Neuer Abgastest WLTP stürzt VW, BMW und Co. in Produktionschaos Diese Modelle können Autobauer nicht mehr liefern

BMW 7er: Für ein Jahr nicht als Benziner lieferbar

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Autofahrer, die mit einem kleinen Coupé oder SUV von Mercedes liebäugeln, sollten sich beeilen: Ab Sommer nimmt der Stuttgarter Autobauer einige besonders günstige Varianten der Modelle CLA und GLA aus dem Programm. Es lohne nicht, diese Autos für die neuen Abgasmessungen nach WLTP fit zu machen, sagte ein Daimler-Sprecher gegenüber manager-magazin.de. Die Nachfolgemodelle seien erst in etwa einem Jahr verfügbar.

Derartige Einschnitte in der Produktpalette verzeichnen derzeit praktisch alle namhaften Autobauer. Manche tun sich noch erheblich schwerer als Mercedes, ihre Flotte nach WLTP (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure) zu zertifizieren. Dieses Messverfahren ist ab September für alle neuen Autos vorgeschrieben.

Und das überfordert offenbar manche Hersteller: So ist der BMW 7er in Europa ein Jahr lang als Benziner nicht lieferbar. Auch andere BMW-Modelle werden monatelang nicht mit Ottomotor erhältlich sein .

Sport-Ikone BMW M3 vorübergehend nicht im Programm

Die Münchener nehmen auch die Sport-Ikone M3 vorübergehend aus dem Programm. Es sei zu aufwändig, den Motor eigens für einen nun benötigten Partikelfilter umzubauen. Erst nachdem der neue 3er ab dem vierten Quartal 2018 auf den Markt kommt, rechnen Branchenkenner mit einem abgasarmen M3.

Die Probleme sind offenbar eine mittelbare Folge des Abgasskandals. Der Gesetzgeber in Brüssel übt plötzlich mehr Druck auf die Industrie aus, nachdem er sie jahrzehntelang mit Schlupflöchern und Ausnahmen verhätschelte, und die Hersteller in der Folge Millionen Autos mit manipulierten Motoren bauten.

Die Abgasmessung nach WLTP-Standard soll nun sicherstellen, dass Verbrauch und Abgasausstoß auf dem Prüfstand nicht mehr so stark von der Realität abweichen wie bisher. Die Hersteller müssen dazu jede einzelne Motorvariante in einem langwierigen Verfahren zertifizieren lassen.

Zusätzlich bereiten die Autobauer ihre Fahrzeuge auf Abgastests unter realen Fahrbedingungen im RDE-Zyklus (Real Drive Emissions) vor. Doch dafür müssen Ingenieure Motoren und Abgassysteme oft neu konstruieren. Es fehlt zudem an Prüfständen.

"Unsere Prüfstände sind ausgelastet und arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb", erklärt ein BMW-Sprecher gegenüber manager-magazin.de den Stau beim Zertifizierungsverfahren. Es sei zudem "komplex", Partikelfilter "in das gesamte Portfolio unterzubringen".

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Ende Mai stoppt BMW in Europa zudem die Produktion der Benzinvarianten des X5 und X6 und des 6er-Benziners mit Ausnahme der GT-Version. Die SUVs werden erst 2019 wieder mit Benzinmotor lieferbar sein. Auch die Benziner-Allradversion 225 iX Active Tourer fliegt vorübergehend aus dem Programm - ebenso wie die Allrad-Versionen des X1 und X2 mit Ottomotor.

Volkswagen erwartet Produktionsengpässe ab August. "Mit Hochdruck" werde daran gearbeitet, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, betonte Personalleiter Martin Rosik. Dennoch seien Lieferschwierigkeiten bei bestimmten Modellen möglich.

Einige Varianten, die bis dahin noch kein WLTP-Zertifikat hätten, müssten vorläufig aus dem Programm genommen werden. Dazu zählen beispielsweise Einstiegsmodelle von Golf GTI und Up. VW nutzt die Umstellung, um wenig nachgefragte Varianten wegfallen zu lassen.

