Autobranche will Medizintechnik-Firmen helfen Deutschlands Autobauer und der überhastete Beatmungsgeräte-Wettlauf

Beatmungsgerät von Dräger in einem Behandlungszimmer des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg

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Die Automobilbranche hat zu Zeiten der globalen Coronavirus-Pandemie ein neues, richtig heißes Thema. Nein, es sind nicht die temporären Werksschließungen, die unterbrochenen Lieferketten und die drastisch gesenkten globalen Absatzprognosen, gegen die Autobauer und Zulieferer ohnedies nur bedingt gegensteuern können.

Es ist die Frage, ob und wie Autohersteller mithelfen können, die Not in schwer gestressten Gesundheitssystemen zu lindern. Krankenhäuser benötigen zur Behandlung Covid-19-Kranker unter anderem dringend Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte. Medizintechnikfirmen wie Dräger, die professionelle Geräte herstellen, versinken in einer Flut an Anfragen. Produzenten von Atemschutzmasken sind ausverkauft und klagen darüber, dass der Markt mit minderwertigen Plagiaten überschwemmt wird.

Deutsche Autobauer wie Daimler und der Volkswagen-Konzern haben zunächst hunderttausende Atemschutzmasken aus Werksbeständen gespendet. Doch nun wollen und sollen sie auch mit ihren brachliegenden Kapazitäten aushelfen: Weltweit hat eine Art Wettlauf darum eingesetzt, welches Automobilunternehmen nun als erstes zehntausende Beatmungsgeräte oder Medizintechnik-Teile an Krankenhäuser liefern kann.

Die Frage, in welchem Umfang so etwas sinnvoll und technisch machbar ist, rückt dabei teils in den Hintergrund. US-Präsident Donald Trump brüllt auch in diesem Bereich am lautesten: Er hat ein Gesetz aus Zeiten des Korea-Krieg reaktiviert, dass den US-Autohersteller General Motors (GM) zum Bau solcher Geräte zwingen soll. Denn das Angebot, das GM gemeinsam mit dem Medizintechnik-Anbieter Ventec Life Systems vorlegte, war Trump schlicht zu teuer. Der US-Konkurrent Ford hat nun angekündigt, innerhalb von 100 Tagen 50.000 einfache Beatmungsgeräte für die Gesundheitssparte des US-Industrieriesen General Electric zu produzieren.

Im Video: Ford startet Beatmungsgeräte-Produktion

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In Großbritannien hat sich ein Konsortium aus 13 Unternehmen aus dem Flugzeugbau, der Autoindustrie und dem Medizintechniksektor zusammengetan, das laut Eigenangaben bereits eine "formelle Bestellung" über 10.000 Beatmungsgeräte erhalten haben will. Und die französische Opel-Mutter PSA kündigte heute an, gemeinsam mit französischen Industrieunternehmen 10.000 Beatmungsgeräte herstellen zu wollen. Ähnliche Schritte in Deutschland werden "aktuell geprüft", so ein Sprecher gegenüber manager magazin.

Was in all den schönen PR-Meldungen allerdings nicht zur Sprache kommt, ist, um welche Art von Beatmungsgeräten es sich handeln soll. Kein Wunder, denn Medizintechnikspezialisten bezweifeln längst, dass Autokonzerne ausgereifte Beatmungsgeräte in so kurzem Zeitraum entwickeln und zertifizieren lassen können.

Stefan Dräger, Chef des gleichnamigen Medizintechnikunternehmens, drückte es jüngst in einem Interview relativ klar aus: "Es bringt nichts, brachliegende Kapazitäten in der Fertigung jetzt für Beatmungshilfen einzusetzen". Er habe bereits mit dem Autobauer Daimler gesprochen, der ebenfalls helfen wolle. Doch das sei nicht so einfach, schließlich "können wir ja auch keine Autos bauen", meinte Dräger.

Zudem sei die Bedienung professioneller Beatmungsgeräte aus einem besonderen Grund anspruchsvoll: Wenn Patienten an solche Geräte angeschlossen werden, müssen Mitarbeiter erst einmal das Befinden des Menschen beurteilen und die Geräte entsprechend genau einstellen. Das erfordere "jahrelange Erfahrung", gab Dräger zu bedenken.

Das ist mitnichten typisch deutsche Skepsis oder der Hinweis eines Medizintechnikunternehmers auf die die eigene High-Tech-Kompetenz. Auch in Großbritannien gibt es längst ganz ähnliche Wortmeldungen. "Die harte Realität ist, dass dabei ein verdammt hoher Berg zu erklimmen ist", erklärte etwa der Chef eines britischen Medizintechnikunternehmens gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Wenn wir hören, dass Minister tausende solcher Geräte in ein paar Wochen zur Verfügung stellen wollen, können wir das einfach nicht glauben."

