut wurden. Bereits in den kommenden Wochen soll der Rückruf starten, der Daimler-Chef Dieter Zetsche schwer in die Bredouille bringt - hatte er doch Abgas-Tricksereien a la Volkswagen für seinen Konzern bisher immer kategorisch ausgeschlossen.

Auf den folgenden Seiten beantworten wir die wichtigsten Fragen zum größten Rückruf der jüngeren Daimler-Geschichte.

Warum ruft Daimler die Fahrzeuge freiwillig zurück?

Daimler begründet seinen freiwilligen Rückruf in einer Presseaussendung  so: Man habe sich für weitere Nachbesserungsmaßnahmen an den Motoren entschieden, "um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken." Das klingt edelmütig. Doch aus völlig freien Stücken hat sich Daimler wohl nicht zu dem Riesen-Rückruf entschieden.

Denn zuletzt war der Druck auf den Luxusauto-Hersteller massiv gestiegen. Zum einen forderten Politiker in den letzten Wochen wiederholt Fahrverbote in Innenstädten, um die Belastung der Luft mit Schadstoffen zu senken.

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Zum anderen geriet Daimler zuletzt stärker unter Verdacht, dass seine Fahrzeuge deutlich mehr schädliche Stickoxide ausstoßen als bislang vermutet. Das US-Justizministerium ermittelt ebenso gegen Daimler wie auch die Staatanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts auf Betrug. Dass Daimler ähnlich wie Volkswagen bei den Abgaswerten getrickst haben könnte, bestreiten die Stuttgarter entschieden und wiederholt.

Im Mai 2017 gab es eine Großrazzia an insgesamt 11 Daimler-Standorten. In der vergangenen Woche berichteten die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR, dass Ermittler dabei einem folgenschweren Verdacht nachgingen: Bei mehr als einer Million Mercedes-Fahrzeuge könnten Motoren eingebaut sein, bei denen Abgasmessungen manipuliert wurden - und zwar seit 2008. Die Staatsanwaltschaft wollte dazu nicht sagen, Daimler den Bericht mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht kommentieren .

Vekehrsminister Dobrindt hat Vertreter des Autokonzerns daraufhin vor die Untersuchungskommission Abgas geladen. Dass Daimler nun die Fahrzeuge freiwillig zurückruft, ist aber kein Schuldeingeständnis - sondern wohl eine vorbeugende Maßnahme, um noch größeren Schaden vom Unternehmen abzuwenden.

Welche Motoren sind betroffen?

Ein Rückruf von drei Millionen Dieselfahrzeugen ist eine hohe Zahl für den Daimler-Konzern, der vor kurzem gerade mal die Jahresauslieferungs-Marke von zwei Millionen Autos knackte. In die Werkstätten beordert Daimler zwei weit verbreitete Turbodiesel-Modellfamilien: Zum einen den OM 642, einen von Mercedes seit 2005 verbauten Sechszylinder-Turbodiesel mit drei Litern Hubraum. Zum anderen den Vierzylinder OM 651, der ab 2008 in Mercedes-Modellen eingebaut und mit 1,8 oder 2,1 Liter Hubraum ausgeliefert wurde. Diese Motoren stecken in fast allen Mercedes-Modellen, teils auch in Fahrzeugen des ehemaligen Partners Chrysler.

Laut "Autobild" sind davon unter anderem die Baureihen W 204, W 211, W 212, W 246, C 218, W 221, W 251, W 164, X 204 und W 166 sowie bei den Nutzfahrzeugen die Baureihen 639 und 906. Etwas weniger technisch ausgedrückt: Der Motor OM 651 wurde in der A-, B-, CLA- und GLA-Klasse verwendet. Verbaut wurde er auch im SLK-Roadster, der S-Klasse, oder den Nutzfahrzeugreihen Vito, V-Klasse und Sprinter.

Der etwas kräftigere OM 642 kam eher oberhalb des Kompaktsegments zum Einsatz. Er steckt in Fahrzeugen der M-, R-, G-, GL- und S-Klasse. Auch in den Modellen GLK, CLK und CLS wurde der Sechszylinder eingesetzt, ebenso bei den stärker motorisierten Varianten der Vans Vito, Viano und Sprinter.

Wie werden betroffene Mercedes-Fahrer verständigt?

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Eine Website, auf der Mercedes-Fahrer einen etwaigen Rückruf ihres Autos überprüfen können, ist Stand jetzt nicht vorgesehen. Stattdessen wird Daimler in den kommenden Wochen die betroffenen Fahrzeughalter selbst anschreiben, wie ein Daimler-Sprecher gegenüber manager-magazin.de erklärte. "Wir schreiben einen Brief mit einer Aufforderung, einen Werkstatttermin zu vereinbaren", sagte der Sprecher. Wer will, kann sich auch von selbst melden, das dürfte den Vorgang aber nicht beschleunigen.

Welche Baureihen Mercedes zuerst in die Werkstatt holen will, steht laut dem Sprecher noch nicht fest, das werde in den nächsten Wochen geklärt. Unklar ist auch noch, bis wann die Rückrufe abgeschlossen sein sollen. Erfahrungsgemäß dauere das mehrere Monate, hieß es auf Nachfrage, und es werde "bis weit ins Jahr 2018" dauern.

Was passiert exakt in der Werkstatt?

In der Werkstatt erhalten die betroffenen Autos eine neue Software für die Motorensteuerung - und zwar kostenlos. Die Rechnung bezahlt Daimler: Rund 220 Millionen Euro soll der Rückruf kosten, also rund 70 Euro pro Auto. Allerdings muss die entsprechende Software noch programmiert werden. Das muss in x-facher Ausführung je nach Fahrzeugtyp, Leistungsstufe des Motors oder Getriebeart geschehen. Und das dürfte noch dauern.

Neue Bauteile werden in den Autos nicht verbaut. Daimler habe sich für eine reine Softwarelösung entschieden, weil der Konzern damit "schnell und breit eine Lösung" finde, erklärte ein Sprecher gegenüber manager-magazin.de.

Experten raten den vom Rückruf betroffene Kunden, sich vom Werkstattmeister detailliert erklären zu lassen, was bei ihrem Fahrzeug genau verändert wird. Dafür empfiehlt es sich, externe Zeugen hinzuzuziehen. Zudem sollten Kunden darauf bestehen, dass sämtliche Maßnahmen von der Werkstatt schriftlich dokumentiert werden. Das könnte bei einem Weiterverkauf des Autos dann sehr nützlich sein.

Übrigens: Einen Rechtsanspruch auf einen Ersatzwagen während der Reparaturzeit gibt es nicht - auch nicht für Unternehmer, denen durch die Nicht-Benutzbarkeit ihres Fahrzeugs Umsatzrückgänge drohen. Auch sie können dabei nur auf das Entgegenkommen der Werkstätten hoffen - oder auf die Kulanz von Daimler selbst.

Was ist das Ziel, was verbessert sich dadurch an den Fahrzeugen?

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Daimlers erklärtes Ziel ist es, mit der neuen Software den Stickoxid-Ausstoß der Motoren deutlich zu senken. "Unser Ziel ist, dass man das erreicht, was Fahrverbote bewirken", sagte der Sprecher. Mit anderen Worten: Daimler will auch Euro-5-Diesel (die Norm gilt seit 2009 für alle neu zugelassenen Dieselautos) so sauber bekommen, dass sie in die Nähe der deutlich strengeren Euro 6-Grenzwerte (gilt seit September 2015 für Neuwagen) für Stickoxide kommen.

Wie das rein mit Software klappen soll, erklärt Daimler so: Bei den neueren Motoren habe man mit Abgasrückführungen Erfahrungen gemacht und erkannt, dass sich da noch etwas optimieren lässt. Diese neuen Erkenntnisse setzt die Software auch für ältere Motoren um. Per Software könne man also an zwei Stellen ansetzen: An der Abgasrückführung und am Verhalten des SCR-Katalysators, also der Einspritzung von AdBlue-Harnstoff zur Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes.

Bislang funktionierte die Abgasreinigung in vollem Umfang nur bis zu einer Temperatur von zehn Grad plus. Bei tieferen Temperaturen wurde sie heruntergeregelt, angeblich, um Bauteile zu schützen. Auch daran soll die Software etwas ändern: Die Abgasreinigung werde künftig auch im "niedrigen einstelligen Temperaturbereich" funktionieren, heißt es bei Daimler. Allerdings sei dies auch abhängig vom persönlichen Fahrstil und Umgebungssituationen wie Luftfeuchte oder Höhe.

Und was verschlechtert sich nach dem Software-Update?

Nichts, versprechen die Stuttgarter. Die Fahrzeuge müssen nicht häufiger zum Service, weil Bauteile der Abgasreinigung stärker beansprucht würden. Man habe bei neueren Motoren die Erfahrung gemacht, dass in der Abgasreinigung noch etwas Potenzial drinnen sei und die Bauteile dennoch keinen Schaden nehmen, erklärte Daimler dazu.

Auch Leistungseinbußen der Motoren oder etwaigem Mehrverbrauch nach dem Software-Update soll es nicht geben. "Davon gehen wir heute nicht aus", erklärte ein Sprecher auf Nachfrage von manager-magazin.de. Die Gesetze der Physik können die Stuttgarter aber auch nicht aushebeln: "Den Effekt, dass abhängig von Temperatur und Umgebung Ruß-Rücklagerungen möglich sind, den kann man nicht wegdiskutieren", erklärte der Daimler-Sprecher.

Warum sollte man dem freiwilligen Rückruf folgen?

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Sollten Sie auch künftig in den Innenstädten von vielen deutschen Metropolen unterwegs sein, sollten sie lieber einen der angebotenen Werkstatt-Termine annehmen. Falls Fahrverbote für ältere Diesel-Fahrzeuge eingeführt werden, kommen sie um diese nur mit einem umgerüsteten Mercedes-Diesel herum. Fahrzeugbesitzer müssen dann dokumentieren können, dass ihre Fahrzeuge punkto Emissionen und Schadstoffklasse auf dem neuesten Stand sind.

Kein Wunder also, dass Daimler selbst erklärt: "Uns ist daran gelegen, dass Kunden das Reparaturangebot wahrnehmen". Als letzter Schritt von Behördenseite droht den "Widerständlern" sogar der Entzug der Zulassung. Zudem könnten Prüfdienste bei nicht umgerüsteten Fahrzeugen die Vergabe der TÜV-Plakette verweigern.

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