Unerwarteter Milliardensegen Billige Rohstoffe geben deutschen Autobauern neuen Schub

Autoverladung in Bremerhaven: Günstige Rohstoffe und der schwache Euro lassen die Herstellungskosten pro Auto um rund 400 Euro sinken - und wirken als Gewinn-Turbo für VW, Daimler, BMW und Co

Autoverladung in Bremerhaven: Günstige Rohstoffe und der schwache Euro lassen die Herstellungskosten pro Auto um rund 400 Euro sinken - und wirken als Gewinn-Turbo für VW, Daimler, BMW und Co

Foto: © Fabian Bimmer / Reuters/ REUTERS

Rekordabsatz, Rekordumsatz, Rekordgewinne: Kann es noch besser laufen für die deutsche Autoindustrie als zur Zeit? Ja, es kann.

So wie es aussieht, steuern Volkswagen , BMW  und Daimler  auf eine nie dagewesene Phase exorbitanter Gewinne zu - sofern sich an den Grundkoordinaten der Weltwirtschaft nichts Gravierendes ändert. Die Gründe: Rohstoffe für die Fahrzeugproduktion sind so billig wie seit Jahren nicht mehr. Zugleich hebt der schwache Euro die Gewinnmargen in neue Dimensionen.

"Was gerade passiert, ist herausragend", sagt Autoanalyst Arndt Ellinghorst von Evercore ISI. Er verweist vor allem auf die Währungseffekte.

Der schwache Euro  sei geeignet, den deutschen Herstellern im kommenden Jahr zusammen einen Extra-Gewinn von vier bis fünf Milliarden Euro zu ermöglichen. Schon in diesem Jahr mache sich der Effekt bemerkbar. Geschäfte zur Währungsabsicherung lassen ihn allerdings erst mit Verzögerung auftreten.

Volkswagen profitiert besonders von der Rohstoff-Baisse

Auch billige Metalle wie Stahl, Kupfer oder Aluminium dürften die Autobauer sehr erfreuen. In Nordamerika etwa sind die Preise der 17 wichtigsten Rohstoffe, die in der Autoproduktion benötigt werden, seit August 2014 um 23 Prozent gefallen. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung AlixPartners, die manager magazin exklusiv vorliegt. Der starke Preisrückgang ist ungewöhnlich. Zwischen September 2012 und August 2014 blieben die Rohmaterial-Preise nahezu stabil, nun fallen sie kräftig - und es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass die Preise bald wieder steigen.

"Die Preisentwicklung bei den Rohstoffen entlastet die deutschen Hersteller theoretisch jeweils um einen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr. Bei Volkswagen kann es eine Milliardensumme werden", sagt Analyst Frank Schwope von der NordLB.

Hersteller sparen bis zu 400 Euro je Auto in der Herstellung

Das deckt sich in etwa mit dem, was Ellinghorst erwartet: "In diesem Jahr sparen die deutschen Hersteller jeweils etwa 200 bis 500 Millionen Euro. 2016 sind 500 Millionen bis eine Milliarde Euro möglich." Auch bei den Rohstoffen schlagen die Preissenkungen mit Verzögerung durch, weil Hersteller und Zulieferer in ihren Lieferverträgen mittelfristig planen.

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Der Preis für Eisenerz ist seit 2010 von 200 Dollar pro Tonne auf 50 Dollar gesunken. Koks, der zur Stahlerzeugung benötigt wird, verbilligte sich seit 2012 von 240 auf unter 100 Dollar pro Tonne. Kupfer  kostete 2011 etwa 10.000 Dollar pro Tonne, nun sind es 6000. Der Aluminiumpreis ist von 2750 Dollar pro Tonne (2011) auf nunmehr 1750 Dollar gesunken.

Stahl ist immer noch das mit Abstand wichtigste Metall in der Autoherstellung. In den vergangenen sieben Monaten sind die Preise für warmgewalzten Stahl um 30 Prozent zurückgegangen, heißt es in der AlixPartners-Untersuchung, die Zinkpreise gaben um 12 Prozent nach.

Pro Auto sinken die Produktionskosten dadurch um etwa 300 bis 400 Euro, wie die von manager magazin befragten Experten errechneten. AlixPartners rechnet für die US-Autohersteller sogar mit Verbilligungen von 460 Dollar pro Fahrzeug, das sind rund 430 Euro.

"Das sind tektonische Verschiebungen, die es so noch nicht gegeben hat"

Zusammengenommen könnten die Währungs- und Rohstoffeeffekte die Gewinne der Hersteller in neue Dimensionen katapultieren: Auf 20 bis 30 Prozent taxiert Analyst Ellinghorst die möglichen zusätzlichen Profite für das kommende Jahr. Für Volkswagen entspricht das bis zu vier Milliarden Euro.

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"Das sind tektonische Verschiebungen. So etwas war noch nicht zu beobachten in Zeiten ohne massive geopolitische Effekte", sagt Ellinghorst. Voraussetzung für diese Milliarden-Bonanza ist, dass Wechselkurse, Rohstoffpreise und Autonachfrage etwa auf dem derzeitigen Niveau bleiben.

Der US-Hersteller Ford könnte alleine durch den billigeren Rohstoffeinkauf seine Kosten um 1,4 Milliarden Dollar verringern. Ein Volumenhersteller könne seine Marge allein durch den Rohstoffeffekt von derzeit 6 auf 7 bis 7,5 Prozent steigern, erwartet Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Für die Marke VW-Pkw wäre das schon ein Sanierungsprogramm", sagte er gegenüber manager magazin.

Die Zulieferer werden stärker ausgepresst

Um die Gewinne in größtmöglichem Ausmaß tatsächlich zu realisieren, müssen die Automanager nun den harten Hund geben, was sie ja ganz gut können sollen. Zum einen müssen sie den Zulieferern starke Preisnachlässe abringen, um deren günstigere Einkaufspreise so weit wie möglich abzuschöpfen. "Man kann davon ausgehen, dass die Zitrone noch etwas mehr ausgepresst wird", sagt Analyst Schwope.

Auf der anderen Seite müssen Volkswagen, Daimler und Co. der Versuchung widerstehen, mit heftigen Rabatten um Kunden zu buhlen. Ein weiter starker Automarkt in Nordamerika, China und endlich auch Europa könnte dazu beitragen, dass dies es gelingt.

Ein bisschen profitieren die Autokäufer womöglich aber schon von der besseren Finanzlage der Hersteller. Sie "könnten die Autos etwas besser ausstatten, um Marktanteile zu gewinnen", erwartet Ellinghorst. Große Rabattaktionen gebe es "hoffentlich" nicht. Stattdessen sollten sich Aktionäre auf höhere Dividenden und Aktienrückkaufprogramme freuen.