Neue Mobilität Diese Carsharing-Dienste sollten Sie kennen

Carsharing lässt sich kaum profitabel betreiben, und doch wächst die Zahl der Anbieter in Deutschland weiter. Das sind die wichtigsten Player im Markt, und so sind sie zu nutzen.
Schwieriges Geschäft: Volkswagen zeigt Zweifel an der Perspektive von Carsharing-Diensten wie seinem eigenen "We Share"

Schwieriges Geschäft: Volkswagen zeigt Zweifel an der Perspektive von Carsharing-Diensten wie seinem eigenen "We Share"

Foto: Gerald Matzka/ dpa

Für Herbert Diess (62) ist die Logik hinter Carsharing klar: "Heute ist das Auto eines der am geringsten genutzten Wirtschaftsgüter", sagte der Volkswagen-Chef jüngst in einem auf LinkedIn geteilten Interview . "Eine Stunde pro Tag für eine relativ teure Investition, das ist einfach zu wenig." Das Auto unter mehreren Nutzern zu teilen, könne die Bilanz verbessern - nur nicht unbedingt für die Anbieter: Carsharing sei "ganz schwierig profitabel zu bekommen, weil die Nutzung einfach gering ist, auch die Preisbereitschaft der Kunden niedrig ist".

Ein Geschäftsmodell für die neue, vernetzte Mobilitätswelt brauche ein Bündel aus mehreren Diensten. Daher auch Volkswagens Einstieg bei Europcar, denn die beste Ausgangsposition hätten die Autovermieter und "eben nicht die Carsharing-Aktivitäten".

Und doch investiert auch Volkswagen weiter in dieses Geschäft. Die Zahl der Anbieter, laut Bundesverband Carsharing zuletzt 228 in Deutschland, wächst sogar weiter. In dieser Woche verkündete das Unternehmen Goto Global aus Israel, den Berliner Elektrorolleranbieter Emmy zu übernehmen und ab Anfang 2022 in Richtung eines "Netflix der Mobilität" auszubauen, das mit einer App große und kleine Elektroroller, E-Bikes und eben auch Autos anbietet. Die eine App für alles - das ist für Sharing-Nutzer heute noch eine ferne Vision, auch wenn manche Angebote bereits auf Plattformen anderer Firmen wie Moovit, Free Now oder den lokalen Verkehrsverbünden wie dem Hamburger HVV integriert sind. Wildwuchs prägt das Bild des Marktes, trotz erster Schritte zur Konsolidierung. Hier die wichtigsten Carsharing-Anbieter im Überblick:

Share Now

Das ist besonders: In den Innenstadtbezirken der Metropolen sind die Autos des nach eigenen Angaben "ältesten und bedeutendsten Carsharing-Anbieters auf dem Markt" meist schnell zu finden. Zumindest gilt der Führungsanspruch für das Freefloat-Modell, in dem die 3,2 Millionen Kunden eines der gut 11.000 Autos abholen und abstellen können, wo es ihnen passt (mit einigen Einschränkungen). Als Pionier dieses Modells gilt das 2008 gegründete Car2go, das sich Anfang 2020 mit dem einige Jahre später gestarteten DriveNow zu Share Now zusammenschloss.

So funktioniert es: Die Anmeldung ist gratis, in der Regel wird minutengenau abgerechnet: ab 9 Cent pro Minute für Smart Fortwo oder Fiat 500, ab 34 Cent für BMW X1 oder 2er Cabrio. Es gibt auch Stunden- und Tagestarife oder Monatsabos für Vielfahrer. In einigen Städten lassen sich die Fahrzeuge auch über den Fahrtenvermittler Free Now (ehemals Mytaxi) buchen, inzwischen werden auch die Mietwagen von Mercedes-Benz Rent in die Share-Now-App integriert.

Da gibt es das: Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf und neun weitere europäische Städte

Wer dahinter steht: Daimler (ehemals Car2go) und BMW (ehemals Share Now) teilen sich das Risiko. Sie mussten jedoch hohe Werte aus der Wachstumsphase abschreiben, und dann schlug zum Start des gemeinsamen Angebots die Corona-Krise zu. Share-Now-Chef Olivier Reppert meldet nun starkes Wachstum und verbreitet Hoffnung, dass in den kommenden Monaten "das Vorkrisenniveau erreicht" werde. Die von vielen Städten geforderte Umstellung auf rein elektrische Flotten (bisher gut ein Viertel) gilt als Finanzrisiko. Die Toleranz der Konzerne gegenüber den laufenden Verlusten nimmt aber ab. Betriebsräte fordern schon eine Trennung vom Carsharing. Daimler-Finanzchef Harald Wilhelm signalisiert, die Plattform müsse profitabel werden, alleine klarkommen "und wir sind offen für Partnerschaften".

We Share

Das ist besonders: Der erst im Sommer 2019 gestartete kleinere Wettbewerber (gut 150.000 registrierte Kunden, aber immerhin 2300 Fahrzeuge) ist rein elektrisch unterwegs. Die Flotte besteht ausschließlich aus VW E-Golf, die derzeit ausgemustert werden, VW ID.3 und neuerdings auch VW ID.4. We Share verspricht 100 Prozent Ökostrom.

