Freitag, 20. September 2019

Die Gründe für Harald Krügers Rückzug bei BMW - und seine Folgen BMW braucht wieder mehr Alpha

BMW-Zentrale in München: Nach dem Abschied von Konzernchef Harald Krüger ist ab 2020 wieder ein Alpha-Mann gefragt. Klaus Fröhlich und Oliver Zipse haben die besten Chancen

"BMW braucht eine starke Leadership!" Das sagte, es ist keine zwei Wochen her, ein Vorstandsmitglied der BMW AG; man kann das heute lesen als Kommentar auf den heute angekündigten Rückzug von Konzernchef Harald Krüger (53). "Mit dieser starken Leadership", so sprach der Mann weiter, sei der Autohersteller immer am stärksten gewesen. Es habe auch mal radikale Entscheidungen gegeben, für und gegen große Projekte, der Vorstandschef könne die Mannschaft dann begeistern und mitnehmen.

Harald Krüger führt anders. Integrativ und moderierend, strategisch smart und hochanalytisch. Der Mann will überzeugen, nicht dominieren. Er führt im Team und nicht als klarer Anführer eines Rudels von Alphatieren. Gleich eine Gruppe von Mächtigen sorgte dafür, dass BMW Börsen-Chart zeigen in den vier Krüger-Jahren einigermaßen in der Spur blieb: Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich (59) und Finanzchef Nicolas Peter (56) gehören dazu, Arbeitnehmerboss Manfred Schoch (63) und auch Krügers Vorgänger Norbert Reithofer (63) als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Alles gute Leute, ja, aber dem Unternehmen fehlte es doch an Drive und Traktion.

Krügers Führungsstil ist die Ausnahme in den großen deutschen Konzernen. Volkswagen-Chef Herbert Diess (60) genießt die Rolle des Entscheiders, sammelt die Machtfunktionen als gleichzeitiger Chef von Konzern, Marke VW und Entwicklung. Daimlers Langzeit-CEO Dieter Zetsche (66) war ebenso unangefochtener Dominator wie Siemens-Boss Joe Kaeser (62), Bosch-Leader Volkmar Denner (62) oder auch Allianz-Mann Oliver Bäte (54).

Krügers Teambuilding hat Zeit gekostet

Man mag es bedauern, aber Konzerne dieser Größe und Komplexität brauchen eine starke, eine eindeutige Führung. Krügers Teambuilding, sein Setzen auf Schwarmintelligenz auch an der Konzernspitze, hat Zeit gekostet. Vorgänger Reithofer war radikal. Er setzte als erster in der Autobranche auf kleinere Motoren und CO2-Abbau; er stieg aus der Formel 1 aus und investierte viele Milliarden Euro in das elektrische Carbonvehikel i3 und den semielektrischen Sportwagen i8. Nicht alles funktionierte bei Reithofer. Das meiste schon. Und die Mannschaft zog mit.

Bei Krüger dauerte es länger, bis zentrale Entscheidungen fielen. Lange zum Beispiel gab es keine klare Linie, wie es in Sachen Elektromobilität weiter gehen soll, nachdem sich der kleine i3 nicht so gut verkaufte wie erhofft. Am Ende war der elektromobile Vorsprung verspielt.

Krügers Ära steht für überraschende und kluge Allianzen, zum Beispiel mit Daimler; sie steht für eine schlaue China-Strategie, sie steht aber auch für den Verlust der Vorrangstellung im automobilen Premiumsegment und für langsam sinkende Renditen.

Immer wieder murrten Aufseher. Mal lobte Aufsichtsratschef Reithofer demonstrativ Entwickler Fröhlich und Produktionschef Oliver Zipse (55), ließ Krüger aber aus. Mal sagte Arbeitnehmerchef Schoch dem manager magazin im Interview, "wir brauchen in Deutschland Unternehmer, nicht Unterlasser"; und es war klar, dass er auch BMW meinte.

Ein Entwicklungsvorstand als Neben-CEO

Krüger spürte das, aber er machte weiter. Beschleunigte die Elektrofahrt, schloss neue Allianzen, ließ den anderen Vorständen dabei so viel Raum, dass Klaus Fröhlich fast schon zum Neben-CEO aufsteigt. Aber man spürte immer: der Job war für Krüger Pflicht. Und nicht Vergnügen.

