Neue CO2-Grenzwerte sorgen für Streit 8 von 13 Autobauern werden CO2-Ziel 2021 verfehlen

Die EU verlangt bis 2030 deutlich klimafreundlichere Autos von den Herstellern. Die Vorgaben sind schärfer, als die Autobauer und die Bundesregierung dies wollten. Die meisten großen Autobauer werden bereits das erste CO2-Flottenziel für das Jahr 2021 verfehlen, so eine Studie. Daimler rechnet zunächst sogar mit einem steigenden CO2-Ausstoß seiner verkauften Autos. Volkswagen-Chef Herbert Diess will angesichts der neuen Vorgaben den Konzern jetzt noch schneller umbauen.
Autobauer stehen wegen ihrer klimaschädlichen Verbrennungsmotoren immer wieder in der Kritik

Autobauer stehen wegen ihrer klimaschädlichen Verbrennungsmotoren immer wieder in der Kritik

Foto: picture alliance / dpa

Autos sollen laut neuer EU-Grenzwerte bis Ende des kommenden Jahrzehnts wesentlich weniger Gesundheit- und klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft pusten. Bei Neuwagen soll der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um 37,5 Prozent fallen. Als Zwischenziel sei ein Minus von 15 Prozent bis 2025 vereinbart worden, teilte die österreichische EU-Ratspräsidentschaft nach Vermittlungsgesprächen mit den EU-Institutionen am Montagabend mit.

"Europa steht damit zu seiner globalen Vorreiterrolle", sagte die österreichische Umweltministerin Elisabeth Köstinger. Scharfe Kritik kommt von der deutschen Autolobby, die die Vereinbarung als realitätsfern bezeichnet.

Für Kleintransporter wurde eine Reduktion bis 2025 von ebenfalls 15 Prozent und bis 2030 dann um insgesamt 31 Prozent festgelegt. Die Einigung ist vorläufig. Die EU-Botschafter und das Europaparlament müssen noch formal zustimmen. Änderungen werden nicht erwartet.

Basis für die Berechnung der neuen Ziele ist das Jahr 2021. Bis da hin dürfen nach den geltenden Vorschriften Neuwagen im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen. Doch ist die auch aktuelle Vorgabe für viele Hersteller noch nicht in Reichweite. Derzeit liegt der Wert bei 118,5 Gramm.

Die Vorgaben sind schärfer, als die Autoindustrie und die Bundesregierung dies ursprünglich wollten. Zu schaffen sind sie nur, wenn neben Benzin- und Diesel-Autos auch immer mehr Fahrzeuge ohne Emissionen verkauft werden, also etwa reine Elektroautos. Die Hersteller müssen sich also schnell umstellen und warnen vor Jobverlusten.

Deutschland hatte sich zuvor für ein weniger hartes Vorgehen stark gemacht. Denn die hiesige Autobranche mit den großen Herstellern Daimler, BMW und Volkswagen hat besonders viele PS-starke Boliden im Angebot.

Diese Autobauer werden das CO2-Flottenziel verfehlen

Wie schwer sich die Autobranche schon mit der Erreichung der CO2-Flottenziele für 2021 tut, illustriert eine Studie der Unternehmensberatung PA Consulting. Ihr zufolge drohen zahlreichen Autokonzernen in zwei Jahren empfindliche Strafzahlungen.

Acht der 13 großen Autohersteller, die ihre Fahrzeuge EU-weit verkaufen, werden ihr Flottenziel für 2021 verfehlen, warnen die Studienautoren. Dabei unterstellt die Untersuchung bereits, dass die Autohersteller in zwei Jahren deutlich mehr Elektro- und Hybridfahrzeuge verkaufen.

Europas größtem Autohersteller Volkswagen drohen Strafzahlungen von bis zu 1,4 Milliarden Euro pro Jahr: Laut der Studie wird Volkswagen in zwei Jahren um 3,8 Gramm über seinem CO2-Flottenziel liegen.

