Renault-Nissan-Sanierer bleibt in Japan in Haft Was Carlos Ghosn auszeichnete - und wie er abstürzte

Carlos Ghosn: Der langjährige Chef von Nissan, Mitsubishi und Renault bleibt in Japan weiter in Untersuchungshaft

Carlos Ghosn: Der langjährige Chef von Nissan, Mitsubishi und Renault bleibt in Japan weiter in Untersuchungshaft

Foto: REGIS DUVIGNAU/ REUTERS

Jahrzehntelang jettete er als eine Art Rockstar unter den Automobilmanagern durch die Welt und führte Renault  , Nissan  und Mitsubishi  zugleich. Nun ist seine Welt auf wenige Quadratmeter in einer Gefängniszelle geschrumpft: Seit dem 19. November sitzt Carlos Ghosn in Tokio in Untersuchungshaft. Die Staatsanwälte werfen ihm vor, jahrelang zu niedrige Bezüge angegeben zu haben. Zuletzt hat der 64-jährige Automanager zusammengerechnet rund 16 Millionen Euro pro Jahr verdient.

Nissan selbst beschuldigt seinen Ex-Chef, Firmengelder veruntreut zu haben. Seit 2011, so haben interne Nissan-Prüfungen ergeben, soll Ghosn um die 40 Millionen Euro an Einkommen verschleiert haben. Nissan-Tochterfirmen sollen zudem Luxusimmobilien gekauft haben, die von Ghosn genutzt wurden.

Er sei unschuldig, beteuerte Ghosn nun bei seinem ersten Auftritt vor Gericht seit seiner Verhaftung, und habe immer "ehrenhaft und legal" gehandelt.

Zwei Jahrzehnte seines Lebens habe er dafür gewidmet, Nissan wieder aufzubauen. Jegliche seiner Handlungen beim Nissan-Konzern, seien mit dem Wissen und der Genehmigung relevanter Personen erfolgt, erklärte Ghosn. Er habe keinerlei Vergütungen von Nissan erhalten, die nicht offengelegt worden seien. Dennoch bleibt Ghosn erstmal weiter in Untersuchungshaft. Es bestehe Fluchtgefahr, erklärte der Vorsitzende Richter dazu, zudem könnte Ghosn bei einer Freilassung Beweismittel vernichten.

Und so geht das juristische Tauziehen um den so schnell und tief gefallenen Automanager weiter. Leichtes Spiel haben Ghosn und sein Anwaltsteam gegen Japans Justiz nicht. Mitte Dezember haben japanische Staatsanwälte Anklage gegen Ghosn erhoben. Und japanische Behörden ziehen üblicherweise nur vor Gericht, wenn sie ihrer Sache sehr sicher sind. In 99 Prozent aller Fälle enden Anklagen in Japan mit einer Verurteilung.

Ghosn sanierte Nissan, indem er japanische Gepflogenheiten brach

Auch wenn Ghosn alles daran setzt, diese Statistik zu schlagen: Viel verloren hat er bereits jetzt. Seine Posten als Verwaltungsratschef bei Nissan und Mitsubishi ist er los. Bei Renault musste er seinen Chefposten bislang nur ruhen lassen. Doch der französische Staat arbeitet an einer dauerhaften Ablösung von der Managerlegende.

Ghosns Lebenswerk, das Dreierbündnis aus Renault, Nissan und Mitsubishi besteht zwar weiterhin. Eine engere Verzahnung von Nissan und Renault, wie sie Ghosn betrieben hatte, steht aber aktuell kaum zur Debatte - sondern eine Neujustierung. Eine Ende der Allianz können sich beide Seiten zwar kaum leisten. Doch kaum aufgehen dürfte Ghosns Plan, nach dem die Hersteller dank ihres Verbundes jährlich ab 2022 zehn Milliarden Euro einsparen sollten.

Bescheidenheit zählte dabei zwar nie so recht zu den Tugenden des Automanagers. Sein Millionengehalt etwa rechtfertigte er auch schon mal mit dem Hinweis, dass Fußballstars wie Ronaldo oder Messi ein Vermögen verdienen dürfen, Unternehmenschefs aber nicht. In Japan genoss er trotzdem jahrzehntelang einen hervorragenden Ruf. Denn Ghosn schaffte die Sanierung von Nissan, indem er mit einigen der japanischen Geschäftsgepflogenheiten brach. Anstellung auf Lebenszeit, Beförderung nur aufgrund des Alters, und unbedingte Loyalität zu langjährigen Zulieferern: All das setzte Ghosn außer Kraft, als er 1999 einen Wiederbelebungsplan für Nissan vorstellte.