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Das dürfte auch der Grund dafür sein, warum deutsche Autokonzerne im großen Beatmungsgeräte-Produktionswettlauf nicht mit großen Ankündigungen mitmischen. Doch hinter den Kulissen tut sich längst einiges. Volkswagen wechselt nun von der Planung zur Tat: Ab sofort produzieren die werkseigenen 3D-Drucker eigene Halterungen für Gesichtsschilde. In die von VW gedruckten Halterungen fügen andere dann herkömmliche Kunststofffolien ein, um einen transparenten Gesamt-Gesichtsschutz zu erhalten. Das von VW mitproduzierte Produkt ähnelt dann einem Gesichtsvisier, wie es etwa beim Schweißen eingesetzt wird. Gegen Coronaviren dürfte das Teil aber nur einen sehr bedingten Schutz bringen.

Volkswagen beteiligt sich damit an einer transnationalen Initiative gemeinsam mit Airbus. Auch das 250 Unternehmen umfassende 3D-Druck-Netzwerk "Mobility goes Additive" ist an der Herstellung der Masken beteiligt. Die ersten von VW gedruckten Halterungen werden von Airbus in der kommenden Woche nach Spanien geflogen, wo der Mangel an Masken offenbar besonders groß ist. Wie hoch der Gesichtsvisier-Output sein soll, lässt sich der Pressemeldung nicht entnehmen. Gedruckt wird aber auf 50 VW-eigenen 3D-Druckern, insgesamt besitzt der Konzern 125 solcher Geräte.

Im Konzern koordiniert eine 30-köpfige Taskforce die Aktivitäten. Die Markentochter Skoda hat etwa ein Verfahren zum 3D-Druck wiederverwendbarer Atemschutzmasken mit der höchsten Filterstufe FFP3 entwickelt. Seat will mechanische Beatmungsgeräte und verschiedene Gesichtsmasken-Modelle fertigen, hat dafür aber noch keine amtliche Zulassung. Die Sportwagentochter Lamborghini wiederum baut ihre Fertigung zur Produktion chirurgischer Masen und Schutzschilder aus Plexiglas um.

Auch Daimler und BMW haben ihre Bereitschaft zu technischer Hilfe bekundet - und dürften nun wohl bald mit ähnlichen Vorhaben aus der Deckung kommen.

Und es auch in Deutschland Bestrebungen, die Produktionsmöglichkeiten mehrerer Branchen zu bündeln und dabei auch die deutsche Autobranche dabei einzubeziehen. Zwar lassen sich die hochautomatisierten Produktionslinien im deutschen Autobau nicht so einfach auf Medizintechnikprodukte umschwenken, erklärt Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE).

Ihre Gesellschaft erreichten aktuell aber "stündlich Anfragen" von Unternehmen, die in der aktuellen Krise mit ihrem Können helfen wollen, sagt sie.

Und das könne auch die Automobilindustrie tun. Denn es gebe etwa auch in der Montage Bereiche, in denen Autobauer flexibler und schneller auf andere Produkte umstellen könnten. Aktuell gebe es auch freie Ressourcen und Kapazitäten, die für die Produktion derzeit dringend benötigter Gerätschaften genützt werden könnten. Automobilunternehmen haben etwa gut ausgestattete Labore und hochqualifizierte Chemiker.

RWTH Aachen stellt 3D-Blaupausen für Beatmungsgeräte zur Verfügung

Zudem verfügt jeder große Autohersteller und Zulieferer über "Rapid-Center", also 3D-Drucker samt Mitarbeitern, die diese auch bedienen können. In den Druckern ließen sich nicht nur dringend benötigte Medizintechnik-Geräteteile drucken - sondern auch Werkzeuge, mit deren Hilfe sich etwa Teile für Gesichtsmasken schnell in großen Stückzahlen herstellen ließen.

Dabei machen sich sonst eher medizintechnik-ferne Unternehmen Gedanken darüber, was sie tun können. Die österreichische Firma Haidlmair etwa, ein Spezialist für Spritzgusswerkzeuge, arbeite nun an einem Werkzeug, mit dem sich zweiteilige Kunststoff-Gesichtsmasken schnell in großen Stückzahlen produzieren lassen sollen. Oder das Reifenhäuser-Technikum, das ad hoc seine Lieferzeiten für so genannte Meltblown-Anlagen verkürzt. Anlagen, auf denen sich eine Million Masken pro Tag fertigen lassen.

An der RWTH Aachen haben Forscher des Instituts für Regelungstechnik eine einfache Beatmungspumpe entwickelt, dessen wichtigste Bauteile sich im 3D-Drucker ausdrucken lassen. Die Druckanleitung samt Angaben zum dafür benötigten Granulat stellen die Forscher zur freien Verfügung, Damit könnten etwa Automobilunternehmen solche Geräte problemlos herstellen.

