Mega-Börsengang des US-Elektroautobauers Was den Rivian-Boss von Elon Musk unterscheidet

Start-up-Gründer Robert J. Scaringe legt an der Wall Street den größten Börsengang der Elektroautogeschichte hin. Er geht noch stärker ins Risiko als der Tesla-Chef - wird aber damit weniger reich.
Lieber ruhig und vegan statt extrovertiert: Rivian-Gründer Robert J. Scaringe bei der Präsentation eines Pick-up-Prototypen im November 2018

Lieber ruhig und vegan statt extrovertiert: Rivian-Gründer Robert J. Scaringe bei der Präsentation eines Pick-up-Prototypen im November 2018

Foto: PHILLIP FARAONE / Getty Images via AFP

Eigentlich wollte Robert J. Scaringe (38) seine Geldgeber mit einem Sportwagen überzeugen. "Ich habe einen Prototyp gebaut, ein Ding, das in einem Video echt aussehen würde, aber nur zu 0,1 % echt war", hat der Rivian-Gründer kürzlich einem amerikanischen Automagazin erzählt . "Es gab nicht ein einziges Bauteil, das von einem Zulieferer stammte. Es war wirklich ein zusammengehacktes Auto." Vor zehn Jahren hat er die Idee verworfen – und sich auf ein elektrisches Pick-up-Modell und einen SUV konzentriert. Sie sollten zum Start das Bild der Marke prägen.

Ein geschickter Zug, denn so konnte sich Scaringe von fast allen anderen Wettbewerbern im boomenden E-Auto-Geschäft absetzen – und die Fantasie der Investoren anheizen. Obwohl er bis Ende Oktober gerade mal 189 Autos produziert hat, ging Rivian nun an die Technologiebörse Nasdaq. Der potenzielle Tesla-Rivale platzierte 153 Millionen Anteile zu 78 Dollar das Stück. Damit liegt der Erlös bei 11,9 Milliarden US-Dollar, womit Rivian der bisher größte Börsengang in diesem Jahr gelungen ist. Zugleich ist Rivian mit einer Bewertung von rund 77 Milliarden Dollar aus dem Stand bereits mehr wert als etablierte Autobauer wie BMW oder Stellantis.

Natürlich drängt sich der Vergleich mit Elon Musk (50) auf, der Tesla raketengleich zum mit Abstand wertvollsten Autokonzern der Welt gepusht hat. Und in der Tat gibt es Parallelen: Wie Tesla setzt Rivian komplett auf Elektro. Wie Tesla wird Rivian seine Autos ohne Händlernetz direkt an die Kunden verkaufen. Und wie Tesla will Rivian ein eigenes Ladesäulennetz errichten. Doch größer noch sind die Unterschiede.

"Heiligenschein": Gründer Robert J. Scaringe mit dem Elektro-Pick-up R1T

"Heiligenschein": Gründer Robert J. Scaringe mit dem Elektro-Pick-up R1T

Foto: Mike Blake / REUTERS

Das beginnt bei der Person. Anders als Raketenmanager Musk mit seinem Aggro-Management  ist Scaringe ein eher ruhiger, bücherscheuer Ingenieur mit einem Doktortitel am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er hat einmal versucht, seinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu verkleinern, indem er ausschließlich zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs war, kalt duschte und seine Wäsche von Hand wusch.

Ein erster Versuch des Autobauers Ford, bei seinem Start-up einzusteigen, scheiterte laut "Wall Street Journal" , nachdem die Ford-Männer den Veganer Scaringe in ein Steakhouse eingeladen hatten. Und als er im September anlässlich des ersten produzierten Rivian eine Rede vor der Belegschaft und seinen drei kleinen Kindern hielt, versagte ihm die Stimme.

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Gemessen an der Social-Media-Power ist Scaringe mehr als 1300-mal kleiner als Musk. Auf seinem Twitter-Account (gerade mal 48.300 Follower, darunter Amazon-CEO Andy Jassy) postet er ab und zu mal ein Video aus der Rivian-Fabrik in Normal (US-Bundesstaat Illinois). Musk dagegen bebrüllt und befeuert seine rund 63 Millionen Follower mehrfach täglich, gilt in den Redditforen als Held und bedient sich Meme-Anspielungen, was ihm mehrfach Ärger mit der Börsenaufsicht einbrachte.

Trotzdem ist Scaringe ein Hochrisikounternehmer. Verglichen mit Musk strebt er mit Rivian zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt an die Börse. Tesla war beim Börsengang 2010 zwar noch vier Jahre jünger als Rivian heute – konnte aber in dem Jahr immerhin schon mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz vorweisen.

Rivian hat laut SEC-Unterlagen  bisher Null Umsatz, wohl aber seit Beginn des Jahres 2020 rund zwei Milliarden Dollar Verlust angehäuft. "Wir erwarten nicht, dass wir in absehbarer Zukunft Profitabilität erreichen werden, und wir können nicht versichern, dass wir es jemals schaffen", schreibt Rivian in den Unterlagen.

Dass Unternehmen in so einer frühen Phase ohne Umsatz einen regulären Börsengang wagen, ist sonst fast nur aus der Biotechnologie bekannt. Die meisten anderen Elektroautobauer, die wie zuletzt Nikola, Lordstown, Faraday oder Lucid mit teilweise wackeligen Geschäftszahlen aufs Parkett strebten , wählten den weniger streng regulierten Weg über die Fusion mit einer schon gelisteten Börsenhülle (Spac). Einzig der Börsengang des chinesischen Anbieters Nio 2018 ist mit Rivian vergleichbar.

Wie Musk, der virtuos mit der Begeisterung der Fan-Aktionäre zu spielen weiß, will auch Scaringe den aktuellen Hype um die Elektroautoaktien für sich nutzen. Mit dem Kapitalregen aus dem Börsengang übertrifft er Musk sogar mehr als deutlich: Tesla erlöste bei seinem Börsengang 2010 rund 230 Millionen Dollar – der Rivian-Boss hat mehr als das 50-fache dieser Summe eingesammelt.

Anders als einst Musk setzt Scaringe auch gleich auf eine Modellpalette. Tesla hatte zum Zeitpunkt des Börsengangs lediglich den Roadster im Angebot; das Model S existierte bloß als Vision. Scaringe präsentiert dagegen zwei Offroader, die "markenprägend wie ein Heiligenschein" sein sollen. Der Pick-up R1T, von dem bis Ende Oktober erst 180 produziert wurden (die meisten ausgeliefert an Mitarbeiter); bis Jahresende will Scaringe 1000 gebaut haben. Und das SUV R1S, dessen Fertigung im Dezember beginnen soll, Produktionsziel bis Ende Dezember: 15.

Vor allem aber wird Rivian für Amazon die Elektrolieferwagen EDV bauen – was einen weiteren Unterschied zu Tesla offenbart. Während Musk voll auf Privatkunden setzt und erst ab kommenden Jahr mit seinem Elektro-Truck Semi auch direkt auf Geschäftskunden zielt, wird Scaringe sein Massengeschäft mit Amazon machen – bis 2025 will er 100.000 EDVs ausliefern.

Rivian besitzt – anders als Tesla – mit Amazon und Ford zwei strategische Großinvestoren. Amazon-Gründer Jeff Bezos (57) stützt die Firma nach Kräften. Nachdem er im Sommer medienwirksam mit der Rakete seiner Raumfahrtfirma Blue Origin ins All geflogen war, stieg er in einen Rivian. Ein kalkulierter PR-Schlag gegen seinen Erzrivalen Elon Musk.

Rocket Man: Amazon-Gründer Jeff Bezos nach der Landung von seinem Weltraumflug – die Rivians (rechts) waren gut sichtbar für alle Kameras positioniert

Rocket Man: Amazon-Gründer Jeff Bezos nach der Landung von seinem Weltraumflug – die Rivians (rechts) waren gut sichtbar für alle Kameras positioniert

Foto: JOE SKIPPER / REUTERS

Wie Musk bei Tesla wird auch Scaringe bei Rivian die alles entscheidende Figur bleiben. "Wir sind in hohem Maße von der Arbeit und der Reputation unseres Gründers und CEO abhängig", warnt das Unternehmen die Investoren. Vor wenigen Tagen erhob die gefeuerte Managerin Laura Schwab Vorwürfe, Scaringe habe bei Rivian eine "toxische Bro-Culture" geschaffen.  Er sei umgeben von einer Truppe Männer, die stets sein Ohr hätten – sei aber eindeutig der Anführer. Rivian äußerte sich dazu nicht. Fakt ist: Scaringe vereint dank des bei Tech-Firmen üblichen Splits in Klasse-A- und Klasse-B-Aktien immerhin 9,5 Prozent der Stimmen auf sich und bleibt damit der mächtigste Einzelaktionär, obwohl er nur 1,1 Prozent der Aktien hält. Sein Gehalt betrug 2020 laut SEC-Daten 1,3 Millionen Dollar – allerdings wurden ihm Aktienoptionen zugeteilt, die nach dem erfolgreichen Börsengang knapp zwei Milliarden Dollar wert sind.

Im Vergleich zu Musk ist das nichts: Der Tesla-Boss besitzt aktuell rund 17 Prozent der Tesla-Aktien – ein Paket im Wert von rund 170 Milliarden Dollar.

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