Samstag, 18. Januar 2020

CO2-Flottenausstoß zuletzt gestiegen Autobauer steuern stramm auf CO2-Milliardenstrafen zu

Bundesstraße in der Morgendämmerung
DPA/Julian Stratenschulte
Bundesstraße in der Morgendämmerung

Für die Autobranche markiert das Jahr 2020 eine Zeitenwende - vor allem bei der Gesetzgebung. Denn ab 2021 gelten strengere EU- Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Neuwagen. Im Schnitt darf dann die Neuwagenflotte jedes Herstellers in Europa nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft pusten. Ansonsten drohen Strafzahlungen von 95 Euro je zusätzlichem Gramm und Fahrzeug.

Und das könnte für die Autobranche bald zur Milliardenbelastung werden, warnt die Unternehmensberatung PA Consulting in einer neuen Studie. Wenn die 13 führenden Autohersteller in Europa so weitermachen wie zuletzt, müssen sie mit Strafzahlungen in Höhe von zusammen 14,5 Milliarden Euro rechnen - und zwar ab dem kommendem Jahr.

Bereits seit Jahren untersucht PA Consulting detailliert, welche Fortschritte die einzelnen Hersteller bei der Senkung der CO2-Emissionen ihrer Flotten machen. Zuletzt, so warnt PA Consulting nun, machten die Hersteller allerdings Rückschritte: Quer durch die Bank hat sich der CO2-Flottenausstoß aller Hersteller erhöht. Schuld daran ist die gestiegene Nachfrage nach PS-starken Autos und schweren SUVs, während der Diesel-Anteil bei Neuwagen abnahm und richtig CO2-arme Plugin-Hybride oder reine Batterie-Elektroautos noch kaum am Markt verfügbar waren.

Wenn es so weitergeht wie bisher, werden sämtliche von PA untersuchten 13 Hersteller ihre von der EU vorgegebenen CO2-Senkungsziele verfehlen und Strafe zahlen müssen. "Frühere Top-Performer wie Renault-Nissan-Mitsubishi und Volvo dürften nun Probleme bekommen", so PA Consulting. "Selbst Toyota, der Marktführer bei Hybridfahrzeugen, dürfte sein Ziel knapp verfehlen."

VW-Konzern droht die höchste Strafe

Die höchste absolute Strafe droht laut PA Consulting dem Volkswagen-Konzern, wenn dieser nun nicht sehr schnell umsteuert: Auf 4,5 Milliarden Euro jährlich taxiert die Unternehmensberatung mögliche Strafzahlungen. Dabei dürfte VW laut PA-Prognose sein CO2-Flottenziel um durchschnittlich 12,7 Gramm pro Fahrzeug verfehlen. Andere sind noch weiter vom Zielwert entfernt, doch Volkswagen verkauft mit Abstand die meisten Fahrzeuge aller betrachteten Hersteller in Europa.

Der Fiat-Chrysler-Konzern dürfte um 27 Gramm je Fahrzeug über seinem CO2-Flottengrenzwertziel liegen, prognostiziert PA Consulting - und deshalb auf eine Strafzahlung von 2,4 Milliarden Euro zusteuern. Um diese zu vermeiden, hat FCA bereits vorgesorgt und ist mit dem Elektroautohersteller Teslaeine Art CO2-Ablasshandel eingegangen. Dieses Flottenpooling ist legal, gut fürs Image ist es aber nicht. Weit von ihren europäischen CO2-Zielen entfernt sind auch Mazda (28,7 Gramm oberhalb des Grenzwerts) und Honda (25,2 Gramm). Wegen ihres geringen Marktanteils kommen sie aber auf vergleichsweise moderate absolute Strafhöhen.

Auf Strafzahlungen in Milliardenhöhe fahren auch weitere bekannte Automarken zu: Ford etwa liegt aktuell noch 16,2 Gramm oberhalb seines CO2-Flottenzielwerts und könnte deshalb 1,5 Milliarden Euro Strafe zahlen. Daimler ist 11 Gramm von seinem CO2-Ziel entfernt, was mit 997 Millionen Euro zu Buche schlagen könnte. Und BMW dürfte um 7,6 Gramm vom CO2-Ziel abweichen, was Strafzahlungen von 754 Millionen Euro nach sich ziehen würde.

Konzernen bleibt nur wenig Zeit - doch sie können noch gegensteuern

Der Konjunktiv ist in diesem Fall ganz bewusst gesetzt. Denn noch ist die Studie nicht mehr als eine Prognose - und kein Fakt. Zudem basieren die von PA Consulting nun veröffentlichten CO2-Zahlen noch auf dem Gesamtjahr 2018. Da im vergangenen Jahr die Zulassungen von Elektroautos in Europa deutlich gestiegen sind, dürften auch die CO2-Flottenziele bei zahlreichen Herstellern gesunken sein.

Und auch PA Consulting selbst räumt ein, dass die Hersteller noch viele Möglichkeiten haben, um in diesem Jahr Emissionen zu reduzieren und damit drohende Strafzahlungen zu verkleinern. So könnten sie etwa ordentliche Rabatte für Elektro- und Plugin-Hybridantriebe geben und damit deutlich mehr solcher Nullemissionsfahrzeuge in den Markt drücken. Sie können mit anderen Herstellern fusionieren, wie esFCA und PSA gerade vorhaben. Oder sie entwickeln offene Elektroauto-Plattformen, wie es der Volkswagen-Konzern nun getan hat, die sie mit anderen Herstellern teilen können, und mit deren Hilfe sie durch höhere Stückzahlen schnell die Kosten senken können.

Volkswagen-Chef Herbert Diess etwa räumt ein, dass für seinen Konzern 2020 "das Jahr der Wahrheit" sei bei der Senkung der CO2-Emissionen in der Neuwagenflotte. Die Differenz zum Grenzwert wolle Volkswagen binnen zwei Jahren ausschließlich mit E-Autos und Plug-In-Hybriden schließen. Dafür sei entscheidend, dass der rein batteriegetriebene ID.3 ein Erfolg werde.

Allerdings bleibt den Herstellern dafür nicht viel Zeit. "Sie müssen diese Maßnahmen im Jahr 2020 ergreifen", warnt PA Consulting. Dass VWs Elektroauto ID.3 in diesem Jahr startet, der Porsche Taycan lossprintet, Mercedes seinen E-SUV EQC in größeren Stückzahlen ausliefert und Peugeot, Citroen und Opel plötzlich zahlreiche Modelle mit Hybridmotor offerieren - all das ist jedenfalls kein Zufall.

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