Von den Engpässen stark betroffen ist Audi. "Auch wir spüren die Auswirkungen von WLTP, da kommt es aktuell zu Übergangsfristen", sagte eine Firmensprecherin gegenüber manager-magazin.de. Sie bezeichnete allerdings Zahlen des Auto-Neuwagenportals Carwow  als "nicht nachvollziehbar", nach denen derzeit nur fünf von 46 Modellen der VW-Tochter voll bestellbar seien. Der Hersteller bestätigt dagegen, dass derzeit keines der zuletzt stark beworbenen Erdgasmodelle (G-Tron) erhältlich ist.

Porsche-Kunden haben es besonders schwer. Wegen der Umstellung sind zurzeit gar keine Modelle frei konfigurierbar. Wer einen neuen Porsche haben will, bekommt aktuell nur einen, der fertig bei einem Händler steht. Erst ab September gibt es wieder konfigurierbare Neuwagen - allerdings erst einmal für die am stärksten nachgefragten Modelle. Porsche startet mit "ausgewählten Modellen" des 911er und 718er mit Ottopartikelfilter.

Probleme gibt es auch bei Hyundai und Skoda

Probleme gibt es auch bei Hyundai und Skoda. Von keinen Einschränkungen berichten dagegen Händler bei Opel und Volvo. Die Carwow-Umfrage umfasst nicht alle Marken, da das Unternehmen nicht mit Händlern aller Fabrikate zusammenarbeitet.

Daimler sieht sich hingegen weitgehend im Plan. "Wir arbeiten aktuell mit Hochdruck an den letzten Vorgängen zur Umstellung des Portfolios auf WLTP und gehen derzeit davon aus, dass das gesamte Portfolio zum 01.09.2018 unseren Kunden zur Verfügung stehen wird", so der Firmensprecher. Die dann nicht mehr erhältlichen Varianten von Mercedes CLA und GLA wären ohnehin etwas später weggefallen.

Lange hatte die Fahrzeugbranche darauf gesetzt, dass die Politik ihr bei der WLTP-Umstellung mehr Zeit einräumen würde. Auf einen Aufschub von drei Jahren spekulierte die Industrie. Doch Brüssel blieb bei seinem Fahrplan, so dass nun WTLP- und RDE-Umstellung zusammenfallen.

Das bringt die Branche nach eigenen Angaben an ihre Grenzen. Der Einbau eines Partikelfilters sei bei direkt einspritzenden Benzinern kompliziert, sagt der BMW-Sprecher. Zunächst müssten Techniker sicherstellen, dass genügend Bauraum zur Verfügung steht. Die Motorsteuerung sei neu zu kalibrieren. Am Auspuff verursache ein derartiges zusätzliches Bauteil Schwingungen, die es abzudämpfen gelte.

Weil die EU-Vorgaben ab September 2018 auch für bestehende Baureihen gelten, seien nun die Entwicklungskapazitäten im Unternehmen knapp, sagt der BMW-Sprecher. Zugleich verweist er auf einen Lieferengpass bei Feinstaubfiltern.

Wenig Verständnis für das Wehklagen bringt der umweltorientierte Verkehrsklub Deutschland (VCD) auf. "Die Hersteller hatten vier Jahre Zeit, sich auf den Einbau von Partikelfiltern vorzubereiten", sagte VCD-Experte Michael Müller-Görnert gegenüber manager-magazin.de. Der für die Abgasreinigung nach RDE-Bedingungen nötige Vorgang sei auch weniger schwierig als von Autobauern beschrieben.

Um den Schaden zu begrenzen, bringen die Hersteller zunächst Fahrzeuge auf den neuesten Stand, die sie in großen Stückzahlen verkaufen. Unterm Strich werde BMW nicht nennenswert weniger Autos verkaufen, hofft der Hersteller, da Kunden auf alternative Fahrzeuge des Herstellers umsteigen würden.

Doch beispielsweise beim 7er ist das temporäre Aus für Benziner nicht trivial. Zwar wurden laut BMW im vergangenen Jahr europaweit nur etwa 2000 der betroffenen Fahrzeuge verkauft. Doch ist gerade diese Antriebsart derzeit zunehmend gefragt, weil Autofahrer Fahrverbote für Dieselwagen fürchten. In Deutschland ließen die Behörden zuletzt sogar mehr Benzin-7er zu als Selbstzünder.