So funktioniert es: Ähnlich wie Share Now, doch mit Minutenpreisen von 29 oder 34 Cent plus ein Euro pro Fahrt. Es gibt auch einen Tarif mit monatlicher Grundgebühr von 9,90 und dafür günstigeren Minutenpreisen.

Da gibt es das: Berlin und Hamburg. Von der ursprünglich für 2020 angekündigten Expansion in "große Metropolen in Europa, Nordamerika und Asien" ist bislang nichts zu sehen.

Wer dahinter steht: Das Unternehmen gehört dem Volkswagen-Konzern über die Berliner Tochter Urban Mobility International, die noch weitere Mobilitätsdienste vereinen soll.

Miles

Das ist besonders: Das 2016 gegründete Berliner Start-up nennt sich "der größte konzernunabhängige Carsharing-Anbieter in Deutschland" mit mehr als 4000 Fahrzeugen. Auch Miles betreibt ein Freefloat-Modell, aber mit dem Versprechen "pay for the ride, not the traffic". Im Jahr 2020 vervierfachte sich der Umsatz und wurde angeblich schon die Gewinnschwelle erreicht, wenn auch wohl nur monatsweise.

So funktioniert es: Statt Minuten werden im Standardtarif gefahrene Kilometer abgerechnet, mit 89 Cent plus einer Startgebühr von einem Euro. 6-Stunde- bis 30-Tages-Tarife gibt es auch. Miles legt Wert auf die Kooperation mit den ÖPNV-Betreibern, die teils auch Miles-Autos über ihre eigenen Apps vermitteln. Neben Autos bietet Miles auch Transporter an.

Da gibt es das: Berlin/Potsdam, Hamburg und München. In Köln, Düsseldorf, Duisburg und Bonn ist das Angebot auf Transporter beschränkt.

Wer dahinter steht: Die Gründer Alexander Eitner und Florian Haus haben verschiedene Risikokapitalgeber gewonnen, darunter Seriengründer Lukasz Gadowski und Manager von Delivery Hero oder Hellofresh. Der aktuelle Chef Oliver Mackprang war zuvor bei Volkswagens Mitfahrdienst Moia.

Sixt Share

Das ist besonders: Der Autovermieter Sixt war früher mit BMW an Drive Now beteiligt, musste vor der Bildung von Share Now aber aussteigen - und gründete dann 2019 seinen eigenen Sharing-Dienst. Großer Vorteil: Sixt kann seinen ohnehin riesigen Fuhrpark mit einer großen Modellpalette aus elf verschiedenen Marken dank des Carsharings besser ausnutzen. Das Freefloat-Modell wird mit stationärem Carsharing und dem Service der Vermietungsstationen kombiniert. Co-Chef Alexander Sixt erhebt den Anspruch, "führender Anbieter innovativer und digitaler Premium-Mobilität" zu werden. Dazu gehört auch der für 2022 angekündigte Robotaxidienst in München gemeinsam mit der Intel-Tochter Mobileye.

So funktioniert es: Im Freefloat-Modell konkurriert Sixt mit Share Now mit Preisen ab neun Cent pro Minute. Die Autos lassen sich auch über die Plattform Moovit buchen. Die Sixt-App wiederum enthält auch Alternativen wie die kleinen Elektroroller von Tier und den Mitfahrdienst Sixt Ride.

Da gibt es das: Berlin, Hamburg, München, Amsterdam, Den Haag, Rotterdam. In einigen weiteren Städten gibt es ein rein stationsbasiertes Angebot von Sixt.

Wer dahinter steht: Sixt ist börsennotiert, aber familiengeführt. Das Unternehmen gilt als europäischer Marktführer unter den Autovermietern - und wird auch von Volkswagen-Chef Diess als Rollenvorbild zitiert.

Flinkster

Das ist besonders: Als "Vorreiter in Sachen Carsharing" sieht sich auch Flinkster, 2009 als Pilotprojekt begonnen. Der Dienst hat mit 4500 Autos eine kaum größere Flotte als Miles, ist aber viel weiter verbreitet, mit 2500 Stationen meist an Bahnhöfen.

So funktioniert es: Flinkster ist stationsbasiert, das heißt, die Autos müssen an einem festen Ort gebucht, abgeholt und auch wieder abgestellt werden. Es gibt mehrere Tarife mit Stundenpreisen ab 1,50 Euro bei Kleinwagen, 1,90 Euro für größere Autos. Auch Tagesmieten mit kilometerabhängiger Kraftstoffpauschale, ob Strom oder Benzin, sind möglich. Die Registrierung kostet neun Euro, mit Bahncard ist sie kostenlos. Flinkster kooperiert auch mit Ford Carsharing, das mehr als 4000 Fahrzeuge bundesweit über die Ford-Händler vermittelt.

Da gibt es das: Flinkster nennt mehr als 400 deutsche Städte, teils über Partnerangebote kleiner lokaler Carsharing-Anbieter. Auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Italien können Flinkster-Kunden Autos buchen.

