Kurseinbruch Continental mit Milliardenverlust - Sparprogramm verschärft

Zulieferer Continental hat 2019 den weltweiten Abschwung in der Autoindustrie zu spüren bekommen

Zulieferer Continental hat 2019 den weltweiten Abschwung in der Autoindustrie zu spüren bekommen

Foto: Hauke-Christian Dittrich / DPA

Hohe Abschreibungen und Kosten für den Umbau haben den Autozulieferer Continental  tief in die Verlustzone gedrückt. Der Nettoverlust türmte sich im abgelaufenen Jahr auf 1,2 Milliarden Euro - das schlechteste Ergebnis seit zehn Jahren, teilte der Dax-Konzern aus Hannover am Donnerstag mit. Neben dem "stark rückläufigen Marktumfeld" im laufenden Geschäft waren die schon bekannte Wertberichtigung früherer Übernahmen ein Grund für die roten Zahlen, hieß es in einer Mitteilung. Im Vorjahr hatte ein Konzerngewinn von 2,9 Milliarden Euro zu Buche gestanden.

Der Umsatz kletterte 2019 marginal auf 44,5 Milliarden Euro und lag damit in der im Juli gesenkten Prognosespanne. Trotz der tiefroten Zahlen will Conti den Anteilseignern, darunter als größte die Familieneigner des fränkischen Zulieferers Schaeffler, vier Euro Dividende je Aktie zahlen. Für das Jahr davor waren 4,75 Euro je Anteilsschein ausgeschüttet worden.

Auch operativ schrieb Conti rote Zahlen: Der Betriebsverlust lag bei 268 Millionen Euro nach einem Gewinn von vier Milliarden im Vorjahr. Bereinigt um Sondereffekte wies der Konzern einen Betriebsgewinn von 3,2 Milliarden Euro aus, ein Fünftel weniger als im Vorjahr. Die operative Rendite schrumpfte auf 7,4 (Vorjahr 9,3) Prozent. Die Aktien rutschte am Donnerstag im frühen Handel auf das tiefste Niveau seit Mai 2013 ab. Die Aktie verlor zwischenzeitlich um rund 12 Prozent.

JPMorgan beließ Continental auf "Underweight" mit einem Kursziel von 119 Euro. Die finalen Resultate des Autozulieferers und Reifenherstellers hätten den Konsensschätzungen entsprochen, schrieb Analyst Jose Asumendi in einer Ersteinschätzung. Auch der trübe Ausblick auf das laufende erste Quartal wegen des neuartigen Coronavirus sei wie von ihm erwartet ausgefallen.

Sparprogramm wird verschärft

"Die Unsicherheit in den für uns relevanten Industrien wächst zusehends. Eine erhoffte konjunkturelle Erholung wird sich weiter verzögern", sagte Konzernchef Elmar Degenhart am Donnerstag bei der Präsentation der Bilanz für das vergangene Jahr. Daher prüfe das Management nun, wie man über das bereits laufende Strukturprogramm hinaus mit zusätzlichen Maßnahmen reagieren könne.

Konzernchef Elmar Degenhart: "Unsicherheit (...) wächst zusehends"

Konzernchef Elmar Degenhart: "Unsicherheit (...) wächst zusehends"

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Im laufenden Jahr erwarten die Niedersachsen keine Erholung des wirtschaftlichen Umfelds. Das wirtschaftliche Umfeld werde 2020 herausfordernd bleiben, sagte Finanzvorstand Wolfgang Schäfer. Dazu zählte er neben Produktionsrückgängen, Turbulenzen durch die Coronavirus-Epidemie, Handelskonflikten und den schärferen Abgasvorschriften in Europa auch die sich rasant entwickelnde Digitalisierung. Die globale Produktion von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen werde voraussichtlich um 2 bis 5 Prozent sinken. Darin seien die bis zum heutigen Tag erfassten Auswirkungen durch das Coronavirus berücksichtigt.