Fiat Chrysler dürfte seinen CO2-Flottenwert um 6,7 Gramm übertreffen, was eine Strafe von 700 Millionen Euro pro Jahr nach sich ziehen würde. Die PSA-Gruppe mit den Marken Peugeot, Citroen und Opel wird laut PA-Berechnungen ihren CO2-Zielwert um 2,6 Gramm übertreffen. Das könnte die Franzosen rund 600 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Aktuell sind laut der Studie nur die Hersteller Volvo, Toyota, Renault, Honda und Jaguar Land Rover auf gutem Weg, ihre CO2-Flottenziele für 2021 zu erreichen.

Noch bleibe den Autoherstellern etwas Zeit, ihre CO2-Flottenziele doch noch zu erreichen, heißt es in der Studie. Um mehr Fahrzeuge mit niedrigem CO2-Ausstoß zu verkaufen, können die Hersteller diese etwa stärker vermarkten und deren Preise senken. Für Volkswagen, Ford und Fiat dürfte das allerdings nicht mehr reichen, warnen die Studienautoren.

Daimler darf mehr ausstoßen und rechnet mit steigendem Abgasausstoß

Daimler rechnet nach eigenen Angaben für den Abgasausstoß in diesem und im kommenden Jahr zunächst mit höheren CO2-Werten bei seinen verkauften Autos. Grund sei unter anderem das strengere WLTP-Messverfahren, sagte ein Konzernsprecher am Dienstag. Aber auch die hohe Nachfrage nach leistungsstarken Fahrzeugen erschwere das Erreichen des Ziels.

Bei dem neuen Messerverfahren WLTP geht es um eine bessere Abbildung des tatsächlichen Verbrauchs sowie der Schadstoff- und CO2-Emissionen.

2017 war der durchschnittliche Wert der gesamten Daimler-Flotte bereits leicht auf 125 Gramm CO2 je Kilometer gestiegen (2016: 123 Gramm). Bis 2021 muss Daimler den CO2-Ausstoß seiner in einem Jahr verkauften Autos auf rund 100 Gramm drücken. Zwar gilt dann schon das Ziel von 95 Gramm, doch Hersteller schwererer Autos dürfen noch darüber liegen.

"Es ist weiterhin unser Ziel, die anspruchsvollen gesetzlichen CO2-Vorgaben zu erfüllen", hieß es. Letztlich hänge das aber auch an der Kaufentscheidung der Kunden. Von 2019 an bietet Daimler die ersten Modelle seiner neuen Elektro-Marke EQC an.

CO2-Vorgaben - VW-Chef will Konzern jetzt schneller umbauen

Die künftigen Klimavorgaben für Neuwagen bedeuten nach Einschätzung von Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess ein noch weitergehendes Umbauprogramm für den Autoriesen. Mit der Verschärfung des Flottenziels müsse der Konzern den Anteil der E-Autos am Gesamtabsatz bis 2030 auf über 40 Prozent hieven, sagte Diess am Dienstag.

"Das heißt, unser beschlossenes Umbauprogramm, das für diesen Systemwechsel erforderlich ist, reicht noch nicht aus." Möglicherweise müssten weitere Verbrenner-Angebote entfallen, damit verbunden die Werksstrukturen deutlicher umgebaut und zusätzliche Batteriezellfabriken gebaut werden.

Unterhändler der EU-Staaten, des Europaparlaments und der EU-Kommission hatten sich zuvor darauf geeinigt, dass der CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2030 um 37,5 Prozent im Vergleich zum Niveau von 2021 sinken soll. Die Autoindustrie hält dies für unverhältnismäßig und unrealistisch.

Volkswagen sei bisher davon ausgegangen, dass der CO2-Ausstoß bis 2030 um 30 Prozent sinken solle. Dieses Ziel habe VW mit seiner Elektrostrategie abgesichert, in die in den kommenden fünf Jahren 30 Milliarden Euro fließen sollen, erklärte Diess weiter. Künftig sollen demnach nicht nur in Zwickau, sondern auch an den VW-Standorten Emden und Hannover E-Autos gebaut werden.

