Sonntag, 26. Januar 2020

Was die Körpersprache von Carlos Ghosn verrät Verbrecher oder Star?

Ein Mann; viele Gesten: Carlos Ghosn während einer Pressekonferenz in Beirut, Libanon

Er galt als einer der wenigen verbliebenen Stars der europäischen Industrie: Renault-Sanierer, Nissan-Retter, Architekt einer der erfolgreichsten Auto-Allianzen der Welt. Doch seit einigen Monaten verläuft die Karriere des Carlos Ghosn top to bottom, und zwar ziemlich steil. Untreuevorwürfe, Macht- und Jobverlust, Haft und Hausarrest. Spätestens seit seiner abenteuerlichen Flucht aus Japan in den Libanon dürfte sein Fall das Format für einen Hollywood-Film haben. Wobei noch zu klären wäre, ob Ghosn darin der Held, oder der Schurke ist.

Stefan Verra

Denn der Exmanager ist ein Mensch, der emotional spaltet. Die einen sehen in ihm einen Kämpfer, der das ungerechte japanische Justizsystem ins Wanken bringt. Die anderen halten ihn für einen raffgierigen Machtmenschen. Vor wenigen Tagen hat er sich mit einer viel beachteten Pressekonferenz in Beirut in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Welche Einschätzung lässt sich aus seiner Körpersprache bestätigen?

Aggressiver Blick

Eines der ersten Signale, das auffällt, ist die Form seiner Augenbrauen. Von innen unten nach außen oben. Dieses wird vom Beobachter als Aggressivität wahrgenommen. Das muss nichts mit seiner tatsächlichen inneren Haltung zu tun haben - und doch fühlen wir uns davon beeinflusst. Mit Sicherheit war ihm dieses äußere Merkmal in so mancher Verhandlung dienlich. Wenn Ihr Partner allerdings mit dieser Mimik nach Hause kommt, wird's nix mit einem entspannten Abend...

Die Trump-Drehung

Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus in Washington (USA)

Ghosns Art, sich zu bewegen, hat was von Donald Trump oder auch von Horst Seehofer. Nein, das ist nicht politisch gemeint, aber körpersprachlich ist es so. Ghosn dreht den Kopf in ähnlicher Weise wie die beiden Politiker, nämlich immer so, dass der Rumpf sich mit dreht. Das wirkt ein wenig steif und lässt nur eine langsame Drehung zu. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei ein schnelles Zuwenden zum Gesprächspartner nicht nötig. Vielleicht, weil der Mensch, zu dem man sich hinwendet, nicht wichtig genug ist? In jedem Fall wirkt diese Bewegung sehr, sehr selbstsicher, fast schon überhe... - ach, bleiben wir bei "selbstsicher".

Wenn Carlos Ghosn bei seinem Auftritt in Beirut die Menschen von der Seite mit erhobenem Kopf ansieht, wird klar, warum er der japanischen Presse viel Futter liefert. Die nämlich dämonisiert ihn. Und Ghosns Körpersprache spielt dabei (unbewusst) mit.

Weitblickend, nicht warmherzig

Der franko-brasilianische Libanese (Ghosn besitzt alle drei Staatsbürgerschaften) sieht sein Gegenüber gerne mit hoch erhobenem Haupt an. So als wolle er sich über die anderen erheben. Das darf man nicht vorschnell als negativ abtun: Wer nach dem Weg sucht, hält Ausschau nach jemandem, der genau diesen Weitblick zeigt. Aber man erhebt sich damit auch ein wenig über den anderen - und so wirkt dieser Ausdruck überheblich. Möglicherweise sind es die großen Motorhauben, über die sie ständig hinwegsehen müssen, die viele Automanager zu dieser Körpersprache verleiten. Mag sein, dass es Weitblick ausstrahlt, Sympathiepunkte bringt es keine.

Insgesamt zeigt Ghosn in vielen Momenten sehr langsame, ausgeglichene Bewegungen. Da schießt keine spontane Geste heraus, kein Blick wandert hektisch umher. Da scheint sich jemand seiner Sache äußerst sicher zu sein. Das vermittelt dem Betrachter Stabilität, es kann aber auch desinteressiert wirken.

Ein Mann, der begeistert

Und dann plötzlich ändert sich alles. Nämlich genau dann, wenn er zu reden beginnt. Schnelle Gesten, häufiges Kopfnicken, hoch gezogene Augenbrauen, kräftige Stimme, der Blick schweift durch das gesamte Publikum: All das zeigt Enthusiasmus, Energie. In diesen Momenten ist nur noch wenig von dieser eleganten, fast unbeteiligten Körpersprache vom Beginn des Auftritts zu sehen.

Genau diese Vielfalt im Ausdruck ist es, die ein Mensch braucht, wenn er so lange so erfolgreich sein will wie Carlos Ghosn. Diese Variationsmöglichkeiten in der Darstellung bieten unterschiedliche emotionale Anknüpfungspunkte. Wer nach Sicherheit, Stabilität und auch Weitblick sucht, den holt Carlos Ghosn mit seiner Körpersprache in Form von ausgeglichenen, entspannten Bewegungen ab. Wer begeistert und mitgerissen werden will, dem bietet seine Körpersprache schnelle, ausladende und spontane Bewegungen.

Auf seinen bevorstehenden langen Kampf mit der japanischen Justiz werden beide Elemente wichtig für die Überzeugungsarbeit sein. Vielleicht sollte bisweilen an einem weiteren Element noch feilen: Sympathie! Wenn es ihm gelänge, bei seinen öffentlichen Auftritten auch noch empathisch zu wirken, würde sich die Filmindustrie auch leichter tun, aus ihm einen Helden zu machen.

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Verra ist Mitglied der Meinungsmacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

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