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Wegen der Unsicherheit rechnet der weltweit drittgrößte Autozulieferer in diesem Jahr bestenfalls mit einem stabilen Konzernumsatz von 44,5 Milliarden Euro, hält aber auch einen Rückgang auf 42,5 Milliarden Euro für möglich. Bei der bereinigten operativen Rendite nimmt sich das Management eine Spanne zwischen 5,5 und 6,5 Prozent vor. Im abgelaufenen Jahr war die Marge auf 7,4 (9,3) Prozent geschrumpft. Hohe Abschreibungen und Kosten für den Umbau sorgten 2019 für einen Nettoverlust von 1,2 Milliarden Euro - das schlechteste Ergebnis seit zehn Jahren, wie ein Sprecher sagte. Im Vorjahr hatte ein Konzerngewinn von 2,9 Milliarden Euro zu Buche gestanden.

Hohe Abschreibungen - radikaler Umbau

Conti hatte im Herbst milliardenschwere Sonderbelastungen angekündigt, von denen der größte Teil auf Wertberichtigungen auf das Geschäft mit Innenausstattungen von Autos entfällt. Hinzu kamen Kosten für Restrukturierungen, mit denen sich der Konzern gegen die Autokrise stemmt und zugleich stärker auf die Digitalisierung und die Elektromobilität ausrichtet. Conti hat einen radikalen Umbau angekündigt, von dem bis 2029 bis zu 20.000 Arbeitnehmer weltweit betroffen sein werden.

Der Konzernumbau bei Continental sieht die Erweiterung neuer Geschäftsbereiche bei gleichzeitigen Kürzungen in alten Sparten vor. Etwa 1000 Stellen seien bereits abgebaut worden. Diese Zahl sei in der Summe von 1768 enthalten, um die die Beschäftigtenzahl bei dem Autokonzern bis Ende 2019 im Vergleich zum Vorjahr zurückging, sagte Vorstandschef Elmar Degenhart am Donnerstag. "Etwa 1000 Mitarbeiter sind von den Programmen bereits betroffen", sagte der Manager. Mit dem Projekt "Transformation 2019-2029" baut sich das Unternehmen grundlegend um. Der Schwerpunkt liegt auf Sensorik, Elektronik und Software, klassische Felder wie Hydraulik werden heruntergefahren.

"Im Extremfall können wir auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen", bekräftigte Degenhart. "Das gilt auch für die Erweiterungsrunde des Maßnahmenkatalogs." Er stellte klar, dies sei jedoch "die letzte drastische Maßnahme, die vorstellbar ist". Conti sehe sich derzeit jeden einzelnen Standort an und bewerte dessen individuelle Situation und Wettbewerbsfähigkeit. Manche Werke sollen bisherigen Planungen zufolge geschlossen werden, einige werden umgebaut, anderswo entstehen durch Zukunftsbereiche neue Jobs.

Zu den laufenden Verhandlungen mit den örtlichen Betriebsräten wollte Degenhart keine Details nennen. "Wir machen gute Fortschritte und sind in konstruktiven Gesprächen. Und wir versuchen, verträgliche Vereinbarungen zu finden, den Mitarbeitern wo immer möglich Alternativen zu bieten." An einem Programm zur Weiterqualifikation nähmen inzwischen mehr als 100 Kollegen teil. "Wir möchten es ausdehnen in Richtung 1000 Mitarbeiter", sagte der Conti-Chef. "Wir ziehen an allen Fäden, die sich uns bieten."

Continental hält derweil an der Abspaltung der Antriebssparte Vitesco Technologies fest. Es gebe keinen Anlass, das Vorhaben zu überdenken, sagte Degenhart. Die Sparte soll an die eigenen Aktionäre verschenkt werden und nicht - wie zunächst geplant - an die Börse gehen.

Mit der Abspaltung reagiert der Konzern auf die Branchenkrise, von der Vitesco-Kunden wie Daimler , Audi , Renault  und Peugeot  mit der Tochter Opel betroffen sind. Allein könne sich Vitesco besser auf die Zukunft ausrichten, lautet die Begründung. Die ertragsschwache Sparte macht mehr als 90 Prozent ihrer Umsätze mit Komponenten für Verbrennungsmotoren, weniger als 10 Prozent der Jahreserlöse von zuletzt rund 7,7 Milliarden Euro stammen aus dem Geschäft mit Teilen für Elektroantriebe.

rtr/dpa/akn