Werksschließungen verschoben Conti-Chef Setzer lenkt auch in Aachen ein

Erst Babenhausen, dann Karben und nun Aachen: Der neue Continental-Chef Nikolai Setzer zeigt sich bei den Werksschließungen kompromissbereit.
Hohe Abfindungen und umfangreiche Qualifizierungsmaßnahmen: Conti-Chef Nikolai Setzer hat sich mit den Arbeitnehmern auf einen Sozialplan für Aachen geeinigt

Hohe Abfindungen und umfangreiche Qualifizierungsmaßnahmen: Conti-Chef Nikolai Setzer hat sich mit den Arbeitnehmern auf einen Sozialplan für Aachen geeinigt

Foto: Peter Steffen / dpa

Das Aus für das Reifenwerk von Continental in Aachen wird um ein Jahr verschoben. Darauf haben sich die Konzernführung um den neuen Vorstandschef Nikolai Setzer (50) und die Arbeitnehmervertreter nach langwierigen Verhandlungen geeinigt, wie beide Seiten am Dienstag mitteilten. Statt bis Ende 2021 soll die Produktion jetzt bis Ende 2022 auslaufen. Die Zahl der Beschäftigten soll dabei schrittweise von zuletzt 1200 auf bis 500 reduziert werden. Laut IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) werde auf betriebsbedingte Kündigungen "wo immer möglich verzichtet".

Im Jahr 2023 sollen noch bis zu 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Reifenwerk beschäftigt bleiben, um die endgültige Schließung der Produktionsanlage vorzubereiten. Das Auslaufen der Produktion werde von einer umfassenden Qualifizierungsoffensive und einer Transfergesellschaft begleitet, teilte Continental mit. Ziel sei es, möglich vielen Beschäftigten zu einem neuen Arbeitsplatz zu verhelfen.

Der vereinbarte Sozialplan sehe zudem umfangreiche Abfindungen für Beschäftigte vor, hieß es vonseiten der Gewerkschaft. In Einzelfällen werde bis zu 200.000 Euro gezahlt. Es sei gelungen, die Folgen der Werksschließung für die Beschäftigten "erträglich zu halten", sagte Francesco Grioli vom Hauptvorstand der IG BCE. Mit der Verschiebung der Werkschließung habe man zudem mehr Zeit gewonnen, um Konzepte für eine weitere industrielle Nutzung des Werksgeländes zu entwickeln.

Auch Werk in Karben wird später geschlossen

Der zweitgrößte deutsche Autozulieferer hatte im September einen Umbauplan mit Werksschließungen und einem Abbau von rund 30.000 der insgesamt 234.000 Stellen angekündigt. In Deutschland sollten davon 13.000 Arbeitsplätze betroffen seien. Das Aus für das Reifenwerk in Aachen, das damals noch 1800 Mitarbeiter zählte, lösten heftige Proteste aus. Der aus Aachen stammende Ministerpräsident und CDU-Parteichef Armin Laschet (60) hatte bei einer Protestkundgebung gesagt, das Vorgehen von Continental sei "kalter Kapitalismus". Jetzt zeigte er sich zufrieden. "Ministerpräsident Armin Laschet begrüßt ausdrücklich die Vereinbarung zum Conti-Standort Aachen", teilte ein Regierungssprecher mit. Die Vereinbarungen mit der Arbeitnehmerseite stünden "exemplarisch für die in Nordrhein-Westfalen zentrale Sozialpartnerschaft".

"Die Einstellung der Reifenproduktion in Aachen ist schmerzvoll", sagte Continental-Personalvorständin Ariane Reinhart (51). Aufgrund der großen Überkapazitäten im europäischen Reifenmarkt sei sie aber unumgänglich, betonte Continental. Das Aachener Reifenwerk sei der kleinste und kostenintensivste Standort im gesamten europäischen Produktionsnetz des Unternehmens. Die Gewerkschaft sieht in der Schließung dagegen einen ökonomischen und sozialen "Fehltritt".

Auch für das Conti-Werk in Karben erreichte die IG Metall in der vergangenen Woche eine Gnadenfrist. Nach Warnstreiks und langwierigen Verhandlungen haben sich die Gewerkschaft und das Unternehmen in einem Sozialtarifvertrag darauf geeinigt, die Produktion erst zum Jahresende 2025 auslaufen zu lassen. Zum ursprünglich geplanten Schließungsdatum am Jahresende 2023 sollen nun noch mindestens 150 Menschen im Werk beschäftigt sein.

Bereits im Januar hatte Nikolai Setzer die Schließung des hessischen Werks in Babenhausen um drei Jahre verschoben. Der im November angetretene Vorstandschef hatte von seinem Vorgänger Elmar Degenhart (61) einen harten Sanierungskurs übernommen. Setzer gilt selbst als harter Manager, wurde aber auch mit Unterstützung der Gewerkschaften berufen.

mg/dpa-afx, Reuters