Samstag, 28. März 2020

Renaults Billigauto-Zar lehrt VW das Fürchten Der echte Umstürzler der Autobranche ist ein 71-jähriger Ex-Mathelehrer

Renault Kwid

2. Teil: Das Geheimnis: Rückwärts rechnen

Nachfrage bei drei verschiedenen Zulieferern: Können sie angesichts solcher Preise auch nur annähernd profitabel arbeiten? Doch alle drei sind zufrieden. "Wir verdienen nicht die Welt an dem Geschäft," sagt Srinivas Reddy, Chef des Kunststoffteile-Lieferanten Motherson, "aber wir legen bestimmt nichts drauf."

Detourbet war ursprünglich Mathematiklehrer. Das merkt man noch, wenn er in irrwitziger Geschwindigkeit mathematische Formeln an eine Tafel zaubert, um das Geheimnis des unglaublichen Niedrigpreises zu erklären. "Normalerweise entwickeln Ingenieure ein Fahrzeug, und dann geht das in die Kostenabteilung. Die schaut sich an, wie viel Blech und Plastik verbaut wird und so weiter. Am Ende kommt ein Preis heraus, der vom Einkauf noch mal gedrückt wird. Das war's idann üblicherweise."

Bei Detourbet fängt das Auto nicht bei den Ingenieuren an, sondern beim Zielpreis. Solange Entwicklung und Einkauf über diesem Ziel liegen, geht das Projekt nicht weiter. Ist das Ziel erreicht, setzt es Detourbet noch einmal um 20 Prozent niedriger.

In wöchentlichen Planungsrunden wird das Auto Bauteil für Bauteil neu durchkalkuliert, normalerweise steigt der Preis mit zunehmender Kostentransparenz. "Dann kommt immer der Punkt, an dem meine Leute die Nerven verlieren." Sie flehen, den Zielpreis höher zu setzen, weil sonst das ganze Projekt scheitere. "Ich denke nicht dran. Und plötzlich fängt der Preis an, runterzugehen. Das ist jedes mal das Gleiche."

Ungeheure Machtposition

Vielleicht ist es die Furcht vor dem Scheitern, die bei den Entwicklern für weiche Knie und später für ebensolche Preise sorgt. Und Detourbet hat noch einen zweiten Trick: Er lässt sich nicht auf den Produktionsanlauf festlegen. Der Beginn der Fertigung ist normalerweise Jahre im Voraus in Stein gemeißelt. Ein schlauer Lieferant macht seine Marge kurz vor Produktionsanlauf. Nicht bei Detourbet. "Solange wir über dem Kostenziel liegen, fangen wir nicht an."

Und dann ist da noch die Sache mit den Werkzeugen. Die werden meistens in Nissans Prototypenfertigung in Japan gemacht, der Preis ist nicht verhandelbar. Also drückt Detourbet die Anzahl der benötigten Werkzeuge. "Für die Außenteile des Autos braucht man normalerweise vier Presswerkzeuge pro Teil, manchmal fünf. Ich habe das auf drei runtergebracht. Schon wieder 25 Prozent gespart."

Tiefer lässt sich der Low-Cost-Experte nicht in die Karten schauen."Niemand weiß genau, wie ich das mache," sagt Detourbet mit einem Augenzwinkern. "Ich habe das schon oft gemacht und ich werde das noch öfters machen, das ist alles, was Sie wissen müssen."

Seine Erfahrung und sein Insiderwissen verleihen dem 71-Jährigen eine ungeheure Macht innerhalb des Renault-Konzerns. Den Plan, sich endlich in seinem Haus nahe Cannes zur Ruhe zu setzen, scheint Detourbet vorerst begraben zu haben. Derzeit arbeitet der Über-Disruptor gerade an der Krönung seiner Karriere: an der Entwicklung eines Low-Cost-Elektroautos.

Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen und schreibt als Meinungsmacher für manager-magazin.de. Wie bei den anderen Meinungsmachern auch, gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung