Chinas Staats-TV warnt vor Autoreparatur-Abzocke Chinesisches Fernsehen führt VW und Mercedes vor

Nicht ganz so sauber wie ein Messefahrzeug: Chinas Staatssender CCTV wirft VW vor, in Vertragswerkstätten zu viel Geld für Routinereparaturen zu nehmen. Die TV-Attacken haben auch politische Gründe

Nicht ganz so sauber wie ein Messefahrzeug: Chinas Staatssender CCTV wirft VW vor, in Vertragswerkstätten zu viel Geld für Routinereparaturen zu nehmen. Die TV-Attacken haben auch politische Gründe

Foto: Friso Gentsch/ dpa

In seiner jährlichen Konsumentenschutz-Sondersendung beschuldigt Chinas staatlicher TV-Sender CCTV diesmal Volkswagen und Mercedes der Abzocke bei Routinereparaturen. Doch die Hersteller ducken sich lieber, statt sich zur Wehr zu setzen. Denn Chinas Behörden gehen ausländische Autobauer härter an als je zuvor - und jedes falsche Wort könnte die offenbar paradiesischen Gewinnspannen drücken.

Den 15. März haben sich Manager ausländischer Marken in China wohl längst rot im Kalender angestrichen. Am weltweiten Tag des Konsumentenschutzes bringt Chinas Staatsfernsehen CCTV jedes Jahr eine Sondersendung, die es in sich hat: Denn die Macher der "315 Gala" genannten TV-Sendung stellen Unternehmen wegen Qualitätsmängeln, schlechtem Service oder überhöhter Preise bloß.

Diesmal ging 315 Gala mit der Autobranche hart ins Gericht. Den Automarken Nissan, Volkswagen und Mercedes-Benz warf die Sendung vor, in ihren chinesischen Vertragswerkstätten zu viel Geld für Routinereparaturen zu verlangen. In mehr als 70 Prozent aller Fälle haben Werkstätten-Mechaniker Undercover-Reportern der Sendung den kostspieligen Austausch von Motorteilen vorgeschlagen, behauptet CCTV - obwohl der simple Austausch eines Schaltkreises genügt hätte.

Auf den ersten Blick ist das also ein ganz klassischer Fall des Konsumentenschutzes - mit einer wichtigen Einschränkung: Solche Fälle laufen in China nicht nach westlichen Maßstäben ab. Denn die in der Sendung aufgedeckten Probleme führten in der Vergangenheit sehr schnell zu Regierungsmaßnahmen. Das macht die Gala in China auch entsprechend populär. Die öffentliche Diskussion über die von der Sendung aufgedeckten Mängel ist meist entsprechend hitzig - und damit schlecht fürs Image.

VW lernte seine Lektion auf die teure Tour

Wie unangenehm und teuer eine solche Berichterstattung werden kann, hat Volkswagen vor zwei Jahren erfahren. Damals berichtete "315 Gala" über Probleme und den schlechten Kundendienst beim freiwilligen Austausch von VWs Doppelkupplungsgetriebe. Postwendend forderte Chinas Behörde für Produktqualität einen Rückruf der Fahrzeuge - und diesem Wunsch erfüllte VW umgehend: 384.000 Fahrzeuge beorderten die Wolfsburger in ihre chinesischen Werkstätten, der Rückruf soll eine dreistellige Millionensumme gekostet haben.

Diesmal reagierte VW sofort: Man habe die CCTV-Berichterstattung über die drei VW-Händler in Shanghai genau verfolgt, erklärte Volkswagen laut einem Bericht der Financial Times. "Wir entschuldigen uns in aller Form für jegliche Unannehmlichkeiten, die unseren Kunden dadurch entstanden ist". Mercedes konnte den Bericht gegenüber der FT nicht sofort kommentieren, bei Nissan war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Auffällig an der Sendung war die Tatsache, dass die Sendung keinen einzigen chinesischen Autohersteller ins Visier nahm - ein Zufall, der nicht zum ersten Mal passierte. Denn auch in den vergangenen Jahren standen hauptsächlich Verfehlungen ausländischer Hersteller im Fokus der Sendung.

