Montag, 1. Juni 2020

Autobranche will Medizintechnik-Firmen helfen Deutschlands Autobauer und der überhastete Beatmungsgeräte-Wettlauf

Beatmungsgerät von Dräger in einem Behandlungszimmer des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg
Axel Heimken/dpa/Pool/dpa
Beatmungsgerät von Dräger in einem Behandlungszimmer des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg

Die Automobilbranche hat zu Zeiten der globalen Coronavirus-Pandemie ein neues, richtig heißes Thema. Nein, es sind nicht die temporären Werksschließungen, die unterbrochenen Lieferketten und die drastisch gesenkten globalen Absatzprognosen, gegen die Autobauer und Zulieferer ohnedies nur bedingt gegensteuern können.

Es ist die Frage, ob und wie Autohersteller mithelfen können, die Not in schwer gestressten Gesundheitssystemen zu lindern. Krankenhäuser benötigen zur Behandlung Covid-19-Kranker unter anderem dringend Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte. Medizintechnikfirmen wie Dräger, die professionelle Geräte herstellen, versinken in einer Flut an Anfragen. Produzenten von Atemschutzmasken sind ausverkauft und klagen darüber, dass der Markt mit minderwertigen Plagiaten überschwemmt wird.

Deutsche Autobauer wie Daimler und der Volkswagen-Konzern haben zunächst hunderttausende Atemschutzmasken aus Werksbeständen gespendet. Doch nun wollen und sollen sie auch mit ihren brachliegenden Kapazitäten aushelfen: Weltweit hat eine Art Wettlauf darum eingesetzt, welches Automobilunternehmen nun als erstes zehntausende Beatmungsgeräte oder Medizintechnik-Teile an Krankenhäuser liefern kann.

Die Frage, in welchem Umfang so etwas sinnvoll und technisch machbar ist, rückt dabei teils in den Hintergrund. US-Präsident Donald Trump brüllt auch in diesem Bereich am lautesten: Er hat ein Gesetz aus Zeiten des Korea-Krieg reaktiviert, dass den US-Autohersteller General Motors (GM) zum Bau solcher Geräte zwingen soll. Denn das Angebot, das GM gemeinsam mit dem Medizintechnik-Anbieter Ventec Life Systems vorlegte, war Trump schlicht zu teuer. Der US-Konkurrent Ford hat nun angekündigt, innerhalb von 100 Tagen 50.000 einfache Beatmungsgeräte für die Gesundheitssparte des US-Industrieriesen General Electric zu produzieren.

Im Video: Ford startet Beatmungsgeräte-Produktion

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Bild: Ford

In Großbritannien hat sich ein Konsortium aus 13 Unternehmen aus dem Flugzeugbau, der Autoindustrie und dem Medizintechniksektor zusammengetan, das laut Eigenangaben bereits eine "formelle Bestellung" über 10.000 Beatmungsgeräte erhalten haben will. Und die französische Opel-Mutter PSA kündigte heute an, gemeinsam mit französischen Industrieunternehmen 10.000 Beatmungsgeräte herstellen zu wollen. Ähnliche Schritte in Deutschland werden "aktuell geprüft", so ein Sprecher gegenüber manager magazin.

Was in all den schönen PR-Meldungen allerdings nicht zur Sprache kommt, ist, um welche Art von Beatmungsgeräten es sich handeln soll. Kein Wunder, denn Medizintechnikspezialisten bezweifeln längst, dass Autokonzerne ausgereifte Beatmungsgeräte in so kurzem Zeitraum entwickeln und zertifizieren lassen können.

Stefan Dräger, Chef des gleichnamigen Medizintechnikunternehmens, drückte es jüngst in einem Interview relativ klar aus: "Es bringt nichts, brachliegende Kapazitäten in der Fertigung jetzt für Beatmungshilfen einzusetzen". Er habe bereits mit dem Autobauer Daimler gesprochen, der ebenfalls helfen wolle. Doch das sei nicht so einfach, schließlich "können wir ja auch keine Autos bauen", meinte Dräger.

Zudem sei die Bedienung professioneller Beatmungsgeräte aus einem besonderen Grund anspruchsvoll: Wenn Patienten an solche Geräte angeschlossen werden, müssen Mitarbeiter erst einmal das Befinden des Menschen beurteilen und die Geräte entsprechend genau einstellen. Das erfordere "jahrelange Erfahrung", gab Dräger zu bedenken.

Das ist mitnichten typisch deutsche Skepsis oder der Hinweis eines Medizintechnikunternehmers auf die die eigene High-Tech-Kompetenz. Auch in Großbritannien gibt es längst ganz ähnliche Wortmeldungen. "Die harte Realität ist, dass dabei ein verdammt hoher Berg zu erklimmen ist", erklärte etwa der Chef eines britischen Medizintechnikunternehmens gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Wenn wir hören, dass Minister tausende solcher Geräte in ein paar Wochen zur Verfügung stellen wollen, können wir das einfach nicht glauben."

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