Neue Mercedes S-Klasse vorgestellt Alles auf S - diese Limousine soll Daimler aus der Krise fahren

Die Corona-Krise hat Daimlers Probleme verschärft. CEO Ola Källenius muss mit der Neuauflage des wichtigsten Modells, der S-Klasse von Mercedes, den erhofften Befreiungsschlag schaffen.
Die Neuauflage der S-Klasse von Mercedes-Benz

Die Neuauflage der S-Klasse von Mercedes-Benz

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Mercedes-Benz AG - Global Communications Mercedes-Benz Cars & Vans / Daimler

Alle paar Jahre präsentiert Daimler eine überarbeitete Version seiner Modelle für Mercedes-Benz. Nun steht die neue Generation der Luxuslimousine Mercedes-Benz S-Klasse bereit - und die Erwartungen sind immens. Schließlich ist die S-Klasse das profitabelste Pkw-Modell des Premiumautobauers: Mitten in der Corona-Krise, die den Druck auf die Branche durch den kostspieligen Umschwung zu Elektroautos noch verstärkt, brauchen die Schwaben den erhofften Geldbringer dringender denn je. Immerhin: Nach dem verlustreichen ersten Halbjahr erholt sich das Pkw-Geschäft bei Daimler nach Worten von Vorstandschef Ola Källenius (51) von der Corona-Krise. "Das Marktgeschehen hat sich deutlich stabilisiert", sagte er am Mittwoch mit Blick auf den Absatz von Mercedes-Benz. In China habe sich die Nachfrage rasch verbessert. Europa und Nordamerika seien noch nicht so weit. "Vom freien Fall im zweiten Quartal haben wir uns erholt. Jetzt bewegen wir uns in die Normalität zurück."

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Mercedes S-Klasse: Die Baureihen im Überblick

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Der Daimler-Chef bekräftigte, den 2019 angekündigten Sparkurs zu forcieren. Der Autobauer werde in den kommenden Jahren sehr stringent den Weg weitergehen, die Gewinnschwelle früher zu erreichen. Dafür hat Källenius seiner Belegschaft in den vergangenen Monaten schon mal einiges zugemutet. Personalchef Wilfried Porth (61) siebt zum einen auch im Management rustikal aus , zum anderen reduziert Daimler in Deutschland die Arbeitszeiten und streicht die Prämie. So soll der gefürchtete Stellenabbau zumindest vorerst vermieden werden. Im Konzern stehen aber bis zu 30.000 Jobs auf der Kippe - der "härteste Kahlschlag der Geschichte" , wie manager magazin bereits Ende Juli berichtete. Auch das Smart-Werk im französischen Hambach will Daimler verkaufen - an den britischen Konzern Ineos, der dort künftig einen Geländewagen bauen will. Källenius schraubt zudem auch weiter an der Strategie, will den Fokus stärker auf Luxus und die jeweils oberen Enden der Segmente lenken, wo mehr Geld pro Auto zu verdienen ist.

Für einen Ertragsschub soll nun aber auch das rundum erneuerte Flaggschiff S-Klasse sorgen. Das ist mit Technik vollgestopft und soll - natürlich - neue Maßstäbe setzen. "Es ist das Herz unserer Marke", sagte Källenius bei der Premiere des Flaggschiffs, die wegen der Corona-Auswirkungen nur vor kleinem Publikum in Sindelfingen und ansonsten live im Internet stattfand. Dort hatte der Konzern zuvor schon über Wochen mit ersten Einblicken die Erwartungen geschürt. "So viele Dinge mussten wir umplanen in diesem Jahr, im Privat- wie im Berufsleben", sagte Källenius. "Dieses hier nicht." 

Die technischen Highlights der neuen S-Klasse:

  • Der Wendekreis der 5,15 Meter langen Limousine ist deutlich kleiner als bei der Konkurrenz - dank einer neuen Allradlenkung, die auch an den Hinterrädern bis zu zehn Grad einschlägt.

  • Das Head-up-Display kann animierte Abbiegepfeile über die in die Fahrbahn einblenden, die durch die Windschutzscheibe zu sehen ist - das Display entspricht einem 70-Zoll-Monitor.

  • Das Bediensystem kann Blicke, Kopf- und Handbewegungen von Fahrern interpretieren. Wenn der Fahrer etwa über die Schulter nach hinten blickt, fährt das Sonnenrollo der Heckscheibe automatisch herunter.

  • Bei einem drohenden Seitenaufprall hebt das adaptive Fahrwerk die neue S-Klasse um bis zu acht Zentimeter an - und das innerhalb weniger Zehntelsekunden. Das soll Crash-Folgen besser abfedern helfen.

  • Erstmals gibt es auch eigene Fondairbags für die hinteren Passagiere, insgesamt sind bis zu 16 Airbags in der Limousine eingebaut.

  • Voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr 2021 kann die S-Klasse in Autobahnstaus selbstständig fahren, der Fahrer kann dann zeitweise etwa E-Mails bearbeiten - wenn der Gesetzgeber es wie vorgesehen genehmigt.

"Die S-Klasse ist ein wichtiger Imageträger und gemessen an der Marge der größte Ertragsbringer", sagt Frank Schwope, Analyst von der Norddeutschen Landesbank. Die Luxuslimousine könne den Dax-Konzern als Zugpferd im kommenden Jahr zurück in die Gewinnzone bringen. Vielleicht gelinge es, nach dem Verlust von 1,7 Milliarden Euro im ersten Halbjahr insgesamt 2020 schwarze Zahlen zu schreiben.

Neues, volldigitales Werk als Draufgabe

Parallel zur nun laufenden Online-Premiere der S-Klasse hat Daimler an seinem Traditionsstandort in Sindelfingen eine neue Fabrik in Betrieb genommen. Die etwa 30 Fußballfelder große "Factory 56" hat rund 730 Millionen Euro gekostet und soll die Produktion deutlich flexibler und effizienter machen, wie Daimler am Mittwoch mitteilte. In dem rundum auch mit 5G-Technik vernetzten und digitalisierten und zudem CO2-neutral betriebenen Werk sollen künftig die Flaggschiffe von Mercedes gebaut werden: neben der S-Klasse später auch das Elektromodell EQS und der Maybach.

Die Halle sei allerdings so konzipiert, dass je nach Nachfrage auch jedes andere Modell vom Kompaktwagen bis zum SUV in die laufende Produktion integriert werden könne, hieß es. Daimler will die "Factory 56" zudem auch als Bekenntnis zum Standort Deutschland verstanden wissen. Insgesamt steckt der Konzern rund 2,1 Milliarden Euro in den Ausbau des Sindelfinger Werks, in dem rund 35.000 Menschen arbeiten. Allein in der neuen S-Klasse-Fabrik sollen es künftig etwa 1500 in zwei Schichten pro Tag sein.

S-Klasse-Rendite ist Konzerngeheimnis

Was die S-Klasse einbringt, wollte der Konzernchef zwar nicht sagen. Es sei aber klar, dass ein solches Fahrzeug überproportional zur Profitabilität des gesamten Konzerns beitrage. "Dieses Auto ist für uns sehr wichtig", sagte er. Ein Lieblingskind sollten Eltern ja nicht haben. "Aber für Autos gilt das nicht."

Analysten schätzen die Rendite auf 15 bis 20 Prozent Gewinn vom Umsatz. "Mercedes ist sehr abhängig vom Erfolg der S-Klasse", sagt Daniel Schwarz, Autoexperte von der Bank Mainfirst. Und deren Erfolg hängt wiederum vom weltweit größten und auch für Mercedes wichtigsten Einzelmarkt China ab. Da sich die Nachfrage in dem Land, in dem die Covid-Pandemie ausbrach und als erstes eingedämmt wurde, wieder gut erholt, traut der Analyst Daimler im ersten vollen Verkaufsjahr 2021 einen Absatz von 95.000 Stück zu. Bei Preisen über 100.000 Euro könnte das Spitzenmodell zwei Milliarden Euro Ergebnisbeitrag hereinschaufeln, schätzt er. Dafür muss es die Rivalen 7er BMW und A8 von Audi ausstechen, die 2019 und 2017 auf den Markt kamen und damit schon älter sind. In den nächsten beiden Jahren könne Mercedes mit der jüngsten Modellpalette der Premiumhersteller punkten, erklärt Schwarz.

Die CO2-Emissionen von zumeist mehr als 200 Gramm je Kilometer sind unter Klimaschutzgesichtspunkten hingegen kein Ruhmesblatt. Das PS-starke Modell mit seinen sechs Zylinder-Diesel- und Benzinmotoren sei aber unverzichtbar, weil es den Umstieg auf Elektroautos finanziell erst ermögliche. "Elektroautos sind notwendig, aber man verdient damit kein Geld - dazu braucht man Modelle wie die S-Klasse", erläutert Schwarz. 2021 folgt außerdem der EQS, die elektrische Variante der S-Klasse. "Es wäre ein gutes Symbol für ein entschlossenes Umsteuern auf klimafreundliche Fahrzeuge gewesen, den EQS gleichzeitig mit der S-Klasse zu bringen", sagt Schwope.

wed/dpa, Reuters
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