Chinas Behörden erhöhen den Druck auf ausländische Autohersteller

Völlig aus der Luft gegriffen sind die Vorwürfe gegen die Autobranche nicht. Denn im größten Automarkt der Welt haben VW & Co lange Zeit traumhafte Margen abseits des Neuwagenverkaufs eingefahren. Kenner des chinesischen Marktes meinen, dass ausländische Autohersteller rund zehn Prozent ihrer Gewinne in China mit Ersatzteilen machen. Bei freien Werkstätten in China sind Original-Ersatzteile oft nur halb so teuer wie im Händlernetz der Hersteller. In Europa beträgt die Preisdifferenz nur 20 Prozent.

Dagegen sind Chinas Behörden zuletzt ziemlich aktiv vorgegangen. Die Kartellbehörde NDRC hat unter anderem Büros von Daimler in Shanghai durchsucht. Audi hat eine vergleichsweise geringe Strafe über 30 Millionen Euro für angebliche Preisabsprachen von Händlern bei Ersatzeilen und Wartung bezahlt. Vier BMW-Händler zahlten im August 2014 200.000 Euro wegen illegaler Preisübereinkünfte.

Um die Behörden zu besänftigen, haben fast alle großen ausländischen Autohersteller im vergangenen Jahrihre Ersatzteilpreise gesenkt - und betont, wie sehr ihnen die Kooperation mit chinesischen Regulierungsbehörden am Herzen liegt. Viel genutzt haben die Zugeständnisse bisher nicht. Seit Anfang des Jahres gelten neue Regeln für das Reparaturgeschäft und den Zubehörmarkt in China. Künftig dürfen Händler auch ohne Lizenz eines Herstellers Autos verkaufen, die aus anderen Ländern importiert wurden.

Der Erfolg ausländischer Automarken gefährdet lokale Autoindustrie

Offiziell soll diese Regelung den Wettbewerb auf dem Automarkt ankurbeln - doch natürlich geht es dabei auch um die Senkung der Autopreise ausländischer Hersteller, die in China höher ausfallen als anderswo. Die neuen Regelungen erschweren den ausländischen Herstellern das große Geschäft. Denn für sie wird die Behörden-Regulierung zum Risiko. Neue Regeln werden oft nur mit wenigen Wochen Vorlauffrist eingeführt. Alte Kartellregeln werden anders als früher plötzlich angewendet - und ihre Einhaltung vor allem bei ausländischen Automarken überprüft.

Kenner des Landes erklären, dass die Regierung so wohl die Entwicklungsmöglichkeiten ausländischer Autohersteller einschränken will. Denn die drängen chinesische Automarken immer weiter an den Rand. Im ersten Halbjahr 2014 stammten nicht einmal vier von zehn in China verkauften Neuwagen von lokalen Automarken, berichtete das Wall Street Journal vor einigen Monaten.

Mit ihren schärferen Regelungen will die chinesische Führung lokale Anbieter langfristig so weit stärken, dass sie mit ausländischen Herstellern mithalten können. Wehklagen wegen unfairer Behandlung ist von Volkswagen, Mercedes & Co. bislang nicht zu vernehmen. Gegen die verhängten Kartellstrafen hat kein Hersteller protestiert, auf die Vorwürfe der Konsumentenschützer setzt es erstmal Entschuldigungen. Denn Ärger und Rechtsstreitigkeiten riskiert keiner der ausländischen Hersteller - dafür ist der chinesische Markt wohl zu wichtig.

Deutschen Politikern haben die Topmanager aber offenbar schon ihr Leid geklagt. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel springt nun all jenen deutschen Geschäftsleuten bei, die sich in China benachteiligt fühlen. Bei der Eröffnung der Computermesse CEBIT forderte Merkel vom diesjährigen Partnerland China auch fairen Wettbewerb ein. "Unternehmen und Investoren haben ein natürliches Interesse daran, dass sie wissen, in welchen Rahmenbedingungen sie arbeiten: Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Gleichbehandlung der verschiedenen Unternehmen in unseren Ländern", sagte die CDU-Politikerin gestern. Die Automanager dürften diese Worte mit Wohlwollen vernommen haben.

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