Getürmter Ex-Autoboss Interpol sucht Carlos Ghosn per Haftbefehl

Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn

Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn

Foto: KAZUHIRO NOGI/ AFP

Libanon hat Justizkreisen zufolge am Donnerstag über die internationale Polizeibehörde Interpol einen Haftbefehl für den in das Land geflüchteten Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn erhalten. Der Antrag auf Basis einer so genannten "red notice" - der die Behörden auffordert, eine gesuchte Person mit dem Ziel der Auslieferung festzunehmen - sei bei internen libanesischen Sicherheitskräften eingegangen und müsse noch an die Justiz übermittelt werden, sagte der Insider.

Bei der libanesischen Regierung war dazu zunächst keine Stellungnahme erhältlich. Ghosn steht in Japan wegen Untreue und finanziellen Fehlverhaltens beim japanischen Renault-Partner Nissan unter Anklage. Am Dienstag war bekanntgeworden, dass der 65-jährige aus Japan geflüchtet ist und sich jetzt im Libanon aufhält.

Ghosn zur Rückkehr zu zwingen wird schwierig, da Japan lediglich mit den USA und Südkorea Auslieferungsabkommen hat. Dem Insider zufolge hat Libanon in der Vergangenheit eigene Staatsbürger, für die eine internationale "red notice" vorlag, nicht festgesetzt, sondern ihre Pässe konfisziert.

Offenbar Festnahmen in der Türkei

Unterdessen sollen nach der überraschenden Flucht Ghosn in der Türkei sieben mutmaßliche Helfer festgenommen worden sein. Darunter seien vier Piloten, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Donnerstag. Sie würden verdächtigt, Ghosn bei der Flucht mit einem Privatjet von Japan über Istanbul in den Libanon geholfen zu haben.

Ghosn war lange Renault- und Nissan-Chef. Er gilt als Architekt des internationalen Autobündnisses zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi. Der Ex-Manager besitzt die französische, brasilianische und libanesische Staatsangehörigkeit. Er war im April in Japan unter strengen Auflagen auf Kaution freigekommen. Diese sollten eigentlich verhindern, dass er sich ins Ausland absetzt. Ghosn war dann aber vor wenigen Tagen überraschend im Libanon aufgetaucht.

Er sei "nicht länger eine Geisel des manipulierten japanischen Justizsystems", hatte Ghosn in einer Stellungnahme betont. Er besitzt ein Luxusanwesen in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Seine Familie stammt ursprünglich aus dem Libanon. Aus dem Außenministerium in Tokio hieß es, Japans Regierung sei nun auf Hilfe der libanesischen Behörden angewiesen, da kein Auslieferungsabkommen mit dem Mittelmeerstaat bestehe.

Ghosns Wohnsitz in Tokio offenbar durchsucht

Ghosn hatte sich einem Medienbericht zufolge offenbar dank eines weiteren französischen Reisepasses in den Libanon absetzen können. Japanische Behörden hätten dem früheren Renault- und Nissan-Chef erlaubt, einen Extra-Pass in einem verschlossenen Koffer mit sich zu führen, während er unter Hausarrest stand, berichtete der öffentliche Sender NHK. Der Wohnsitz von Ghosn in Tokio sei am Donnerstag von der Staatsanwaltschaft durchsucht worden.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei mit der Sache vertraute Personen berichtet, wurde Ghosn von einer privaten Sicherheitsfirma aus Tokio geschmuggelt. An dem Plan sei drei Monate gearbeitet worden.

Der einst hoch angesehene Automanager wurde erstmals im November 2018 in Tokio verhaftet. Gegen ihn liegen insgesamt vier Anklagen vor. Ghosn wird vorgeworfen, sein Einkommen als zu niedrig angegeben, Nissan um fünf Millionen Euro geschädigt und sich persönlich bereichert zu haben. In Japan droht ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe, der Prozess sollte im April beginnen.

Unterdessen meldete sich auch die französische Regierung in dem Fall zu Wort: "Wenn Herr Ghosn nach Frankreich käme, würden wir Herrn Ghosn nicht ausliefern, denn Frankreich liefert niemals seine eigenen Staatsangehörigen aus", sagte die Staatssekretärin im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium, Agnès Pannier-Runacher.

Pannier-Runacher wies allerdings auch daraufhin, dass auch Ghosn nicht über dem Gesetz stehe. In der Vergangenheit hatten in dem Fall Ermittler auch in Frankreich Renault-Büros durchsucht. Mit anderen Worten: Vor einer Auslieferung wäre Ghosn in Frankreich zwar geschützt, aber nicht gefeit vor möglichen eigenen Ermittlungen der französischen Justiz.

rei/beb/Reuters/dpa