Fünf Fabriken sollten damals in Japan schließen, 21.000 Jobs wegfallen. Zudem wollte Ghosn Nissans Schulden reduzieren und dank gemeinsamer Plattformen günstigere neue Modelle produzieren. Der Plan ging auf, im Jahr 2003 war Nissan einer der profitabelsten Autohersteller weltweit. Das komplizierte Konstrukt mit Überkreuzbeteiligungen behielt Ghosn allerdings bei - wohl auch, weil er die unterschiedlichen Unternehmenskulturen für kaum verschmelzbar hielt. Gleich gewichtet sind beide Seiten allerdings nicht: Die Japaner halten nur 15 Prozent der Renault-Aktien und verfügen über keine Stimmrechte. Die Franzosen hingegen kontrollieren 43 Prozent an Nissan.

Wie Ghosns die Japaner zu besänftigen versuchte - und scheiterte

In den vergangenen Jahren hat Ghosn die ursprüngliche Zweier-Allianz ausgebaut, sich etwa an der russischen Lada-Mutter Avtovaz beteiligt und die Kontrolle beim mittelgroßen japanischen Autobauer Mitsubishi übernommen. Das Dreier-Bündnis aus Renault, Nissan und Mitsubishi liefert sich nun mit Volkswagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des weltgrößten Autoherstellers: 10,6 Millionen Fahrzeuge hat die Allianz im vergangenen Jahr produziert. Mit dem deutschen Autobauer Daimler kooperiert Ghosns Allianz seit April 2010 in mehreren Projekten etwa bei Nutzfahrzeugen oder Kleinstwagen.

Früher als die Konkurrenz setzte Ghosn zudem auf Elektroautos, die auf gemeinsamen Plattformen gebaut werden. Doch als sehr profitabel hat sich dies bislang nicht erwiesen. Doch Ghosn hat für die Allianz auch höchst profitable Nischen aufgetan: Bei besonders günstigen Fahrzeugen für Schwellenländer gilt Renault etwa als weltweit führend. Die Beteiligungs- und Kooperationsstrukturen machen die Führung der französisch-japanischen Autoallianz komplex. Das Ungleichgewicht bei den Überkreuzbeteiligungen ist den Japanern wohl schon seit längerem ein Dorn im Auge.

Bei Ghosns Verhaftung gab es durchaus einige Merkwürdigkeiten: So wurden Ghosns Entlohnung auch von Nissan-Chef Hiroto Saikawa abgezeichnet, der sich nach der Verhaftung Ghosns dann sehr schnell und überdeutlich von Ghosn distanzierte. Berichten zufolge hat Saikawa die japanischen Staatsanwälte von Ghosns angeblichen Verfehlungen zu einem delikaten Zeitpunkt informiert: Vor einer Vorstandssitzung nämlich, bei der Ghosn dem Vernehmen nach größere Veränderungen an Struktur der Renault-Nissan-Allianz durchsetzen wollte.

Ghosn bastelte wohl heimlich an Renault-Nissan-Fusion

Kein Wunder, dass in Frankreich nach Ghosns Festnahme Verschwörungstheorien grassierten. Ghosns Verhaftung solle die Re-Japanisierung von Nissan ermöglichen, hieß es. Dabei hatte Ghosn versucht, die japanischen Bedenken gegen eine französische Übermacht zu dämpfen - und zwar mit der Berufung des Japaners Saikawa zum Nissan-CEO im April 2017. Trotzdem blieb in Japan offenbar der Eindruck bestehen, dass wichtige Entscheidungen von Ghosn und seinen Vertrauten getroffen wurden - und dass dabei französische Interessen bevorzugt wurden.

Um diese Spannungen endgültig zu beseitigen, soll Ghosn - so deuteten es Nissan-Manager gegenüber mehreren Medien an - im Geheimen eine weitgehende Verschmelzung von Renault und Nissan geplant haben. Nun drohen Ghosn in Japan bis zu zehn Jahre Haft. Und nun geht es nicht mehr um eine Fusion, sondern um Ghosns Erbe - und um die Art und Weise, in der die Allianz fortbesteht.

Als Lebensleistung kann Ghosn immerhin verbuchen, einen japanischen Autoriesen vor dem Untergang gerettet und einen französischen Autohersteller zu neuer Weltgeltung verholfen zu haben. Einen rechtzeitigen und ehrenvollen Abgang vom Auto-Olymp - den hat Ghosn aber eindeutig verpasst.

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