Am 24. Juni 2019 saß das Aufsichtsratspräsidium zusammen, dem Fünfergremium gehört neben dem Vorsitzenden Reithofer und Betriebsrat Schoch unter anderem auch Großaktionär Stefan Quandt (53) an. Man diskutierte Krügers Zukunft. Abschied jetzt oder Verlängerung bis 2025, die Runde war sich nicht sicher. Ab Juli wäre die Verlängerung möglich, weiter herausziehen mochte man die Entscheidung eigentlich nicht; die öffentlichen Diskussionen über Krügers Zukunft wurden unangenehm laut.

Am Ende vertagte man sich, ging nach Informationen des manager magazins mit drei Optionen aus der Sitzung: Vertragsverlängerung für Krüger, Berufung von Entwicklungschef Fröhlich an die Spitze oder, Variante Nummer drei, Produktionsvorstand Zipse würde den Vorstandsvorsitz übernehmen.

Krügers Abschied in Würde

Tags drauf wurde Krüger bei einer BMW-Veranstaltung gefragt, wie er denn seine Zukunft als Vorstandsvorsitzender der BMW AG sehe. "Ich denke, ich habe heute bewiesen, dass ich einiges für die Zukunft von BMW leiste und bewege", sagte der Chef. Der Vorstand präsentierte an dem Tag die BMW-Modelle und die Technologie der Zukunft; Krüger kündigte mehr Elektroautos an, mehr Plugin-Hybride mit Batterie und Verbrenner.

"BMW bietet einiges für die Zukunft, Sie sehen das hier", ergänzte Krüger seine Antwort. Bei BMW stehe auch für die Zukunft nicht der Einzelne im Zentrum, sondern das Unternehmen.

Glücklich indes wirkte Harald Krüger nicht, als er das sagte; und vielleicht hatte er die Entscheidung da schon gefällt, die er heute morgen Aufsichtsratschef Reithofer mitteilte: er verzichte auf eine Vertragsverlängerung, er wolle spätestens Mitte 2020 seine Zeit als BMW-Chef beenden. Zehn Tage habe er das Thema mit seiner Ehefrau diskutiert, sagt er anschließend. Er hat sich für einen Abschied in Würde entschieden, sein elektromobiles Erbe präsentiert, jetzt soll ein anderer weitermachen.

Wer wird das Rennen machen - Zipse oder Fröhlich?

Wer das sein wird? Zipse oder Fröhlich, beide ehemalige Strategiechefs, der eine Produktionsmann, der andere Entwickler.

Zipse hielt sich zuletzt auffällig zurück in der Öffentlichkeit, sprach aber, wenn gefragt, gern über die schwierige Zukunft der Branche und mögliche Lösungsansätze für Premiumanbieter wie BMW Börsen-Chart zeigen. Er zog die großen Linien.

Klaus Fröhlich ist mit 59 eigentlich zu alt für den Chefposten in einem Konzern, in dem Vorstände nicht älter als 60 sein sollen. Aber Aufsichtsratschef Reithofer versucht schon länger, ihn zum Bleiben über die 60 hinaus zu überreden. "Man muss jeden Tag dankbar sein, dass er da ist", sagte er jüngst.

Doch Fröhlich, so berichten Vertraute, habe durchblicken lassen, dass es irgendwann auch genug sei nach 33 Jahren Vollgas für BMW. Aufsichtsratsmandate (er sitzt schon beim Energiekonzern Eon im Kontrollgremium), Beiratsfunktionen, so manches sei vorstellbar für ihn. Und als der Entwicklungsvorstand kürzlich zwei Wochen in den Urlaub entschwand und das sogar per Abwesenheitsnotiz in den Mails kundtat, irritierte das manchen in München. So etwas kannte man nicht von Fröhlich.

Verabschiedete sich da gleich der nächste? Oder kokettierte er nur und lenkte ab?

In zwei Wochen trifft sich der Aufsichtsrat zu einer zweitägigen Sitzung im amerikanischen Spartanburg. Dort soll über Harald Krügers Nachfolger entschieden werden.

Mehr Dominator als Moderator wären beide, Oliver Zipse wie Klaus Fröhlich.

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