Wer dahinter steht: Die Deutsche Bahn nutzt die Automiete vom Bahnhof aus, um die Bahnfahrt attraktiver zu machen.

Stadtmobil, Cambio und Co.

Das ist besonders: Die stationären Anbieter sind die eigentlichen Pioniere des Carsharing, manche von ihnen existieren schon seit 1992. Die Zahl der registrierten Nutzer ist mit 724.000 nur gut ein Drittel so groß wie die 2,15 Millionen Kunden der Freefloat-Konkurrenz. Dafür nutzen sie die geteilten Autos meist intensiver und verzichten deswegen auch eher komplett auf ein eigenes Auto. Das stationäre Carsharing erfordert mehr Planung als die auf spontanes Fahren ausgelegten Freefloat-Systeme, eignet sich dafür aber zum verlässlichen Teilen beispielsweise in der Nachbarschaft - die eigentliche Idee hinter dem Begriff Sharing Economy.

So funktioniert es: In der Regel gibt es feste Stationen, die Tarife sind höchst unterschiedlich. Einige lokale Gruppen haben sich zu regional abgegrenzten Netzwerken zusammengeschlossen: Stadtmobil mit Schwerpunkt im Südwesten (Karlsruhe gilt als deutsche Carsharing-Hauptstadt), Cambio im Norden und Westen, Teilauto in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Book N Drive im Rhein-Main-Gebiet. Kunden können zu Gast in anderen Städten jedoch oft auch die Angebote der Partnernetze nutzen. In einigen Fällen gibt es auch zusätzliche Freefloat-Angebote wie die Cityflitzer in Leipzig oder Frankfurt am Main.

Da gibt es das: Laut Bundesverband Carsharing sind ganze 855 Städte und Gemeinden in Deutschland damit versorgt.

Wer dahinter steht: Viele der Initiativen sind aus der Umweltbewegung entstanden, manche als Genossenschaften oder Vereine organisiert. In vielen Fällen haben sich die einzelnen lokalen Dienste jedoch als kommerzielle Unternehmen die Rechtsform der GmbH gegeben.

Getaround

Das ist besonders: Auf der Getaround-Plattform können Autobesitzer ihre Fahrzeuge zum Mitnutzen anbieten. Das Unternehmen beschreibt sich selbst als "Europas größte Carsharing Community von privaten und gewerblichen Autobesitzern aus deiner Nachbarschaft". Der Anspruch der aus den USA geführten Firma lautet, "weltweit führende Carsharing-Plattform" zu werden. Nach eigenen Angaben haben sich 2,5 Millionen Nutzer registriert, allerdings über viele Länder verteilt.

So funktioniert es: Getaround ist weder Free-Float noch betreibt es eigene Stationen oder eine Flotte. Die Autos sind dort zu finden, wo die Besitzer sie anbieten. Diese können laut Getaround bis zu 800 Euro im Monat verdienen, indem sie ihr Auto verleihen - natürlich abhängig davon, wie stark es genutzt wird. Getaround betätigt sich nur als Vermittler in diesem Peer-to-peer-Modell, zur Sicherheit mit Versicherungen, die von der Allianz kommen.

Da gibt es das: Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Leipzig, Nürnberg und mehr als 300 Städte weltweit

Wer dahinter steht: Die Gründer Sam Zaid, Jessica Scorpio und Elliot Kroo führen das 2009 gegründete Start-up aus San Francisco bis heute. Zu den Geldgebern zählen unter anderem der Softbank Vision Fund und LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman. Das Europageschäft kam 2019 mit dem Kauf von Drivy hinzu, dessen französischer Gründer Paulin Dementhon weiterhin als Europachef an Bord ist.

Greenwheels

Das ist besonders: Mit Gründungjahr 1988 in Berlin unter dem Namen Stattauto hat dieser Anbieter wohl den stärksten Anspruch auf den Status als deutscher Carsharing-Pionier. Zwischenzeitlich versuchte sich das Unternehmen auch als Aktiengesellschaft, gehört seit 2004 gemeinsam mit dem früheren Wettbewerber Shell Drive (damals vom Ölkonzern Shell betrieben) zur niederländischen Collectcar. Der Schwerpunkt liegt heute eindeutig in den Niederlanden.

So funktioniert es: Greenwheels hat feste Stationen für seine gut 400 Autos (alle von VW) in Deutschland. Im Basistarif wird keine Grundgebühr fällig, dafür kostet die Fahrt 2,49 Euro pro Stunde und 30 Cent je Kilometer. Es gibt auch zwei Tarife mit monatlicher Grundgebühr und geringeren Raten pro Nutzungsdauer. In den Niederlanden ist das Unternehmen mit der Bahn verknüpft.

Da gibt es das: Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Hannover, Rostock und in den Niederlanden fast flächendeckend

Wer dahinter steht: seit 2015 gehört das Unternehmen der Volkswagen-Finanztochter gemeinsam mit der niederländischen Familienholding Pon - derselben, die auch an Volkswagens Europcar-Übernahme beteiligt ist, den VW-Autoimport ins Nachbarland beherrscht und zugleich eine der größten Nummer in Europas Fahrradindustrie ist.

ak