Sonntag, 21. April 2019

Ehefrau von Ghosn veröffentlicht dramatischen Appell "Ungeheizte Zelle und stundenlange Verhöre"

Carlos und Carole Ghosn: Unmenschliche Haftbedingungen?

Die Ehefrau des in Japan inhaftierten Automanagers Carlos Ghosn hat in einem Brief an die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Haftbedingungen angeprangert. Ihr Mann sitze in einer ungeheizten, sieben Quadratmeter großen Zelle und habe seit seiner Festnahme mehr als sieben Kilogramm an Gewicht verloren, schrieb Carole Ghosn in dem am Montag veröffentlichten neunseitigen Brief. In der Zelle brenne auch nachts das Licht, seine täglich nötigen Medikamente würden ihm verweigert.

Jeden Tag werde ihr Mann zudem "stundenlang" befragt, ohne dass seine Anwälte dabei seien. "Die Ermittler befragen ihn, setzen ihn unter Druck, belehren ihn und beschimpfen ihn, ohne die Anwesenheit seiner Anwälte, um ein Geständnis aus ihm herauszubringen", heißt es in dem Brief. Die Ermittler hätten Ghosn Dokumente auf Japanisch zur Unterzeichnung vorgelegt, das er nicht beherrsche, und ihm nur eine mündliche Übersetzung geliefert.

"Ich bitte Human Rights Watch, sich dieses Falls anzunehmen", schrieb Carole Ghosn. Die Menschenrechtsorganisation müsse sich zudem dafür einsetzen, dass die japanische Regierung das derzeitige "drakonische System der Untersuchungshaft und Befragung vor der Verhandlung" reformiere.

Der Asien-Direktor der Menschenrechtsgruppe, Brad Adams, erklärte kürzlich in der Online-Ausgabe von "The Diplomat", Ghosn sollte keine Vorzugsbehandlung bekommen. "Aber wenn Japan seinem Ruf als eine der fortschrittlichsten Demokratien der Welt gerecht werden will, muss es das Strafjustizsystem modernisieren", fügte er hinzu.

Ghosns Anwalt weiß nichts von menschenunwürdigen Haftbedingungen

Ghosn, Chef des französischen Autobauers Renault Börsen-Chart zeigen und ehemaliger Verwaltungsratschef des japanischen Autobauers Nissan Börsen-Chart zeigen, sitzt seit 19. November in Japan in Untersuchungshaft. Die Ermittler haben am 10. Dezember offiziell Anklage erhoben und diese am vergangenen Freitag erweitert. Sie werfen dem 64-Jährigen vor, in den Jahren 2010 bis 2018 ein zu niedriges Einkommen beim Autobauer Nissan deklariert zu haben, wo er auch lange Vorstandschef war. Zudem soll er sich persönlich an Firmenkapital bereichert und eigene Verluste auf Nissan abgewälzt haben. Ghosn drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Ghosn bestreitet alle Vorwürfe. Sein Antrag auf Haftentlassung wurde aber zurückgewiesen. Das Gericht begründete dies mit Fluchtgefahr. Er wird voraussichtlich bis zum Prozessbeginn Anfang März inhaftiert bleiben. Auch international ist das japanische Justizsystem deshalb bereits kritisiert worden. Die Ermittler können einen Verdächtigen monatelang festhalten.

Immerhin kann Ghosn nach einem Gerichtsentscheid von vergangener Woche nun Besuch von Familienangehörigen erhalten. Sein Hauptanwalt Motonari Otsuru stritt vergangene Woche ab, dass Ghosn gezwungen werde, Dokumente oder gar ein Geständnis auf Japanisch zu unterzeichnen. Seinen Angaben zufolge wurde Ghosn auch in eine größere Zelle verlegt. Sein Mandant habe sich auch nicht über die Haftbedingungen beklagt.

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Seit Ghosn festgenommen wurde, wankt die Auto-Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi. Der Manager war die treibende Kraft hinter dem Bündnis. Er sagte, er sei "unrechtmäßig angeklagt".

mg/afp, rtr

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