"Wenn man die Konstruktionspläne hat und weiß, aus welchem Granulat das jeweilige Teil hergestellt wird, kann man davon hunderte Teile pro Tag produzieren", so Dirzus. Das gelte etwa auch für Teile wie Atemschläuche oder Mundstücke für Beatmungsgeräte, die in den Kliniken nun ebenfalls knapp werden.

Allerdings, so lässt sie durchblicken, funktioniert die Koordination zwischen den einzelnen Unternehmen noch nicht gut. Sie selbst leitet die Anfragen an den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) weiter. Der VDMA bündelt derzeit unabhängig von der Produktionsart jene Unternehmen, die in der aktuellen Krise Unterstützung anbieten können. Firmen können dort auf einer Website ein kurzes Formular ausfüllen , um aufzuzeigen, welche Fähigkeiten und Kapazitäten sie zur Verfügung stellen können.

Noch krankt es kräftig an der innerdeutschen Koordination

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Coronavirus: Mundschutzproduktion bei Eterna

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Findige Köpfe versuchen auch, bereits vorhandene Gerätschaften zu einfachen Beatmungsgeräten umzufunktionieren. So entwickelte ein 30 Köpfe starkes Team von Physikern und Informatikern der Uni Marburg und des dortigen Universitätsklinikums zwei Beatmungsgeräte-Typen, die allerdings noch nicht zugelassen sind: Einer Forschergruppe gelange es, Schlafapnoe-Geräte zu einfachen Beatmungsgeräten umzufunktionieren. Diese Geräte könnten etwa nach der Akutphase der Covid-19-Lungenkrankheit zum Einsatz kommen.

Der zweite Ansatz der Uni-Forscher sind so genannte Beatmungs-Beutel, die von einer einfachen Maschine regelmäßig zusammengedrückt werden. Sie könnten auch in ärmeren Ländern gut eingesetzt werden.

In Italien werden bereits 3D-gedruckte Ventile für Beatmungsmasken hergestellt. Italienische Forscher haben zudem einen Weg gefunden, Tauchermasken zu improvisierten Beatmungsgeräten umzubauen.

Um schnelle Lösungen zu finden, rufen in Deutschland die Frauenhofer-Gesellschaft gemeinsam mit dem Rückversicherer Munich Re zu einem Ideenwettbewerb auf . Sie suchen nach Enwürfen und Konzepten für Beatmungsgeräte und notwendiges Zubehör. Die Gewinner erhalten ein Realisierungsbudget von mindestens 600.000 Euro, außerdem werden auf die Gewinner-Teams insgesamt 400.000 Euro als Preisgeld verteilt.

Wird die Autobranche mittelfristig zum Medizintechnik-Teilelieferanten?

Was aber in Deutschland noch fehlt, ist eine Art "Kontaktbörse" zur Koordination, welches Unternehmen was liefern könnte. Aktuell arbeite der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) genau daran, heißt es in der Branche. Doch ein eigenes Projektbüro oder ein eigenes Projektteam, das sich nur darauf konzentriert, soll es aktuell noch nicht geben. Dirzus hofft darauf, dass es in Zukunft eine elektronische Plattform gibt, "die solche Teile makelt". Und auch ein 3D-Druckexperte des VDMA fordert im Interview mit manager magazin eine bessere Krisen-Koordination aller Beteiligten.

Jedoch, so gibt Dirzus noch bedenken, dürften die im Schnellverfahren von der Autoindustrie gefertigten Teile kaum den in der Medizintechnik üblichen strengen Zertifizierungen genügen. Denn allein die interne Qualitätsprüfung komplexer Bauteile kann schnell mal ein dreiviertel Jahr dauern. Um Klarheit zu schaffen, stellt DIN im Rahmen einer Initiative von CEN und CENELEC und der EU-Kommission Normen für medizinische Ausrüstung im Kampf gegen COVID-19 kostenlos über ihre Webseite zur Verfügung.

Die Medizintechnikunternehmen müssten keine Angst haben, dass ihnen die Automobilbranche nun bald Konkurrenz bei Beatmungsgeräten macht, sagt Dirzus.

Als Teilelieferanten könnten die Autobauer und Zulieferer aber auch längerfristig in Betracht kommen, meint etwa McKinsey-Berater Knut Alicke in einer Videokonferenz. Er gehe nicht davon aus, dass die Autohersteller nach Ende der Corona-Krise ihre Werke wieder zu 100 Prozent auslasten können. "Es gibt dann noch überflüssige Kapazitäten, die sich zum Teil damit füllen lassen", meint er.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die deutsche Koordination zur Medizinteileproduktion dann weniger hemdsärmelig, also schlicht professioneller, läuft.

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