Nun müssten die Planungen überarbeitet werden, dies werde im Herbst 2019 erfolgen. Diess bemängelte zudem: "Völlig ungeklärt sind in diesem Zusammenhang auch die Erzeugung umweltfreundlichen Stroms sowie die notwendige Lade-Infrastruktur."

VDA: Niemand weiß, wie diese Vorgaben erreicht werden sollen

Kein Wunder also, dass sich der Branchenverband VDA höchst kritisch zu den CO2-Flottenzielen für 2030 äußert. "Diese Regulierung fordert zu viel und fördert zu wenig", erklärte der VDA. "Niemand weiß heute, wie die beschlossenen Grenzwerte in der vorgegebenen Zeit erreicht werden können", sagte VDA-Chef Bernhard Mattes. In keinem anderen Teil der Welt gebe es vergleichbar harte CO2-Ziele. "Damit wird die europäische Automobilindustrie im internationalen Wettbewerb stark belastet."

Der europäische Herstellerverband Acea stieß ins gleiche Horn. "Eine CO2-Minderung um 37,5 Prozent zu liefern, mag sich plausibel anhören, aber gemessen am heutigen Stand ist es völlig unrealistisch."

Tränende Augen, flache Atmung: In europäischen Großstädten sind die Autoabgase mitunter nicht mehr auszuhalten. Doch nicht nur in Madrid, sondern in ganz Europa sollen Neuwagen weniger klima- und gesundheitsschädliches CO2 ausstoßen dürfen

Tränende Augen, flache Atmung: In europäischen Großstädten sind die Autoabgase mitunter nicht mehr auszuhalten. Doch nicht nur in Madrid, sondern in ganz Europa sollen Neuwagen weniger klima- und gesundheitsschädliches CO2 ausstoßen dürfen

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Elisabeth Köstinger wies die Kritik der Autohersteller an den künftigen Klimavorgaben zurück. Die für 2030 vorgesehenen Kohlendioxid-Werte seien "ambitioniert, aber machbar", sagte die Politikerin am Dienstag. Österreich hat derzeit den EU-Vorsitz und hatte die Verhandlungen geleitet.

Verhandlungsführer Österreich weist Kritik zu Grenzwerten zurück

Die Automobiltechnik sei schon sehr weit - und es seien noch elf Jahre Zeit, um die neuen CO2-Flottenwerte zu erreichen, versuchte die Ministerin die Kritik der Autolobby weiter zu entschärfen. Durch das Zwischenziel von 15 Prozent Reduktion bis 2025 gebe es "genügend Zeit, Anpassungen durchzuführen". An die Adresse der Autobauer sagte sie, wenn die Versprechen der Vergangenheit eingehalten worden wären, hätte man jetzt weniger Diskussionen.

Die EU-Staaten hatten Anfang Oktober für eine Senkung des CO2-Werts bei neuen Autos und leichten Nutzfahrzeugen um durchschnittlich 35 Prozent bis 2030 plädiert. Deutschland wollte ursprünglich nur 30 Prozent Minderung, trug den Beschluss aber mit. Das Europaparlament ging mit einer Forderung nach minus 40 Prozent in die Verhandlungen. Diese zogen sich dann über fünf Runden hin, bis die österreichische Ratsvorsitzende Elisabeth Köstinger am Montagabend die Einigung verkündete.

Es geht um den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Flotte

Generell geht es bei der geplanten Reduktion nicht um härtere Emissionslimits für einzelne Fahrzeugmodelle, sondern um den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der gesamten Flotte eines Herstellers. Bei Überschreitungen sollen auf die Autobauer Strafen zukommen.

Die CO2-Reduktion soll der EU helfen, die Pariser Klimaziele einer Senkung der Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu erfüllen. Bis 2016 betrug das Minus 23 Prozent.

Im polnischen Kattowitz wurde gerade über die konkrete Umsetzung der Vorgaben beraten. Der Verkehr ist der einzige Bereich, in dem die Emissionen weiter klettern. Als nächstes sind strengere Limits auch für Lastwagen geplant. Die EU-Umweltminister wollen sich dazu am Donnerstag auf eine gemeinsame Position einigen.

wed/rei/Reuters/dpa
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