Dienstag, 2. Juni 2020

Dudenhöffer, McKinsey schlagen Corona-Krisenalarm 100.000 Jobs in deutscher Autobranche bedroht

Roboter im Porsche-Werk in Leipzig: In deutschen Autofabriken drohen massive Überkapazitäten, warnt eine Studie

Auto-Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer war in der Vergangenheit selten um deutliche Worte verlegen, wenn es um die Probleme der deutschen Autoindustrie ging. Seine Prognosen zu Absatzzahlen erwiesen sich in den vergangenen Jahren aber als einigermaßen treffsicher - den deutlichen Einbruch der weltweiten Pkw-Zulassungszahlen im Jahr 2019 um rund 4 Prozent sagte Dudenhöffer etwa bereits im Oktober vergangenen Jahres einigermaßen korrekt vorher.

Insofern sollte seine jüngste Analyse durchaus zu denken geben: Aus Dudenhöffer Sicht droht der deutschen Autoindustrie der Verlust von mehr als 100.000 Arbeitsplätzen durch die Corona-Krise. Aktuell stehen in ganz Europa, den USA, in Indien und auch in Teilen Südamerikas die Autowerke still. Wann sie wieder anlaufen, lässt sich aktuell nur schwer abschätzen. Erste Zulieferer beantragen bereits Staatshilfe. Die großen Autohersteller wollen aber - bis auf Kurzarbeitergeld - aktuell keine milliardenschweren Stützen vom Staat annehmen.

Dudenhöffer wagt aber eine Prognose für das Gesamtjahr auf dem deutschen Markt. Die Nachfrage dürfte dieses Jahr um 15 Prozent einbrechen, und nach den Erfahrungen aus der Finanzmarktkrise werde der Aufholprozess mehr als zehn Jahre dauern, schreibt der nun an der Universität St. Gallen tätige Professor in einer Studie.


Lesen Sie dazu auch: Wie sich Deutschlands Autobauer retten können


In den deutschen Werken gebe es über Nacht Überkapazitäten von 1,3 bis 1,7 Millionen Fahrzeugen. Kurzarbeitergeld überbrücke nur kurze Zeiten. Kein Unternehmen könne ungenutzte Produktionskapazität jahrelang vorhalten. Deshalb seien 100.000 der heute 830.000 Arbeitsplätze bei Autobauern und Zulieferern in Deutschland gefährdet - "unter optimistischen Annahmen", schrieb Dudenhöffer.

McKinsey, Oliver Wyman rechnet mit ähnlich starken Marktrückgängen

Dudenhöffer ist nicht der einzige, der vor drastischen Folgen der Corona-Krise für die Autobranche warnt. Die Unternehmensberatung McKinsey etwa rechnet damit, dass in Europa die Autoverkäufe 2020 um über fünf Millionen Fahrzeuge gegenüber dem Vorjahr zurückgehen. Das wäre ein Einbruch des Marktes um rund 30 Prozent. McKinsey unterstellt dabei, dass die Coronavirus-Pandemie eingedämmt wird und es zu einer langsamen Erholung der Wirtschaft kommt. In den USA bricht der Neuwagenmarkt laut der McKinsey-Studie in diesem Jahr ebenfalls um 30 bis 35 Prozent oder mehr als fünf Millionen Neuwagen ein.

Der Konkurrent Oliver Wyman beurteilen die Lage ganz ähnlich. In einer aktuellen Modellrechnung vergleichen die Unternehmensberater die aktuelle Corona-Krise mit den Auto-Absatzeinbrüchen in der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Ihr Fazit: In diesem Jahr geht der globale Autoabsatz um 17 bis 29 Prozent im Vergleich zu 2019 zurück.

Der weltgrößte Automarkt ist mit -15 Prozent bei den Neuwagenverkäufen noch am wenigsten stark betroffen, heißt es der Oliver Wyman-Studie. In Europa rechnen die Berater mit Absatzrückgängen zwischen 18 und 36 Prozent. In den USA werden laut der Modellierung in diesem Jahr zwischen 18 und 35 Prozent weniger Pkw verkauft als noch im Vorjahr. Auf frühere Krisen folgte stets ein Erholungseffekt, heißt es in der Studie. Wer gestärkt aus der Krise hervorgehen will, sollte nun Chancen in der beschleunigten Digitalisierung des Vertriebs suchen, meinen die Berater.

Die Autoproduktion in Deutschland war vergangenes Jahr von 5,1 auf 4,7 Millionen Fahrzeuge gesunken. Dudenhöffer wiederum rechnet dieses Jahr mit einem Verkaufsrückgang von 15 Prozent in Deutschland, 20 Prozent in China, 25 Prozent in Frankreich und den USA und 30 Prozent in Italien. Damit dürfte die Produktion in Deutschland "bei optimistischer Prognose auf 3,8 Millionen Fahrzeuge schrumpfen. Unter einem pessimistischen Szenario erwarten wir lediglich 3,4 Millionen Fahrzeuge."

"Der Grund sind nicht Probleme in den Lieferketten, sondern ganz klar die fehlende Nachfrage", betonte Dudenhöffer: Die Autoindustrie habe "ein gravierendes, längerfristiges Nachfrageproblem." Das Wirtschaftswachstum nach dem Schulden-Crash 2009 lasse erwarten, dass die USA mindestens zehn Jahre bräuchten, um Anschluss an das Jahr 2019 zu finden. Auch in Europa spreche wenig für einen Wachstums-Boom nach der Corona-Krise: "In der Vergangenheit galt bei den großen Krisen in Europa das Gegenteil." Um die Nachfrage zu beleben, schlug Dudenhöffer das Aussetzen der Mehrwertsteuer oder eine negative Mehrwertsteuer vor.

mit Material von dpa

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung