Freitag, 20. September 2019

Oliver Zipse könnte neuer BMW-Chef werden Der letzte Schlipsträger

Er könnte neuer BMW-Chef werden: Oliver Zipse, bislang als Vorstand für die Produktion verantwortlich
Tobias Hase/DPA
Er könnte neuer BMW-Chef werden: Oliver Zipse, bislang als Vorstand für die Produktion verantwortlich

In der Automobilindustrie hat sich Oliver Zipse schon einen Namen gemacht. Der 55-Jährige und mögliche Nachfolger von Konzernchef Harald Krüger steht dafür, dass BMW seine Produktion durch ein ausgeklügeltes Netz an weltumspannenden Produktionsstandorten weniger abhängig von Handelskonflikten und konjunkturellen Schwankungen gemacht hat. So baut der Konzern mit dem weiß-blauen Logo etwa den gefragten Stadtgeländewagen X3 inzwischen in den USA, China und Südafrika und kann die Märkte so je nach Bedarf beliefern.

BMW gilt deshalb als vorbildlich in der Branche. "Wenn etwas rund läuft bei denen, dann sind es die Werke", meint ein Brancheninsider anerkennend.

Doch sonst läuft es bei BMW gar nicht rund. Die Münchner haben mit dem batteriegetriebenen i3 und dem i8 zwar früh auf Elektromobilität gesetzt, drohen nun aber abgehängt zu werden, da Konkurrenten wie Volkswagen massiv in E-Autos investieren. Der Druck ist nach Ansicht von Experten noch dadurch gestiegen, dass BMW zu Jahresbeginn im Autogeschäft erstmals seit zehn Jahren einen Verlust geschrieben hat und vor harten Einschnitten steht. Nachdem der bisherige Vorstandschef Harald Krüger seinen Rückzug angekündigt hat, sucht der Konzern deshalb einen "starken Mann", der das Steuer herumreißen soll.

Das sei eine Eigenschaft, die man im BMW-Vierzylinder an der Münchner Stadtautobahn seit einiger Zeit an der Unternehmensspitze vermisse. Zipse wird nachgesagt, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. "Eher im Gegenteil. Er ist sehr entscheidungs- und durchsetzungsstark. Wenn er eine Position für sich gefunden hat, dann setzt er die auch durch", sagt der Vertraute.


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Als Erfolg gilt auch das System von Leit- und Partnerwerken, das Zipse eingeführt hat. Seitdem haben Standorte die Oberaufsicht für bestimmte Fahrzeugsegmente, andere müssen sich unterordnen. Spartanburg etwa hat eine führende Rolle bei der X-Baureihe. Zugerechnet wird Zipse auch, dass er damit begonnen hat, die Produktion so aufzustellen, dass die Werke alle Antriebsarten bauen können, vom Verbrenner über Hybridautos bis zum reinen Stromer.

Manager alter Schule, wo Zipse besser werden muss

Erfolge in der Produktion allein reichen nach Meinung von Experten jedoch nicht, um einen Autobauer auf dem Weg in die Elektromobilität zu steuern - der sich zudem gegen die zunehmende Konkurrenz von IT-Konzernen behaupten muss. "Ein CEO muss eine Vorstellung davon haben, wie sich die Mobilität in Zukunft entwickeln wird. Das geht weit über die Optimierung eines bestehenden Geschäfts hinaus", sagt Carsten Breitfeld, Chief Executive von Iconiq Motors aus China und selbst ehemaliger BMW-Ingenieur. "Er muss in der Lage sein, Teams aufzubauen, Talente anzuziehen und eine Kultur zu fördern, die sich zunehmend an der Unterhaltungselektronik und der Dynamik des Internet orientiert", sagt Breitfeld. Der Chef eines Autokonzerns müsse begeistern können und die Mitarbeiter mitnehmen.


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Das gehört - bisher jedenfalls - nicht unbedingt zu Zipses Stärken. Der Vater von zwei erwachsenen Söhnen, verheiratet mit einer Japanerin, wird eher als Manager alter Schule beschrieben. Er ist einer der letzten Schlipsträger in der Branche. Dagegen trat der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche zuletzt auch auf großer Bühne gerne in Turnschuhen und Jeans auf. Auch Volkswagen-Chef Herbert Diess, selbst früher bei BMW, gibt sich gerne lässig.

Zipse gilt aber als gewandter Gesprächspartner, der auch mal die Ellbogen ausfahren kann. Das sei kein Nachteil in einer Branche, in der der Wettbewerb eher schärfer werde, meinen Experten. Ob er auch gut darin sei, Partnerschaften zu managen, müsse abgewartet werden. Solche Vereinbarungen mit anderen Autobauern werden immer wichtiger, um die Kosten zu senken.

Der Neue muss die Mitarbeiter beim Wandel mitnehmen

Krüger, der nach wochenlangen Spekulationen über seine Zukunft an der BMW-Spitze Anfang Juli seinen Rückzug erklärt hatte, pflegte eine Führungskultur, die auf Konsens setzt. 2015 war der damals jüngste Vorstandschef eines Automobilherstellers vom Aufsichtsrat ausgewählt worden, um das "Wir-Gefühl" bei BMW zu stärken, wie ein früherer BMW-Manager sagt, der bei dem Autobauer noch bestens verdrahtet ist. Zuletzt sei Krüger aber vorgeworfen worden, er sei zu nachdenklich. "Krüger war vielleicht damals die richtige Entscheidung. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert."

Dem "starken Mann", als der Zipse intern gilt, gehören daher bei BMW viele Sympathien. Man erwartet von ihm, dass er vorangeht - und dabei nicht vergisst, die Mitarbeiter beim Wandel der Mobilität mitzunehmen. Das Produktionsressort war schon für andere Manager Sprungbrett an die Unternehmensspitze.

Sowohl Krüger als auch dessen Vorgänger Joachim Milberg und Norbert Reithofer leiteten zunächst diese größte Sparte des Konzerns, bevor sie nach ganz oben befördert wurden. Reithofer wechselte 2015 in den Aufsichtsrat und übernahm dort den Stuhl von Milberg als Vorsitzender des Gremiums.

von Jan Schwartz (Reuters)

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