Mittwoch, 13. November 2019

Showdown in London So navigieren Automanager durch das Brexit-Dauer-Chaos

Produktion der BMW-Tochter Mini im britischen Oxford

Selten bezogen Automanager öffentlich so deutlich Stellung wie in den vergangenen Monaten zum Austritt Großbritanniens aus der EU in ungeordneter "No-Deal-Brexit"-Variante. Ein solches Ausscheiden ohne Bedingungen sei schlicht keine Option, befand Carlos Tavares, Chef der französischen Opel-Mutter PSA, noch vor sechs Wochen auf der Automesse IAA. Die Politiker, so drängte er, müssten eine Lösung gegen den No-Deal-Ausstieg finden. Und vor vier Wochen warnten gleich sämtliche Autoverbände Europas gemeinsam vor den "katastrophalen Konsequenzen" eines No-Deal-Brexit.

Der Ton war schon früh gesetzt worden: "Zehntausende Jobs" stünden auf dem Spiel, erklärte etwa Jaguar Land Rover-Chef Ralf Speth bereits vor einem Jahr. "Grauenerregend" sei die Aussicht auf einen No-Deal-Brexit; er lösche Gewinne aus und zerstöre Investitionen in Nullemissionstechnologien.

Serie: Der Brexit-Showdown

Die Drohkulisse war also ebenso groß wie beständig. Nun sieht es erstmal so aus, als habe sie auch gewirkt. Da das britische Unterhaus am heutigen Montag über Neuwahlen abstimmt, wird zwar voraussichtlich erst dann über das genaue Brexit-Datum entschieden. Aber, immerhin: Der zwischen der EU und Premierminister Johnson zuletzt zustande gekommene Deal lässt hoffen, dass die Gefahr von plötzlichen Handelsschranken und Zöllen an Großbritanniens Grenzen vorerst einmal gebannt ist.

Erleichterung kommt deshalb noch längst nicht in der Autobranche auf. Dazu sind die Unsicherheiten noch zu groß, die Details zu wenig klar. Und: Die Brexit-Wirren haben sich schon jetzt auf die Branche ausgewirkt.

Die Vorsorge hat Bentley schon jetzt bis zu vier Millionen Pfund gekostet

Einkäufer und Logistiker haben in den vergangenen Monaten daran gearbeitet, die verschiedenen Szenarien zu antizipieren und vorzubereiten. Für die hochkomplexe Autoproduktion wäre die plötzliche Einführung von Zöllen und Kontrollen an den Grenzen per Anfang November ein Problem gewesen: Sie hätten die auf "Just in Time"-Versorgung ausrichteten Lieferketten der Autohersteller gründlich gestört. Während die Beteiligten nun also kurz aufatmen können, ist gleichzeitig klar, dass sie erst einmal nur etwas Zeit gewonnen haben. Denn als nächsten Schritt dürfte die EU möglichst schnell ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien aushandeln und damit die Zollfragen für die Zukunft klären.

Die Unsicherheit in Handelsfragen bleibt also. Das erklärt auch ein Stück weit, warum sich etwa BMW Börsen-Chart zeigen und der Volkswagen-Konzern Börsen-Chart zeigen derzeit sehr abwartend verhalten. Die Wolfsburger haben mit der Luxusmarke Bentley eine britische Tochter, die ganz direkt von den Brexit-Wirren betroffen ist. Dem Brexit könne er "nichts Positives" abgewinnen, sagte Bentley-Chef Adrian Hallmark Ende August. Drei Dutzend Mitarbeiter hat Bentley darauf angesetzt, Lieferketten zu überprüfen. Bentley kann nun Teile, etwa auch von der Konzernschwester Porsche, direkt über Bremerhaven importieren und nicht mehr nur über das Nadelöhr Calais-Dover.

Die Lager für wichtige Komponenten hat Bentley deutlich vergrößert. Rund drei bis vier Millionen Pfund haben diese Maßnahmen bislang gekostet, erklärte Hallmark noch vor wenigen Wochen - um möglichst gut vorbereitet zu sein auf das Worst-Case-Szenario.

Die Konzernzentrale in Wolfsburg hingegen bleibt lieber vage. Zwar begrüße man den "Fortschritt in Richtung einer möglichen Übereinkunft zwischen Großbritannien und der EU, die einen geordneten Brexit erlauben würde", verlautet es bei VW etwas verschwommen. Die weiteren Entwicklungen werde man - wenig überraschend - "genau beobachten" und sich im übrigen weiterhin auf alle Eventualitäten vorbereiten.

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