Sonntag, 20. Oktober 2019

Renault-Nissan-Sanierer bleibt in Japan in Haft Was Carlos Ghosn auszeichnete - und wie er abstürzte

Carlos Ghosn: Der langjährige Chef von Nissan, Mitsubishi und Renault bleibt in Japan weiter in Untersuchungshaft

Jahrzehntelang jettete er als eine Art Rockstar unter den Automobilmanagern durch die Welt und führte Renault Börsen-Chart zeigen , Nissan Börsen-Chart zeigen und Mitsubishi Börsen-Chart zeigen zugleich. Nun ist seine Welt auf wenige Quadratmeter in einer Gefängniszelle geschrumpft: Seit dem 19. November sitzt Carlos Ghosn in Tokio in Untersuchungshaft. Die Staatsanwälte werfen ihm vor, jahrelang zu niedrige Bezüge angegeben zu haben. Zuletzt hat der 64-jährige Automanager zusammengerechnet rund 16 Millionen Euro pro Jahr verdient.

Nissan selbst beschuldigt seinen Ex-Chef, Firmengelder veruntreut zu haben. Seit 2011, so haben interne Nissan-Prüfungen ergeben, soll Ghosn um die 40 Millionen Euro an Einkommen verschleiert haben. Nissan-Tochterfirmen sollen zudem Luxusimmobilien gekauft haben, die von Ghosn genutzt wurden.

Er sei unschuldig, beteuerte Ghosn nun bei seinem ersten Auftritt vor Gericht seit seiner Verhaftung, und habe immer "ehrenhaft und legal" gehandelt.

Zwei Jahrzehnte seines Lebens habe er dafür gewidmet, Nissan wieder aufzubauen. Jegliche seiner Handlungen beim Nissan-Konzern, seien mit dem Wissen und der Genehmigung relevanter Personen erfolgt, erklärte Ghosn. Er habe keinerlei Vergütungen von Nissan erhalten, die nicht offengelegt worden seien. Dennoch bleibt Ghosn erstmal weiter in Untersuchungshaft. Es bestehe Fluchtgefahr, erklärte der Vorsitzende Richter dazu, zudem könnte Ghosn bei einer Freilassung Beweismittel vernichten.

Und so geht das juristische Tauziehen um den so schnell und tief gefallenen Automanager weiter. Leichtes Spiel haben Ghosn und sein Anwaltsteam gegen Japans Justiz nicht. Mitte Dezember haben japanische Staatsanwälte Anklage gegen Ghosn erhoben. Und japanische Behörden ziehen üblicherweise nur vor Gericht, wenn sie ihrer Sache sehr sicher sind. In 99 Prozent aller Fälle enden Anklagen in Japan mit einer Verurteilung.

Ghosn sanierte Nissan, indem er japanische Gepflogenheiten brach

Auch wenn Ghosn alles daran setzt, diese Statistik zu schlagen: Viel verloren hat er bereits jetzt. Seine Posten als Verwaltungsratschef bei Nissan und Mitsubishi ist er los. Bei Renault musste er seinen Chefposten bislang nur ruhen lassen. Doch der französische Staat arbeitet an einer dauerhaften Ablösung von der Managerlegende.

Ghosns Lebenswerk, das Dreierbündnis aus Renault, Nissan und Mitsubishi besteht zwar weiterhin. Eine engere Verzahnung von Nissan und Renault, wie sie Ghosn betrieben hatte, steht aber aktuell kaum zur Debatte - sondern eine Neujustierung. Eine Ende der Allianz können sich beide Seiten zwar kaum leisten. Doch kaum aufgehen dürfte Ghosns Plan, nach dem die Hersteller dank ihres Verbundes jährlich ab 2022 zehn Milliarden Euro einsparen sollten.

Bescheidenheit zählte dabei zwar nie so recht zu den Tugenden des Automanagers. Sein Millionengehalt etwa rechtfertigte er auch schon mal mit dem Hinweis, dass Fußballstars wie Ronaldo oder Messi ein Vermögen verdienen dürfen, Unternehmenschefs aber nicht. In Japan genoss er trotzdem jahrzehntelang einen hervorragenden Ruf. Denn Ghosn schaffte die Sanierung von Nissan, indem er mit einigen der japanischen Geschäftsgepflogenheiten brach. Anstellung auf Lebenszeit, Beförderung nur aufgrund des Alters, und unbedingte Loyalität zu langjährigen Zulieferern: All das setzte Ghosn außer Kraft, als er 1999 einen Wiederbelebungsplan für Nissan vorstellte.

Fünf Fabriken sollten damals in Japan schließen, 21.000 Jobs wegfallen. Zudem wollte Ghosn Nissans Schulden reduzieren und dank gemeinsamer Plattformen günstigere neue Modelle produzieren. Der Plan ging auf, im Jahr 2003 war Nissan einer der profitabelsten Autohersteller weltweit. Das komplizierte Konstrukt mit Überkreuzbeteiligungen behielt Ghosn allerdings bei - wohl auch, weil er die unterschiedlichen Unternehmenskulturen für kaum verschmelzbar hielt. Gleich gewichtet sind beide Seiten allerdings nicht: Die Japaner halten nur 15 Prozent der Renault-Aktien und verfügen über keine Stimmrechte. Die Franzosen hingegen kontrollieren 43 Prozent an Nissan.

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