Dienstag, 7. April 2020

Carlos Ghosn und die De-Globalisierung Der Global Player selbst steht auf dem Spiel

Schicksal als Spiel: Carlos Ghosn bei seinem Auftritt am Mittwoch in Beirut

Das Business-Jahr 2020 beginnt mit ziemlich viel Klamauk. Von Tesla-Chef Elon Musk sind wir es schon gewöhnt, dass er über Bühnen tanzt oder puren Blödsinn tweetet. Toyota-Chef Akio Toyoda, der sich in Las Vegas mit Willy Wonka verglich, scheint ihm den Rang ablaufen zu wollen. Die große Carlos-Ghosn-Show aber stellt alle in den Schatten.

Wir sind eindeutig nicht mehr in der nüchternen Welt des professionellen globalen Topmanagements. Vielleicht liefert die Ghosn-Episode sogar einen Hinweis, dass diese Welt insgesamt am Ende steht.

Als Beobachter des Ex-Renault-Nissan-Chefs fühlt man sich fast wie im Popcorn-Kino. Viele Elemente für eine große Story sind da: ein tragischer Held, Widersacher und Sidekicks, Verrat und Rache, Action, Spannung, reichlich bizarre Momente voller Situationskomik und Überraschung und auch die romantische Liebesgeschichte von Carlos und Carole (mit Happy End).

Was fehlt? Eine tiefere Moral. Ghosns Klage über seine schlechte Behandlung in Japan und seine Unschuldsbeteuerung wirken ebenso plausibel wie die Vorwürfe der Ermittler in Tokio und Paris sowie seiner Ex-Arbeitgeber, die nahelegen, dass der Multi-CEO und -Chairman sich im Rausch seiner Macht selbst bereichert hat. Da eine gerichtliche Klärung auf absehbare Zeit unmöglich scheint, bleibt die Frage von Gut und Böse ungeklärt - und das erhöht noch den Reiz der Geschichte. Ghosns Flucht in den Libanon verwandelt einen juristischen Fall mit klaren Regeln in ein offenes Spiel.

"Ich habe beschlossen, das Risiko einzugehen." Es ist ein Schlüsselsatz aus dem Auftritt in Beirut, der offenbart, dass Ghosn selbst sein Schicksal bei allem persönlichen Ernst auch als Spiel begreift. Ein weiterer: "Ich bin an 'Mission Impossible' gewöhnt." Sein Lebenswerk als Manager mit scheinbar unlösbaren Sanierungsaufgaben trifft diese Metapher genauso wie den vor ihm stehenden Kampf um seinen Ruf und die erfolgreiche Flucht nach Agententhriller-Art. Seine Fluchthelfer, Profis der Special Operations, hielten ihren eigenen Plan laut "Wall Street Journal" für "unmöglich". Ghosn wagte und gewann.

Er ist eben ein Global Player, wenn nicht der Prototyp des Global Players schlechthin. Daher könnte der Einzelfall als Paradebeispiel auch einen allgemeinen Trend erhellen.

Niemand erfüllte so wie Carlos Ghosn die Rolle des Topmanagers als Held der liberalen Globalisierung: mit solidem Ego, auf fast allen Kontinenten zu Hause, ein bekennender Weltbürger, der fünf Sprachen fließend beherrscht (Japanisch verweigerte er am Mittwoch), zwischen seinen (Konzern-)Residenzen in Paris, Tokio, New York, Amsterdam, Rio und Beirut jettete und wegen seiner unermüdlichen Arbeit von früh bis spät in Japan den Beinamen "Seven-Eleven" bekam. Und 20 Managementlehrbücher in seinem Namen, wie er noch heute gern betont.

Natürlich war er auch "Le Cost Killer", der dem privatisierten Staatskonzern Renault das 68er-Erbe austrieb und anschließend Nissan vor der Pleite rettete, indem er spielend die japanischen Firmentraditionen beseitigte. Er schaue nicht auf Personen, sondern auf deren Scorecard, gab er als eine seiner Lehren aus - alle Werksleiter wurden nach ihrer aktuellen Performance durchnummeriert, von 1 bis 60. Ghosn hat neoliberale Leitsätze verinnerlicht. Leistung zähle, nicht Herkunft. Wer Erfolg habe, habe auch Recht - am besten messbar an der Börse.

Begeistern konnte er, weil er das harte Sparen auch mit visionären Entwürfen verband, um neues entstehen zu lassen: die weltgrößte Auto-Allianz natürlich, aber auch eine frühe, mutige Wette mit Milliardeninvestitionen in die Elektromobilität. "Wenn Davos eine Person wäre, wäre es Carlos Ghosn", schrieb die "Bloomberg Businessweek" 2017. Ghosn war ja tatsächlich ständig da, auf dem alljährlichen Weltwirtschaftsforum in der Schweiz, und erging sich mit anderen Weltlenkern über den Segen des freien Austauschs von Waren, Kapital und innovativen Ideen.

Damals schon wuchsen die Zweifel, ob die "Davos Men" so weitermachen könnten, in der Trump-Ära mit ihrer Renationalisierung. Der populäre Unmut über die wachsende Ungleichheit trieb wohl auch die japanischen Staatsanwälte an, dem Volk zu zeigen, dass sie auch mal gegen die da oben vorgehen können.

Im "Bloomberg"-Porträt von 2017 erschien Carlos Ghosn noch souverän: Er erkenne und durchschaue natürlich all diese neuen Herausforderungen, wisse aber damit umzugehen und sei überzeugt vom unausweichlichen Triumph der Globalisierung. Trotzdem blieb die Versuchung, "sich eine Zukunft vorzustellen, in der Ghosns Flugplan als wertvolles Geschichtszeugnis angesehen wird: ein Blick darauf, wie die Globalisierung wirklich war, 2017, als sie sich weiter ausbreitete denn je und zugleich von Wellen des populistischen Unmuts getroffen wurde."

Vielleicht meistert Carlos Ghosn das Spiel ja immer noch und schafft es, seinen Radius von 200 mal 60 Kilometern libanesischem Staatsgebiet wieder auszudehnen.

Ansonsten muss man sagen: Das Jahr ist 2020, und diese Zukunft ist hier. Bye bye, Global Player.

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